12. Februar 2019

Bis in die 1970er Jahre gilt die Galerie nächst St. Stephan als zentraler Ort der künstlerischen Avantgarde in Wien. Hier feierte auch Bruno Gironcoli seine ersten Erfolge.

Von Rebecca Herlemann

Nach 1945 muss – wie vieler Orts – die Kunstszene in Wien praktisch von vorne beginnen. Die Negierung und damit auch Zerstörung moderner Strömungen und Werke durch den Nationalsozialismus hatte in Österreich ebenso wie in Deutschland drastische Auswirkungen. Moderne Kunstströmungen, wie der Surrealismus und Kubismus, die sich inzwischen in Frankreich und den USA entwickelt haben, sind hier so gut wie unbekannt und stoßen fast einhellig auf Ablehnung. 

Auf der anderen Seite regen sich Künstler und Kritiker und beginnen neue Arbeiten und Texte zu produzieren, versuchen internationale Kontakte wieder aufzunehmen und schließen sich zu losen Gruppierungen zusammen. Eine junge Künstlergeneration, angeführt von Herbert Boeckl, Albert Paris Gütersloh und Fritz Wotruba interessiert sich besonders für Surrealismus und Abstraktion. Mit einer Reihe von Großausstellungen, organisiert von den Besatzungsmächten, hält schließlich auch der Kubismus in Wien Einzug.

Ein ehemaliger Domprediger wird zum richtungsweisenden Galeristen

In den 1950er Jahren legt sich der Nachholbedarf an Kunstimpulsen aus dem Ausland und es entwickelt sich eine eigenständige Kulturlandschaft in Wien. Einen funktionierenden Kunstbetrieb mit einer regen Interaktion von Künstlern, Kritikern, Kuratoren, Galeristen und Sammlern gibt es jedoch nach wie vor nicht. Hingegen besetzen Künstler, wie schon im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, wichtige Positionen im Ausstellungswesen und beeinflussen wesentlich das Kunstgeschehen in der Stadt. So sind etwa die Secession, die Kunsthalle Exnergasse und die Galerie Würthle zu dieser Zeit rein von Künstlern geführte Institutionen. In diesem Klima eröffnet 1954 Monsignore Otto Mauer, Domprediger von St. Stephan, die Galerie St. Stephan in Wien.

Bruno Gironcoli mit Monsignore Otto Mauer, Galerie nächst St. Stephan, Wien, um 1968, Courtesy Christine Gironcoli

Von Anfang an ist sie jedoch weniger kommerzielle Galerie, sondern viel eher ein religionsbezogenes Bildungsinstitut und Treffpunkt für junge Künstler. Der selbstformulierte Anspruch lautet, zeitgenössische österreichische und europäische Grafik in der Kunstszene zu etablieren und eine junge Künstlergeneration zu fördern. Monsignore Otto Mauer ist dabei mehr Seelsorger und Organisator als Galerist, schafft es aber durch sein reges Interesse und seinen Einsatz, zahlreiche Kunstschaffende um sich zu gruppieren. Die anfangs noch klassische Kunstrezeption wird hier bald abgelöst von formativ-konstruktiven Tendenzen und der Malweise des Informel. 

Monsignore Otto Mauer eröffnet eine Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan, 1972, Foto: Johann Gürer, Image via dommuseum.at

Es bildet sich die „Gruppe St. Stephan“, die sich aus den Malern Markus Prachensky, Josef Mikl, Arnulf Rainer und Wolfgang Hollegha zusammensetzt. Im Wechsel mit ausgesuchten internationalen Künstlern und Vertretern der lyrischen Geometrik stellen sie ihre Arbeiten im Rotationsverfahren selbst aus. In ausgewählten internationalen Kunstzeitschriften erscheint 1960 folgendes Inserat: „Die Galerie St. Stephan repräsentiert en permanence die Elite der heutigen Malerei in Österreich.“

Es beginnt die Suche nach einer neuen Wiener Avantgarde

In den 1960er Jahren jedoch scheint die Galerie ihre Monopolstellung zu verlieren. Mit finanziellen Problemen und dem Zerfall der alten Malergruppe kommt die Umbenennung in Galerie nächst St. Stephan und es beginnt die Suche nach einer neuen Avantgarde. Den Auftakt macht hier Joseph Beuys, der 1967 in der Galerie seine Performance „Eurasienstab 82 min Fluxorum Organum“ in Zusammenarbeit mit Henning Christiansen aufführt. Auf der Suche nach dem neu zu definierenden Wesen der Kunst wird Monsignore Otto Mauer dann fündig bei Hans Hollein und Walter Pichler. 

Plakat Bruno Gironcoli, Courtesy Galerie nächst St. Stephan

Oswald Oberhuber und Roland Goeschl folgen kurz darauf mit Einzelausstellungen in der Galerie. Zu diesem Zeitpunkt tritt auch Bruno Gironcoli auf das Wiener Parkett. Er kann bereits erste Erfolge in der Galerie Hildebrand in Klagenfurt verzeichnen, als er zu der Gruppenausstellung „Super-Design“ mit Goeschl, Hollein, Oberhuber und Pichler in der Galerie nächst St. Stephan eingeladen wird.

Die Gale­rie wird zuM Ort für Expe­ri­mente und aktu­elle Tenden­zen

Die fünf Künstler eint eine spartenübergreifende Arbeitsweise. Sie alle zielen darauf ab, neue Medien zu entwickeln und eine Welt zwischen den etablierten künstlerischen Kategorien zu formen. Ihre Hintergründe und Bezugspunkte sind dabei sehr unterschiedlich, sie finden sich aber schließlich auf dem Feld von Design und Plastik zusammen: Walter Pichler hat ein Gebrauchsgraphik-Studium absolviert, Hollein ist Architekt und Bruno Gironcoli hatte ursprünglich eine Ausbildung zum Goldschmied gemacht, ehe er an die Kunstakademie ging. Zum Zeitpunkt der Wiener Ausstellung arbeitet er bereits seit einigen Jahren mit Hohlkörperformen und dem damals neuen Material Polyester.

Plakat der Ausstellung Super-Design, Galerie nächst St. Stephan, Wien, 1968, Foto: Christian Skrein © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ihre Beiträge zur Ausstellung sind experimentell. Sie fordern eine Grenzerweiterung der Sinne und eine Aufhebung der klassischen künstlerischen Gattungen ab. Die Galerie nächst St. Stephan wird zu DEM Ort für Experimente und aktuelle Tendenzen. Hier finden in der Folge auch Aktionen der Wiener Aktionisten statt, Objekt- und Op-Art Künstler formulieren ihren Formenkanon und eine neue Malergeneration tritt hervor. Der Erfolg der Ausstellung „Super-Design“ bildet für Bruno Gironcoli den Auftakt zu einer Reihe von Einzelausstellungen in der Galerie nächst St. Stephan und leitet seine Karriere ein. Bis zu seinem Tod 1973 bleibt Monsignore Otto Mauer enger Freund und Förderer des jungen Künstlers.

Plakat zur Ausstellung von Bruno Gironcoli 1969, Courtesy Galerie Nächst St. Stephan