Die Surrealistinnen schöpf­ten ihre Bildwelten oft aus Träu­men und Mythen. Dazu hätten bekannte Psychoanalytiker bestimmt einiges zu sagen gehabt.

Die Surrealist*innen kreierten mit ihren Werken eine Spielwiese des Unbewussten und schöpften ihren Ideenreichtum oft aus Träumen, Mythen und der Alchemie. Sicher hätten auch der bekannte Psychologe und Theoretiker Sigmund Freud sowie der Psychiater Carl Gustav Jung als prägende Zeitgenossen der „Fantastischen Frauen“ manch eine Erklärung für die surrealen Bildwelten gefunden. Freud, der als Begründer der Psychoanalyse gilt, hat in Werken wie der „Traumdeutung“ oder „Jenseits des Lustprinzips“ die Manifestationen des Unbewussten untersucht, zum Beispiel einen Traum oder Wiederholungszwang in Hinblick auf ihre oftmals unterdrückten und an den Sexualtrieb gekoppelten Ursprünge. Jung war in seiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Unbewussten stark von Freuds „Traumdeutung“ beeinflusst und stand in regem Austausch mit ihm. Ab 1912 distanzierte er sich jedoch von Freud, kritisierte dessen Libido-Begriff als zu einseitig auf den frühkindlichen Sexualtrieb beschränkt und entwickelte stattdessen die analytische Psychologie mit ihrem Fokus auf die Persönlichkeitsstruktur des Individuums.

Wir haben uns die Schriften und Theorien zur Traumdeutung einmal zur Hand genommen und blicken damit auf ausgewählte Werke der „Fantastischen Frauen“. Dabei sind wir auf allerhand interessante Metaphern und Symbole gestoßen – für die es mit Sicherheit mehr als nur eine Deutungsebene gibt.

Meret Oppenheim: Einige der ungezählten Gesichter der Schönheit, 1941
Meret Oppenheim, Einige der ungezählten Gesichter der Schönheit, 1941 © MASI, Lugano / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Meret Oppenheim kam durch den Einfluss ihres Vaters bereits früh mit den Theorien C.G. Jungs in Berührung und protokollierte ihre Träume regelmäßig. Ihre Auseinandersetzung mit Jungs Theorie der „Zwei­geschlechtlichkeit“ der menschlichen Psyche spiegelt sich auch in ihrem künstlerischen Schaffen wieder, das oft von androgynen Wesen beherrscht wird. Für Jung weist jedes Individuum unbewusst Eigenschaften des jeweils anderen Geschlechts auf, die für die individuelle „Ganzwerdung“ ins Bewusstsein übertreten und versöhnt werden müssen. Oppenheims Werk „Einige der ungezählten Gesichter der Schönheit“ scheint diesen Bewusstwerdungsprozess der psychologischen „Zweigeschlechtlichkeit“ symbolisch offenzulegen. Inmitten der Nacht, die in der Traumsymbolik allgemein als Zeichen des Unbewussten gilt, sitzt eine weibliche Gestalt oberkörperfrei auf einem Baumstamm. Anstelle ihres Kopfes wächst ein Haus, welches von Fabelwesen bewohnt und von einem dunklen Wald umgeben wird, der bereits auf das Haus überzugreifen droht.

Während das Streicheln des weißen Kaninchens in der Traumdeutung als Ausdruck eines Kinderwunsches gelesen werden kann, wird das Haus als weibliches Symbol der Sicherheit begriffen, das nach Jung Aufschlüsse über die seelische und körperliche Verfassung der Träumenden gibt. Die Monster im Inneren des Hauses verweisen auf eine Furcht vor den eigenen animalischen Trieben, während der dunkle Wald in der Traumdeutung oft als eine Begegnung mit den Geheimnissen des Unbewussten gedeutet wird. Doch was könnte sich in den Tiefen des Unbewussten verbergen? Baumstamm und Rohr fungieren Freud zufolge als Phallussymbole, wohingegen das fellartige Beinkleid nach Jung den oftmals unbewussten männlichen Wesenszug der Frau – ihren „weiblichen Animus“ – symbolisiert, der für die individuelle „Ganzwerdung“ ins Bewusstsein treten muss.

Claude Cahun und Marcel Moore, Aveux non avenus, 1930
Claude Cahun und Marcel Moore Tafel VII aus: Aveux non avenus (Nichtige Geständnisse), 1930 © Städel Museum – ARTOTHEK

„Aveux non avenus“ (Nichtige Geständnisse) ist eine Gemeinschaftsarbeit von Claude Cahun und Marcel Moore, für die sich auf sprachlicher und bildlicher Ebene der avantgardistischen Praxis des Schneidens angenähert wurde. Elemente wurden auseinandergenommen, an anderer Stelle wieder eingefügt und zu neuen unerwarteten Sinnzusammenhängen geformt. Die intensive Auseinandersetzung mit Esoterik und östlichen Religionen der Künstler*innen spiegelt sich auch in „Aveux non avenus“ wieder, in dem die Beziehung zwischen „Ich“ und „drittem Auge“ ebenso thematisiert wird, wie Fragen nach einer objektiven und subjektiven Sichtweise. Wenngleich Cahun und Moore weniger der Psychoanalyse zugewandt waren, als manche ihrer Zeitgenoss*innen, hätten Freud und Jung gleichwohl Vergnügen an dem Symbolreichtum ihrer Werke finden können.

Der Schatten eines rauchenden Männerkopfes zeichnet sich auf einem Schachbrett ab, während demgegenüber eine linke Hand beruhigend auf einen Handschuh abgelegt wurde. Wenn das Schachspiel in der Traumdeutung als Kampf zwischen den weißen (bejahenden) und schwarzen (verneinenden) Kräften der Träumenden gedeutet wird, scheinen die Schattenfigur als verneinende und die Hand als bejahende Kraft im Spiel erbitterte Kontrahenten zu sein. Der Schatten repräsentiert dabei einerseits die dunkle Seite des Unbewussten und könnte nach Jung als „inferiore Funktion“ gedeutet werden. In Jungs „Psychologie der Typen“ beschreibt er insgesamt acht Einstellungs- und Bewusstseinsfunktionen, die konstitutiv für die sich selbst regulierende Persönlichkeitsstruktur eines Individuums sind. Die „inferiore“ Funktion stellt demnach die unterentwickeltste aller Funktionen dar und ist am engsten mit dem Unbewussten verknüpft.

Andererseits versinnbildlicht der Schatten auch einen männlichen Stereotyp, denn die Zigarette symbolisiert neben geistiger Aktivität und Planungsbereitschaft Freud zufolge – wieder einmal – den Phallus. Demgegenüber wird in der allgemeinen Traumdeutung die linke Hand als Zeichen für das Weibliche gelesen. Die schwarzen Kräfte scheinen zu gewinnen, doch wirkt die linke Hand zur Handlung bereit: sie liegt beschwichtigend auf dem Handschuh, der gemeinhin als Symbol der Zurückhaltung und eines starken Sicherheitsbedürfnis gedeutet wird. Wer wird wohl siegen? Die Karten im Vordergrund könnten einen Hinweis geben. Nicht nur kündigen sie in der Traumsymbolik das Leben als ein großes Spiel an. Da sowohl Pik Dame, als auch Herz Bube einen durchweg positiven Kartenwert darstellen, können sie als Boten einer rosigen Zukunft gedeutet werden. 

Emila Medková, Vodopád vlasů (Haarwasserfall), 1949/50
Emila Medková, Vodopád vlasů (Haarwasserfall), 1949/50 © Eva Kosáková Medková

Mit einem Blick auf Emila Medkovás „Vodopád vlasů“ (Haarwasserfall) hätten die Theorien Freuds und Jungs abschließend sogar einen Erklärungsversuch für ein wiederkehrendes Bildmotiv des Surrealismus anbieten können. Denn wie auch in verschiedenen Werken von Claude Cahun, Marcel Moore, oder Leonor Fini, wird auch in Medkovás Fotografie das Ei zum zentralen Bildmotiv. Während es bei der tschechischen Künstlerin aus einer Auseinandersetzung mit der sprachlichen und formalen Ähnlichkeit zwischen dem französischen œil (Auge) und œuf (Ei) resultiert, die von Georges Bataille schon 1928 in „Die Geschichte des Auges“ reflektiert wurde, könnte man das Ei (wie auch die Mistkäfer) Freud und Jung folgend als Symbol der Wiedergeburt und des Glücks deuten, wobei nach Freud auch sexuelle und mütterliche Implikationen mitschwingen. Ist das Ei mit einem Auge versehen, kann das Auge als Spiegel der Lebenskraft und als Aufforderung begriffen werden, im neuen Leben eine größere Offenheit gegenüber (un)bewussten und oftmals selbstreflexiven Erkenntnissen zu kultivieren.

Dieser Aufforderung scheint Medková in ihrer Fotografie nachgegangen worden zu sein. Betrachtet man die verschiedenen Schattenfiguren durch die Brille von Freud und Jung, stehen sie stellvertretend für die Auseinandersetzung mit dem Selbst und dessen unbewussten Seiten. Wenn einzig der Schattenriss der Frau keine reale Entsprechung in der Fotografie findet, ließe sich in ihr nach Jung wohl eine besondere Hervorkehrung der unterdrückten „inferioren“ Funktion erkennen, deren Eigenschaft womöglich mit dem Wasserhahn in Verbindung steht. Dieser repräsentiert für Freud das männliche Glied, kann aber auch als Zugang zu Gefühlen oder anderen Ressourcen, wie etwa Wissen, begriffen werden. Ist der Wasserhahn verstopft, kann dies auf eine Blockade hinweisen. In Medkovàs Fall wird jene Blockade durch Haare ausgelöst, die nach Freud das Phallische und Triebhafte repräsentieren. Im Traum können sie die Träumenden dazu ermahnen, die Haltung zu den eigenen Trieben zu überprüfen und zu einer größeren Balance zwischen Trieb und Ratio anregen. 

Eine Kunstbetrachtung mit Augenzwinkern

Legt man die psychoanalytische Brille indes wieder ab, wird deutlich, dass Jung und Freud eine solche Kunstbetrachtung sicher nur mit einem Augenzwinkern betrieben hätten. C.G. Jung geht zwar davon aus, dass Traumsymbole auf einer objektiven Ebene aufeinander bezogen und hinsichtlich ihres Symbolgehalts gedeutet werden können, doch bringt er diese formale Traumanalyse in Folgeschritten mit der Biografie und Gefühlswelt der Träumenden zusammen und stellt sie abschließend in einen gesamtgesellschaftlichen „archetypischen“ Zusammenhang. Da die subjektive Innenschau der „Fantastischen Frauen” in der Schirn aus naheliegenden Gründen uneingelöst bleibt, beschränken wir die Freudsche und Jungianische Betrachtung auf die formale Analyse der Traumsymbole. Alles weitere wäre auch vor allem eines: viel zu privat und der ärztlichen Schweigepflicht unterstellt.  

FANTASTISCHE FRAUEN

SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO

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