14. Februar 2020

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich Mexiko zu einem neuen Zentrum der surrealistischen Avantgarde. Erst hier fanden viele Künstlerinnen die Freiheit, sich neu zu erfinden.

Von Tere Arcq

Zwischen 1939 und 1953 kam eine Gruppe von Künstlerinnen, die dem Surrealismus verbunden waren, nach Mexiko und verbrachten in der neuen Wahlheimat den Rest ihres Leben. Mexiko, von André Breton als „das Land der konvulsiven Schönheit“ beschrieben, hatte mit seiner üppigen Natur, dem enormen Reichtum der präkolumbianischen Geschichte und Mythologie, mit seiner Kultur, die Leben und Tod in Einklang bringt, mit seinen traditionellen Festen und seiner Volkskunst schon früh einen privilegierten Platz in der surrealistischen Vorstellungswelt eingenommen.

Diese Anziehungskraft steigerte sich noch einmal deutlich nach dem Besuch des Landes durch André Breton und seine Frau, die französische Malerin Jacqueline Lamba, 1938. Bei ihrer Ankunft wurden die Bretons von Frida Kahlo und Diego Rivera aufgenommen und waren sofort begeistert von deren wunderschönem Casa Azul (Blaues Haus, heute das Museo Frida Kahlo), mit seinen tropischen Gärten voll exotischer Blumen, Vögel, Affen und prähispanischer Idole. Bretons Eindrücke von Mexiko übertrafen in ihrer Pracht alle Erwartungen und bald nach seiner Rückkehr schrieb er den berühmten Artikel „Erinnerung an Mexiko“, der in der Zeitschrift Minotaure erschien.

Reich illustriert mit Aufnahmen des mexikanischen Fotografen Manuel Álvarez Bravo sowie des belgischen Künstlers Raoul Ubac, die lokale Landschaften, Menschen auf Märkten und Straßenszenen, Gemälde Diego Riveras, Votivbilder und zu rituellen Zwecke dienende Volkskunst zeigen, etwa Zuckerschädel für den Día de Muertos, den Tag der Toten, schildert der Artikel im Detail Bretons Reise an einen fantastischen, geheimnisvollen Ort.

Casa Azul, Image via WikiCommons

Im Jahr darauf zeigte Frida Kahlo – im Anschluss an ihre erste Einzelausstellung in der Julien Levy Gallery in New York – ihre Gemälde in der Pariser Galerie Renou & Colle im Rahmen der von Breton und Marcel Duchamp organisierten Gruppenausstellung „Mexique“. Die Schau erregte die Aufmerksamkeit der künstlerischen Avantgarde, und so fand sich Kahlo auf einmal inmitten des surrealistischen Milieus wieder.

Über Lamba lernte sie die französische Dichterin Alice Rahon, die Ehefrau des österreichischen Malers und Kunsttheoretikers Wolfgang Paalen, sowie die spanische Malerin Remedios Varo, die Lebensgefährtin des Dichters Benjamin Péret, kennen. So wie etliche Surrealisten interessierten sich auch die Paalens für alte Kulturen, doch sicherlich hat erst Kahlos Einladung nach Mexiko sie dazu veranlasst, Europa noch vor Kriegsbeginn zu verlassen.

Frida Kahlo, Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA, 1932, Courtesy Maria and Manuel Reyero Collection, New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs richtete sich die Aufmerksamkeit der meisten Künstlerinnen und Künstler auf New York, das damals Paris als neue Hauptstadt der Kunst ablöste. Wichtige in New York ansässige Mäzeninnen und Mäzene wie Peggy Guggenheim und der Direktor des Museum of Modern Art (MoMA), Alfred Barr, bemühten sich aktiv darum, Künstler und Intellektuelle mithilfe des Emergency Rescue Committee in die Vereinigten Staaten zu holen. Trotz beträchtlicher Unterstützung aus den USA wurde aber einigen Surrealisten aufgrund ihrer Verbindung zur kommunistischen Partei das Einreisevisum verweigert.

Trotz großer Unterstützung wurde vielen Künstlern die Einreise in die USA verweigert

Mexiko zeigte sich da weitaus einladender. Ende der 1930er-Jahre öffnete Präsident Lázaro Cárdenas mit seiner toleranten Einwanderungspolitik die Grenzen des Landes nicht nur für republikanische Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs, sondern auch für alle, die dem Zweiten Weltkrieg entkommen wollten, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen. Die ersten surrealistischen Künstler, die kamen, waren die Paalens in Begleitung der Schweizer Fotografin Eva Sulzer. Sie ließen sich in San Ángel im Süden von Mexiko-Stadt, unweit von Kahlos Atelier, nieder. 1941 folgten Varo und Péret und zogen in eine alte „vecindad“ (Mietshaus) in der Calle Gabino Barreda, im Viertel San Rafael, das zum Mittelpunkt der Exilsurrealisten wurde.

Leonora Carrington, Composition (Ur of the Chaldees) – (Komposition [Ur, der Chaldäer]), 1950 © Weinstein Gallery, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Varo verwandelte die kleine gemeinsame Wohnung in einen magischen Ort voller Katzen, Kristalle und Talismane und erhielt dort regelmäßig Besuch von der Malerin Leonora Carrington, die mehr als ein Jahr später eintraf. Carrington und Varo kannten sich schon von surrealistischen Versammlungen in Pariser Cafés, doch erst in Mexiko entwickelte sich zwischen ihnen eine enge Freundschaft. Gemeinsam erkundeten die beiden alte Städte, in denen noch überlieferte magische Rituale praktiziert wurden, und traditionelle Märkte in Mexiko-Stadt, auf der Suche nach Kräutern und Rezepten für kulinarische Experimente. Bald gesellte sich die ungarische Fotografin Kati Horna dazu und einige Jahre später auch Bridget Tichenor, eine französisch-britische Künstlerin, die 1953 aus New York nach Mexiko kam.

In Mexiko fanden Künstlerinnen die nötige Freiheit, sich selbstständig zu entwickeln

Der Surrealismus war die erste künstlerische Bewegung, die eine größere Anzahl von Frauen in ihren Reihen verzeichnete. Anfangs sah man in ihnen eher „Musen“ als eigenständige Künstlerinnen, doch in Mexiko fanden sie die nötige Freiheit, um ganz eigene Ausdrucksweisen zu entwickeln. Eine verblüffende Anzahl von Porträts und Selbstbildnissen macht deutlich, wie diese Künstlerinnen dem Vorbild Frida Kahlos folgten und den akademischen Kanon unterliefen, sich auf eine mit Symbolen und persönlichen Mythen aufgeladene Erkundung ihrer Psyche begaben und einen Diskurs weiblicher Emanzipation eröffneten. Eben diese Anliegen verbanden sie miteinander.

Remedios Varo, Creación con rayos astrales, 1955, Private Colleciton, Courtesy ART VIA, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Alle teilten sie ein tiefgreifendes Interesse an der Welt des Magischen und Okkulten, bezogen ihr Wissen aus unterschiedlichsten spirituellen Quellen, sei es Mythologie, Tarot, Alchemie, Astrologie, die Kabbala, Buddhismus und Hinduismus oder aber Lehren zur inneren Entwicklung des Menschen, wie sie die russischen Esoteriker Georges I. Gurdjieff und P. D. Ouspensky vertraten.

Weit entfernt von Paris fanden diese Künstlerinnen und ihre Partner einen Ort der Neuerfindung im mexikanischen Exil. Sie schufen für sich neue Identitäten, die sie in ihrer Eigenständigkeit bestätigten, die Raum für Fantasie boten und für das Aufblühen ihrer Kreativität. Der Dichter Juan Larrea bemerkte zutreffend, dass sich die westliche Kultur in Berührung mit der „Neuen Welt“ erneuerte, denn dort entdeckte sie einen Ort, an dem der scheinbare Widerspruch von Traum und Wirklichkeit sich endlich auflösen ließ in einem vollkommenen surrealistischen Land.

Jacqueline Lamba, Tournesol (Sonnenblume), um 1942 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Francisco Kochen, VG Bild-Kunst, Bonn 2020