03. Mai 2019

Bruno Gironcolis Riesenfiguren sind rätselhafte Geschöpfe. Doch mit dem Blick auf ihre skulpturale Entwicklung wird einiges klarer.

Von Eugen El

Als Bruno Gironcoli zuletzt eine große Einzelausstellung in Frankfurt hat, ist das Areal zwischen Dom und Römer endlich wieder bebaut. Seit sieben Jahren füllt der massive Baukomplex des Technischen Rathauses einen Großteil der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt. Nebenan, im Steinernen Haus am Römerberg, zeigt der Frankfurter Kunstverein Skulpturen, Entwürfe, Zeichnungen und Gouachen des damals 44-jährigen Künstlers. Parallel läuft dort eine Ausstellung des bekannten US-amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe.

Wir schreiben das Jahr 1981. Der Republikaner Ronald Reagan tritt seine erste Amtszeit als US-Präsident an. Deutschland unterdessen ist geteilt, durch Berlin verläuft eine Mauer. In Bonn regiert noch eine sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Zu dieser Zeit befindet sich Frankfurts zeitgenössische Kunstszene noch in einem Dornröschenschlaf. Die Schirn gibt es noch nicht. Auch das Museum für Moderne Kunst und der Portikus sind noch Zukunftsmusik.

Die Instal­la­tio­nen wirken, als müss­ten sie akti­viert und bedient werden

Seit 1980 leitet der österreichische Kunsthistoriker Peter Weiermair den Frankfurter Kunstverein. Zuvor arbeitete er in Wien als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Gironcoli. Für dessen künstlerische Laufbahn war 1977 ein besonders wichtiges Jahr. Seine erste umfangreiche Werkschau fanden in Wien und München statt und noch im selben Jahr übernahm Gironcoli die Leitung der Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste Wien. 

Bruno Gironcoli im Frankfurter Kunstverein, 1981 © Frankfurter Kunstverein

Er verfügte fortan über viel größere Atelierräume und konnte in den folgenden Jahren dort die „Prototypen“ entwickeln. Eine Auswahl dieser monumentalen Skulpturen ist aktuell in der Schirn zu sehen. Der Kunstverein wiederum zeigte zwar 1981 noch nicht die „Prototypen“, aber neben anderen Skulpturen, die er in den 70er Jahren geschaffen hat, zum Beispiel den zwischen 1975 und 1977 entstandenen „Große(n) Broncetisch“. Die rätselhafte Installation aus Tisch, Stuhl und verschiedenen Metall- und Bronzeelementen lässt zunächst an eine Art Werkbank denken. Wozu die mit Vogelfiguren verzierte Maschine dient, erschließt sich dem Betrachter jedoch kaum. 

BRUNO GIRONCOLI. PROTOTYPEN EINER NEUEN SPEZIES, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz

„Was sich mitteilt, ist der Eindruck von Opferaltären, Schlachtbänken, Tötungsmaschinerien, Aufbahrungen und absurden Denkmälern“, so kommentierte damals der FAZ-Journalist Eduard Beaucamp Gironcolis Skulpturen: Man kann darin verschlüsselte, aber auch direkte Spuren der Vergangenheit erkennen. Gironcolis monumentale Installation „Sarkophag“ beispielsweise, die neben anderen mit Emblemen des Nationalsozialismus versehenen Werken im Kunstverein zu sehen war, lässt Hakenkreuze erkennen. 

Die Verbrechen der Nationalsozialisten lagen damals erst wenige Jahrzehnte zurück und prägten noch weit in die Nachkriegszeit hinein das gesellschaftliche Klima und die politischen Lager in Österreich. Dagegen begehrten vor allem die „Wiener Aktionisten“ mit radikalen, körperbetonten Performances auf. Und auch Bruno Gironcolis Arbeiten der Siebzigerjahre zeigen vereinzelt Anklänge an die Aktionisten. Sie begreifen, wie Martina Weinhart im Ausstellungskatalog der Schirn schreibt, den Betrachter als Protagonisten einer Szene. Die Installationen wirken, als müssten sie aktiviert und bedient werden. Gleichwohl bleibt Gironcoli einem traditionellen Werkbegriff treu. 

Was sich mitteilt, ist der Eindruck von Opfe­r­al­tä­ren, Schlacht­bän­ken, Tötungs­ma­schi­ne­rien, Aufbah­run­gen und absur­den Denk­mä­lern.

Eduard Beau­camp

Bruno Gironcoli, Großer Broncetisch, 1981,
Image via www.gironcoli.com

Blickt man genauer auf seine Skulpturen aus dieser Zeit, lassen sich bereits erste Vorboten der späteren „Prototypen“ entdecken. So beginnt Gironcoli, maschinell-technoide Elemente mit organischen, figurativen Symbolen zu einer Form zu verschmelzen. So auch in seinem ersten Entwurf für die Figur des Murphy nach Samuel Beckett, die in Gironcolis Werken eine wiederkehrende, zentrale Rolle spielt. Gironcolis Weigerung zur Anpassung in seinem Werk spiegelt sich auch in der Figur des Murphy exemplarisch wider. Einen interessanten Einblick in Gironcolis künstlerisches Denken gewähren die Entwurfszeichnungen und -gouachen, die 1981 ebenfalls im Kunstverein zu sehen waren. Seine großen Skulpturen entwickelte der Künstler mithilfe assoziativer, teils drastischer Bilderzählungen. Dort tauchen auch menschlich erkennbare Figuren auf, die mitunter sexuell agieren, teils sogar ins Gewalttätige abdriften.

Gironcolis Werke verweigern jegliche Anpassung

Die Szenen spielen sich in isolierten Räumen ab, die an Francis Bacons Bildwelten denken lassen. Gironcolis Blätter sind mehr als nur Ideenskizzen - vielmehr ermöglichen sie einen eigenständigen Zugang zu seinem Werk. Es vergehen 38 Jahre, bis Bruno Gironcolis großformatige Arbeiten wieder in Frankfurt, dieses Mal in der Schirn, zu sehen sind. 2010 ist der Künstler verstorben. Frankfurts zeitgenössische Kunstszene ist inzwischen merklich aufgeblüht. Hier und da ist von „Deutschlands heimlicher Kunsthauptstadt“ zu lesen. Auch das Areal zwischen Dom und Römer hat sein Gesicht gewandelt. Das Technische Rathaus ist der neuen Altstadt gewichen. Was wird dort wohl stehen, wenn Gironcoli das nächste Mal in Frankfurt ausgestellt wird?

Bruno Gironcoli, Mann mit Kornähren und Baby, 1989, Foto: Rudi Froese Photography, Image via www.strabag-kunstforum.at

Bruno Gironcoli, Sarkophag, 1977-1979, ausstellungsansicht © Frankfurter Kunstverein