10. Mai 2019

Wie Bruno Gironcolis Riesenskulpturen, erzählen Rube Goldbergs verrückte Konstruktionen vom Menschlichen in der Maschine. Und geben Anleitungen zum Naseputzen und Mäuse fangen.

Von Katharina Cichosch

Ärgern Sie sich auch immer darüber, dass Sie beim Essen keine Hand frei haben, um sich die Nase zu putzen? Und scheitern ebenfalls immer daran, eine tiefliegende Olive aus einer langhalsigen Flasche zu fischen? Wollte man Rube Goldberg in einem der heute ubiquitären Servicetexte anpreisen, dann wohl so oder ähnlich – die Lösung für die sehr spezifischen Problemstellungen würde auf dem Fuße folgen.

Reuben Garrett Lucius Goldberg, 1883 in San Francisco geboren, war zu Lebzeiten als Cartoonist erfolgreich. Tausende Comicstrips wurden im Laufe seines Lebens veröffentlicht, später kreierte er bewegte Stories fürs Fernsehen. Goldberg sei ein „Rockstar“ seiner Zeit gewesen, meinte Renny Pritikin, Co-Kurator der Ausstellung „The Art Of Rube Goldberg“, die 2018 im Jewish Museum of San Francisco präsentiert wurde.

Die Rube-Gold­berg-Maschine steht für die unsinnigen Erfindungen seiner Cartoons

Weltberühmt gemacht haben den Ex-Studenten der Ingenieurwissenschaften seine unsinnigen Erfindungen, die im Englischen mit „Complicated contraptions“ oder „goofy gizmos“ sehr treffend umschrieben werden. ‚Kontraption‘ wäre eine schöne Übersetzung, allein will die Rechtschreibprüfung das Wort immer wieder als falsch anmahnen. Immerhin gibt es einen eigenen Begriff, der heute international verstanden wird: Rube-Goldberg-Maschine. Goldbergs Maschinen existierten indes vor allem als Idee, gezeichnet in seinen Comics, stark vom Witz der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts geprägt, in denen sie zum Beispiel als „Selbst-operierendes Taschentuch“ auftauchten. 

Rube Goldberg, Boob McNutt, Image via blogspot.com

Rube Goldberg, Self Operating Napkin © Heirs of Rube Goldberg/Courtesy Abrams Books, Image via cbsistatic.com

Rube Goldberg, Suicide Machine © Heirs of Rube Goldberg, Image via cdn.com

Später verdingte sich Rube Goldberg auch als Spieleentwickler, sein wohl bekanntestes Werk dürfte die Vorlage zum bis heute beliebten Klassiker „Fang‘ die Maus“ sein (auch dies eine Art Rube-Goldberg-Maschine). Seine Konstruktionen haben es derweil noch auf anderem Weg längst in die Populärkultur und somit in die reale Welt geschafft: 1987 startete die Purdue University in Indiana den ersten „Nationalen Rube Goldberg Maschinen-Wettbewerb“, diverse weitere Lehr- und Forschungseinrichtungen zogen nach. 300 Einzelschritte, um einen Luftballon aufzublasen oder die Lichtdekoration an einem Weihnachtsbaum anzuschalten: Je weiter der Zweck und der Weg dorthin qua Komplexität auseinanderklaffen, umso besser. 

Simple Ge­gen­stände entfachen in einer vollendeten Ketten­re­ak­tion ein Feuer 

Die Chicagoer Band „OK Go“ präsentierte 2010 eine eigens zum Musikvideo „This Too Shall Pass“ konstruierte Rube-Goldberg-Maschine aus über 700 Haushaltsgegenständen, die bis zum fulminanten Farbpistolen-Ende gut vier Minuten lang diverse Aktionen in Gang setzten. In der Bildenden Kunst griffen Fischli und Weiss bereits 1987 mit „Der Lauf der Dinge“ auf ein ähnliches Prinzip zurück. Allerdings waren die Mittel nicht wie in der eigentlichen Rube-Goldberg-Maschine solche zum Zweck. 

Rube Goldberg, Mouse Trap Game, Image via blogspot.com

Vielmehr lag der Zweck selbst im Zusammenspiel der Mittel (wobei man dies letztlich ja auch als Quintessenz aller oben beschriebenen Kontraptionen annehmen könnte). Das Künstlerduo erklärte zu seinem Werk, es setze sich mit den ganz großen Fragen der Moraltheorie auseinander, mit Schuld und Unschuld, die in dieser Verkettung als untrennbar dialektisch miteinander verbunden erscheinen. Die überdimensionale Versuchsanordnung, in der simple Alltagsgegenstände in einer zur Groteske vollendeten Kettenreaktion schließlich gar Feuer entfachen und wieder löschen, Rauch aufsteigen lassen und allerlei tolle Dinge mehr in Gang setzen, wurde zum Publikumsliebling der documenta 8.

Und damit wieder zurück zu Rube Goldberg, der ja selbst keine Maschinen gebaut, sondern nur Pläne zu möglichen Konstruktionen notiert hatte, zu denen er aber sagte: Am wichtigsten sei es, dass sie den Betrachter zum Lachen bringen. Maschinen, die Menschen gefallen, waren wohl auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon die, deren Effizienz jenen keine übermäßige Angst einjagten. Rube Goldbergs Konstruktionen sind dem Menschen in entscheidenden Eigenschaften unterlegen – agierten also noch viel hoffnungslos umständlicher, noch langsamer, als dieser es ohne technische Hilfe zu tun imstande wäre (im Amerikanischen steht ‚Rube Goldberg‘ heute synonym für besonders umständlich vorgenommene Handlungen).

Und trotzdem offenbarten auch Goldbergs Zeichnungen zu manchen Zeiten offenkundiger als anderswo die ungute Ahnung, dass die menschengemachte Maschine nicht unbedingt menschenfreundlich sein muss. Sein Humor konnte schnell ins Finstere kippen, wie bei der „Suizid-Vorrichtung für unglückliche Aktienspekulanten“, 1914 skizziert. Die alte Frage, ob der menschliche Konstrukteur oder die ausführende Maschine hier der Zyniker ist, scheint zumindest Rube Goldberg eindeutig zu beantworten.

Rube Goldberg, Peace Today © Heirs of Rube Goldberg/Courtesy Abrams Books, Image via pinimg.com