17. Januar 2020

Wie kein anderer Künstler seiner Zeit hat sich Richard Jackson der radikalen Erweiterung der Malerei verschrieben. Die Schirn präsentiert erstmals in einer Ausstellung eine Auswahl seiner „Rooms“.

Von Schirn Magazin

Der US-amerikanische Künstler Richard Jackson sprengt die formalen Grenzen des Malerischen und schafft Situationen, in denen er den Farbauftrag durch den Einsatz von Maschinen mit dem Prozesshaften verbindet. Die Schirn präsentiert vom 6. Februar bis 3. Mai 2020 erstmals in einer Ausstellung fünf der insgesamt zwölf existierenden, charakteristischen „Rooms“ von Richard Jackson – Rauminstallationen, die auf dem Prinzip der automatisierten Malerei basieren.

Zum Teil von allen Seiten, zum Teil nur durch Fenster oder Gucklöcher einsehbar, offenbart die Ausstellung Einblicke in Jacksons „Räume“. Er kombiniert kritische Kommentare zur Malerei mit sozialen Kontexten, paart sie mit provokativem Witz und Doppeldeutigkeiten sowie Referenzen auf ikonische Werke von Künstlern wie Marcel Duchamp, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns.

In den Räumen werden comicartige Figuren, Tiere oder Gegenstände zu Akteuren eines einmaligen Prozesses: Luftkompressoren und Pumpen lassen satte Farbe durch Schläuche und Trichter, durch Ohren, Münder und andere Körperöffnungen fließen, um sie jeweils auf Boden, Wänden, Einrichtung und den Protagonisten selbst zu verteilen. Die thematischen Zimmer dokumentieren eine vom Künstler losgelöste Malerei, die ins Räumliche expandiert. Wenn das Publikum die Fläche betritt, ist schon alles vorüber. Es wird zum Ermittler des vorausgegangenen spektakulären Malakts und zum Voyeur skurriler Szenarien. Der Prototyp von Jacksons „Rooms“ ist die nicht mehr erhaltene Arbeit „The Bedroom“, die als Experiment zwischen 1976 und 1982 entstand. 

Richard Jackson, The Dining Room (Detail), 2006-2007, Courtesy the artist, Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, and Hauser & Wirth. Foto: Guillaume Grasset

Die Schirn präsentiert das spätere Remake der Arbeit „Bed Room“ (2002), in der Jackson das Mobiliar des Zimmers reduzierte und den Malakt vom mit Farbe gefüllten Bett ausführen ließ, angehoben von einem rotierenden Lift. Auch „The Maid’s Room“ (2006/07) entwickelte Jackson in intensiver Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk: Marcel Duchamps ikonische Arbeit „Étant donnés“ (1946–1966). Jackson veränderte in seiner Neuinterpretation elementare Motive. Das zentrale Moment, der voyeuristische und zugleich eingeschränkte Blick der Betrachter auf einen nackten Frauenkörper mit gespreizten Beinen blieb jedoch erhalten. Mit der Arbeit referiert Jackson unter anderem auf eine künstlerische Darstellungstradition, in der das weibliche Geschlecht eine Metapher für die Lust am Schauen sowie das Schöpferische an sich darstellt.

Diesen Aspekt greift auch „The Delivery Room“ (2006/07) auf, eine martialische Geburtsszene in einem Kreißsaal. Es sind Säuglinge, Unterleibsprothesen, Farbeimer und explosiv im ganzen Raum verteilte Farbe zu sehen. Ein Mann filmt mit seiner Kamera das Geschehen, das auf einen Monitor nach draußen übertragen wird. Nur von dort oder durch ein kleines rundes Fenster erhalten die Betrachter Einblick in das Geschehen. Die qualvolle Geburtsdarstellung verweist auf die Anstrengungen künstlerischen Schaffens und demontiert zugleich eine nicht zuletzt im abstrakten Expressionismus zelebrierte Heroisierung der malerischen Schöpfung.

Richard Jackson, Courtesy Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, © Richard Jackson, Foto: Marianne le Metayer
Richard Jackson, The Delivery Room, 2007, Galerie Yvon Lambert, New York, 2006-2007

„The Dining Room“ (2006/07) zeichnet ein anderes groteskes Familienporträt, das Jackson in einen von allen Seiten offen einsichtigen Raum platziert. Mitten auf dem Esstisch im Zentrum hockt mit heruntergelassener Hose der Vater und lässt seinem Unmut buchstäblich freien Lauf. Bunte Farbe ist quer über Tisch, Geschirr, Boden und die restlichen Familienmitglieder verteilt, die apathisch an der Szene teilnehmen. Durch Trichter und Kanister läuft Farbe in ihre Köpfe, um an anderer Stelle wieder herauszufließen und sich im Raum auszubreiten. Über dem Tisch verkündet ein Kronleuchter in blinkender Leuchtschrift „HOME SWEET HOME“.

Der Schauplatz der Installation „The War Room“ (2006/07) ist ein politisches Schlachtfeld. Entenfiguren in Militärmontur und Brüsten als Augen stehen sich um einen Globus paarweise gegenüber und haben sich gegenseitig mit Farbe bespritzt, zwei weitere kopulierende Figuren verstecken sich in seinem Inneren. Die Weltkarte referiert auf die von Richard Buckminster Fuller patentierte Karte, die mit 20 gleichseitigen Dreiecken eine proportional korrekte Darstellung der Kontinente ermöglicht. Jackson zeigt sie gespickt mit Ölfördertürmen im Miniaturformat, die die Szene als einen Kampf um knapper werdende Ressourcen entlarven.

Richard Jackson, The Dining Room, 2006-2007, Courtesy the artist, Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, and Hauser & Wirth. Foto: Guillaume Grasset
Richard Jackson, The War Room, 2006-2007. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Installation view, Richard Jackson: Accidents in Abstract Painting, the Armory, Armory Center for the Arts, Pasadena, 2012, Foto: Joshua White