07. März 2019

Zusammen mit Jackson Pollock lebte Lee Krasner lange Zeit im bescheidenen Springs, East Hampton. Kuratorin Ilka Voermann hat das gemeinsame Haus des Künstlerpaares besucht.

Von Ilka Voermann

In einem Interview mit Doloris Holmes 1972 fasst Lee Krasner das Dilemma, selbst Künstlerin und gleichzeitig die Ehefrau, Witwe und Nachlassverwalterin des berühmten Jackson Pollocks zu sein, treffend zusammen: „And I think even today it’s difficult for people to see me, or to speak to me, or observe my work, and not connect it with Pollock. They cannot free themselves“. Tatsächlich wurden Krasners Werk und ihre Rolle als Malerin der ersten Generation des Abstrakten Expressionismus bisher kaum außerhalb der USA gewürdigt.

Die umfassende Retrospektive im Herbst 2019 in der Schirn, in Kooperation mit der Barbican Art Gallery, wird dies ändern und ihr Werk von den späten 1920er bis in die 1970er Jahre erstmals in Europa präsentieren.

Wenn man Lee Krasner als Person und als Künstlerin nahe kommen will, gibt es vermutlich keinen besseren Ort als ihr ehemaliges Wohnhaus in Springs, East Hampton, das heute als Pollock-Krasner House and Study Center für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Hier lebte Krasner gemeinsam mit Pollock ab 1945. Nach seinem plötzlichen Unfalltod 1956, hielt sich Krasner nur noch monateweise in Springs auf. Den Rest des Jahres verbrachte sie in New York. Krasners und Pollocks Entscheidung nach Long Island zu ziehen, war im Sommer 1945 gefallen, den sie gemeinsam mit Freunden in den Hamptons verbrachten. Beiden gefiel die Idee einer Auszeit von der hektischen Stadt und eines einfachen, kostengünstigeren Lebens auf dem Land. Anders als weite Teile der vornehmen Hamptons war Springs, wo Krasner und Pollock ihr Haus kauften, ein bescheidener Ort.

And I think even today it’s diffi­cult for people to see me, or to speak to me, or observe my work, and not connect it with Pollock. They cannot free them­sel­ves.

Lee Krasner
Lee Krasner painting Portrait in Green in her studio, Springs, 1969. Photograph by Mark Patiky

Wenn man nach fast drei Stunden Busfahrt das Pollock-Krasner House and Study Center erreicht, versteht man sofort, warum es die beiden Künstler hierher zog. Nach drei hektischen Tagen in New York ist die Ruhe, die Springs ausstrahlt, unglaublich erholsam. Obwohl schon Anfang November, ist es wunderbar sonnig und man kann das nahe Meer förmlich riechen.

Die ersten Jahre waren für Krasner und Pollock äußerst hart

Trotz dieser landschaftlichen Idylle waren die ersten Jahre, die Krasner und Pollock hier verbrachten, äußerst hart. Beide verfügten nur über wenig finanzielle Mittel und kauften das Haus mithilfe eines Darlehens von Peggy Guggenheim. Das Haus selbst war heruntergekommen und hatte weder eine zentrale Heizung noch einen vernünftigen Wasseranschluss. Krasner und Pollock steckten viel Arbeit in die Umgestaltung des Hauses, das ihr dauerhaftes Zuhause werden sollte.

Pollock-Kras­ner House and Study Center, Foto: Ilka Voermann

Eigentlich ist bereits Nebensaison und das Pollock-Krasner House damit nicht mehr für Besucher zugänglich, aber Direktorin Helen A. Harrison macht für Eleanor Naire von der Barbican Art Gallery und mich eine Ausnahme. Sobald man das Haus über die Rückseite betritt, steht man unmittelbar in Krasners und Pollocks Wohnzimmer, das erstaunlich groß ist und sogar über eine kleine angrenzende Bibliothek verfügt. Helen erzählt uns, dass dieser Teil des Hauses am stärksten durch Krasner und Pollock umgestaltet wurde.

Originale sucht man in dem Haus vergeblich

Ursprünglich bestand das Erdgeschoss aus mehreren kleinen Zimmern, die das Künstlerpaar zu einem großen, offenen Wohnraum zusammenfasste, um Freunde und Gäste zu empfangen, was sie sehr gern und häufig taten. Originale von Krasner oder Pollock sucht man im Pollock-Krasner House vergeblich. Dafür bekommt man als Besucher einen guten Eindruck von ihrem bescheidenen Leben und von ihrem täglichen Arbeitsumfeld. 

Innenraum vom Pollock-Kras­ner House and Study Center, Foto: Ilka Voermann

Im Obergeschoss des Hauses befindet sich neben Schlafzimmer und Gästezimmer ein kleiner Raum, der zunächst Pollock als Studio diente, während Krasner ein kleines beheiztes Zimmer im Erdgeschoss nutzte. 1946 hatte Pollock den Schuppen hinter dem Wohnhaus leergeräumt und zum Atelier umgestaltet und Krasner übernahm sein Studio im ersten Stock. Das Atelier im Schuppen ist für die meisten Besucher das Highlight der Besichtigungstour. Hier arbeitete Jackson Pollock ab 1946 an seinen großformatigen Leinwänden, die er auf dem Holzboden des Ateliers ausbreitete. Berühmte Werke wie „Autumn Rhyhm“ und „Blue Poles“ entstanden hier. 1953 verkleidete Pollock den Boden des Ateliers mit Holzfaserplatten und verdeckte die Spuren seiner früheren Werke. 

Atelier im Pollock-Kras­ner House and Study Center, Foto: Ilka Voermann

In den Folgejahren arbeitete er kaum noch in seinem Atelier und verlor sich zunehmend in seiner Alkoholsucht. 1956 verursachte Pollock betrunken einen Autounfall. Mit ihm im Wagen saßen seine Geliebte Ruth Kligman und ihre Freundin Edith Metzger, die wie Pollock tödlich verletzt wurde. Kligman überlebte den Unfall.

Lee Krasner war zu dem Zeitpunkt auf Europareise, um Abstand von ihm und der schwierigen Ehe zu bekommen. Als sie von Jacksons Tod erfuhr, kehrte sie umgehend in die USA zurück. Nur wenige Wochen nach seinem Tod begann Krasner in Pollocks Atelier zu arbeiten. In späteren Interviews ist sie immer wieder gefragt worden, warum sie gerade in diesem Moment tiefster Trauer nicht den Abstand zu diesem Ort gesucht, sondern ihn für sich in Anspruch genommen hat. Für Krasner scheint es fast eine Notwendigkeit gewesen zu sein, um mit ihrer Trauer umzugehen: „Painting is not separate from life. It is one. It is like asking – do I want to live. My answer is yes – and I paint“. Aus künstlerischer Sicht war der Schritt, von nun an in Pollocks Atelier im Schuppen und nicht mehr im Haus zu arbeiten, eine Befreiung. 

Pain­ting is not sepa­rate from life. It is one. It is like asking – do I want to live. My answer is yes – and I paint.

Lee Krasner
Lee Krasner mit Stop and Go (1949-50), ca. 1949

Der große, lichtdurchflutete Raum ermöglichte es Krasner, mit großen Formaten zu experimentieren und expressiver zu arbeiten. Anders als Pollock befestigte sie ihre Leinwände aber an der Wand und nicht am Boden. Wenn man den Schuppen heute mit Plastikschlappen an den Füßen betritt, sieht man die Spuren von Pollocks und Krasners Arbeit nebeneinander. 

An den Wänden sind immer noch Spuren der Gemälde Lee Kras­ners zu sehen

Nach Krasners Tod wurde der später eingesetzte Holzfaserboden entfernt und der originale Boden mit Pollocks Arbeitsspuren freigelegt. An den Wänden hingegen sind immer noch Spuren der Gemälde Lee Krasners zu sehen. Die Umrisse von „Gaea“ und „Portrait in Green“ sind deutlich erkennen. In vielen Interviews hat Krasner wiederholt betont, dass die Beziehung zwischen ihr und Pollock eine gleichberechtigte war, voller Respekt für die Arbeit des anderen. Auch wenn es dieses räumliche Nebeneinander von Krasner und Pollock, wie man es heute im Atelier sehen kann, zu Lebzeiten nicht gegeben hat, bin ich mir fast sicher, dass es ihr gefallen hätte.

Pollock-Kras­ner House and Study Center, Foto: Ilka Voermann