26. November 2018

Ein Blick in den fantastischen, animierten Kosmos von Nathalie Djurberg und Hans Berg. Im nächsten Jahr zeigt die SCHIRN die erste umfassende Ausstellung des schwedischen Künstlerpaars in Deutschland.

Von Katharina Dohm

„A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air“ verspricht die Ausstellung der schwedischen Künstler Nathalie Djurberg und Hans Berg, die nach der ersten Station im Moderna Museet in Stockholm aktuell im Museo di Arte Contemporanea di Trento e Rovereto (MART) in Italien zu sehen ist. Bevor sie 2019 in der SCHIRN gezeigt wird, bin ich nach Rovereto ins MART (Museo di Arte Contemporanea di Trento e Rovereto) gereist, um mir vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. 

Für die Ausstellung haben Nathalie Djurberg und Hans Berg Werke aus knapp zwei Dekaden ausgewählt. Erstmals wird in diesem Umfang das Oeuvre des schwedischen Künstlerpaars dann auch in Deutschland anhand von Multimedia-Installationen, zahlreichen Videos und Skulpturen umrissen.

Wegschauen ist keine Option

Djurberg und Berg erlangten mit ihrer großen Rauminstallation „The Experiment“, die 2009 auf der Venedig Biennale zu sehen war und dort mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, internationale Bekanntheit. Schon 2006 auf der Berlin Biennale sind mir die Stop-Motion Filme von Nathalie Djurberg aufgefallen. In „Tiger Licking Girl’s Butt“ (2004) leckt ein Tiger einer nackten Frau immer wieder über den Po und sie wundert sich: „Why do I have this urge to do these things over and over again?” Die Installationen Djurbergs faszinieren mich und zugleich wirken einige Filmszenen abstoßend - doch der Drang weiter hinzuschauen siegt am Ende doch.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, The Experiment, 2009 © Courtesy the artists
Nathalie Djurberg & Hans Berg, Tiger Licking Girl’s Butt, 2004 © Courtesy the artists, Gió MARCONI, Lisson Gallery, Tanya Bonakdar Gallery

NATHALIE DJURBERG AND HANS BERG

A Journey Through Mud And Confusion with Small Glimpses of Air

Trailer Moderna Museet

Umgeben von überlebensgroßen verlockenden Blumen- und Pflanzenskulpturen, die überreif glänzen und aus denen kleine, unechte Tiere krabbeln, steigerte sich dieses Gefühl des Nicht-Wegschauen-Könnens auf der Venedig Biennale 2009 um ein Vielfaches – es fehlte eigentlich nur noch der süßliche Geruch von Früchten und Fäulnis. Es kreuchte und fleuchte in diesem wunderbaren Garten um mich herum. Es war unheimlich und aufregend zugleich und ich wankte wie fremdgesteuert, begleitet von der hypnotisierenden Musik, in Richtung der flackernden Bildschirme. Groteske bunte Knet-Figuren aus verschiedenen Materialien wie Ton, Plastilin, Stoff und Haaren bevölkern die Szene der drei Stop-Motion Filme „Greed“, „Cave“ und „Forest“, die mich weiter in unbekannte Regionen schickten. 

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Ausstellungsansicht, Moderna Museet 2018. Foto: Åsa Lundén / Moderna Museet
Nathalie Djurberg & Hans Berg, Ausstellungsansicht, Moderna Museet 2018. Foto: Åsa Lundén / Moderna Museet

„Greed“ (Habgier) zeigt das furchteinflößende Gebaren von Männern in liturgischen Gewändern, die versuchen eine junge nackte Frau in ihre Umhänge zu locken. In „Cave“ befindet sich eine Frau in einer Höhle, einsam wie in einer Gefängniszelle, und in „Forest“ versucht eine weibliche Person ihrem männlichen Verfolger zu entkommen. Der Wald, die Höhle oder das abgeschlossene Zimmer sind wiederkehrende Motive und Orte, an denen Djurbergs Protagonisten in Aktion treten. Diese Interaktionen spielen sich in komisch-absurden bis hin zu tragisch-schmerzhaften Szenerien ab und überschreiten die Grenzen zwischen Unschuld und Scham.

Das Nervenkostüm des Betrachters wird unmittelbar angegriffen

Nathalie Djurberg ist Regisseurin und Ausstatterin der Filme, die sie meist intuitiv und ohne Skript produziert. Sie entwickeln sich fortlaufend während des Produktionsprozesses, was sich wiederum in den Skulpturen als auch den Figuren im Film spiegelt. Die Akteure eines Films - vor allem die weiblichen unter ihnen - zeichnen sich oftmals durch stereotypische Darstellungen aus. Sie sind keine niedlichen oder lustigen Theaterpüppchen. Oft nehmen sie sogar menschliche oder animalische Gestalten und Verhaltensweisen an.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Ausstellungsansicht, Moderna Museet 2018. Foto: Åsa Lundén / Moderna Museet

Figuren wie der Wolf, der immer wieder in den Filmen sowie in der aktuellen Virtual Reality Arbeit mit dem Titel „It Will All End in Stars“ (2018) auftaucht , verweisen auf die Märchen der Gebrüder Grimm. Doch es geht nicht um eine Übersetzung altbekannter Allegorien. Vielmehr werden die damit verbundenen Assoziationen und Erwartungen bewusst durch die filmische Handlung und die begleitende Musik unterlaufen. Das Nervenkostüm des Betrachters wird unmittelbar angegriffen, teilweise rufen einzelne Szenen sogar Abscheu hervor, auch wenn sie in einem irrealen fantastischen Kosmos situiert sind. Die Protagonisten der Filme befinden sich fortwährend in Bewegung. Sie sind getrieben von ihren Sehnsüchten, von ihren Trieben und deren Befriedigung, getrieben von der Furcht vor Bestrafung und dem gleichzeitigen Verlangen danach.

Film und Musik enstehen im gemeinsamen Schaffensprozess

Hans Berg entwickelt zu jedem Film einen eigenen Soundtrack, wobei Film und Musik oftmals zeitgleich entstehen und sich die Künstler im Schaffensprozess gegenseitig beeinflussen. Zusammen mit der Musik, den Bildern und Skulpturen entwickeln die Installationen eine Sogkraft, der sich die Betrachter kaum entziehen können.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, We Are Not Two, We Are One, 2008 © Nathalie Djurberg & Hans Berg
Nathalie Djurberg & Hans Berg One Need Not Be a House, The Brain Has Corridors, 2018 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die fantastischen Welten von Djurberg und Berg wirken zeitlos und sprechen die großen Fragen der Menschheit an: Liebe, Macht, Tod, Erotik und jegliche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen. Wie Lena Essling, Kuratorin der Ausstellung am Moderna Museet in Stockholm beschreibt, schicken die Künstler uns auf eine Reise ins ureigene Unterholz, das tief vergraben, unberührt, geschützt durch Gestrüpp und Dornen in uns liegt. Sie schicken uns auf eine Reise durch viel Dunkel und Schatten, durch Unheimliches und Unbekanntes, zurück zu unseren Ängsten und Trieben und schließlich hin zu mehr Klarheit.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Dark Side of the Moon, 2017 © Courtesy the artists, Gió MARCONI, Lisson Gallery, Tanya Bonakdar Gallery
Nathalie Djurberg & Hans Berg, Worship, 2016 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018