17. Juni 2019

Machtkonflikte, Krieg und Migration: In der Sound Art zeichnet sich ein kritischer Tenor ab, der zunehmend politische Konflikte kommentiert.

Von Maria Sitte

Unsere Klanggeschichte ist durchdrungen von politischer Bedeutung. Musiker, Aktivisten und Künstler drücken ihren Dissens nicht nur in Worten aus, sondern auch in klanglichen Artikulationen. Nicht selten finden sich politische Themen auch in der Sound Art wieder. Unterschiedliche Konfliktfelder wie Ausgrenzung, Macht, Migration oder Krieg werden dabei mit akustischen Mitteln thematisiert. Obwohl das künstlerische Spektrum enorm breit ist, wird immer wieder auf neue Weise die Frage formuliert: Wie können Klänge und Geräusche auf bestimmtes Ortsgeschehen, gesellschaftlichen Alltag und politische Handlungen hinweisen?

Die Öffnung der Klangkunst für banale Alltagsgeräusche gab den entscheidenden Impuls. Als John Cage während des Musikstücks „4′33″“ (1952) das Publikum im Konzertsaal ausschließlich mit Geräuschen ihrer Umgebung konfrontierte, vollzog sich eine Erweiterung der Musik hin zum Geräusch – und damit auch hin zum gesellschaftlich gefärbten Klang. Die Idee, die heute noch in Werken der Sound Art mitschwingt: Der Klang des Alltags sollte der Realität eine Stimme verleihen. 

Die Künstler nehmen tagespolitische Themen und Konsumgesellschaft aufs Korn

Mit radikalen Aufführungspraktiken antworteten Happenings und die Fluxusbewegung in den 50er- und 60er-Jahren auf die Öffnung der Musik zum Geräusch. In heftiger Abwendung von allen Regeln der Kunst nahmen Fluxuskünstler tagespolitische Themen und die Konsumgesellschaft aufs Korn – ob als ironisch verstandenes „Revolutionsklavier“ (1969) von Joseph Beuys, das als bespieltes Musikinstrument und nun ausgestelltes Objekt in Zeiten der Studentenproteste gegen die Sprachlosigkeit der Kunst antrat, oder als mahnendes „Lagerkonzert“ (1959) von Bazon Brock, eine Stacheldrahtinstallation, die verblasste Kriegserfahrungen in Erinnerung rufen sollte.

Joseph Beuys, Revolutionsklavier, 1969 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018/courtesy Schirmer/Mosel, Image via sueddeutsche.de

Die meist aus anderen Aktionen hervorgegangenen Werke schlossen den Klang ebenso wie das Schweigen mit ein. Lärm, Stille oder Getöse sollten als Aufstand verstanden werden – sowohl gegen künstlerischen und musikalischen Mainstream als auch gegen die soziale Ordnung. Um politische Konflikte zu kommentieren, zeichnet sich Sound Art fünfzig Jahre später vor allem durch den örtlichen Bezug des Klangs aus.

Pedro Reyes baut Maschinengewehre zu Instrumenten um

Mit Zuhilfenahme von gefundenen Klangmedien sind die Werke von Pedro Reyes und Guillermo Galindo, die auch in der Ausstellung BIG ORCHESTRA in der Schirn zu sehen sind, aktuelle Beispiele. Illegale und von mexikanischen Behörden beschlagnahmte Maschinengewehre baut Reyes zu Blas-, Schlag- und Streichinstrumenten um. Galindo spürt seine „Grenzinstrumente“ zwischen nationalen Barrieren auf – dem amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet – und haucht seinen Fundstücken neue musikalische Funktionen ein: Wellbleche, Ketten und Reifen sollen wie Schlaginstrumente bespielt werden.

Pedro Reyes, Disarm (Guitar XVI), 2015, © Pedro Reyes; Courtesy Lisson Gallery, Photo: Ken Adlard

Beiden geht es um einen neuen, positiv besetzen Kontext, den die Objekte im Kunstkontext erlangen. Die explizite Darstellung der Kriegswaffen zielt nicht nur darauf ab, aktuelle Konflikte und den Waffenhandel in Mexiko zu beleuchten, sondern auch darauf, Zerstörerisches in Produktives umzuwandeln. Für den 1960 in Mexiko-Stadt geborenen Galindo liegen in diesen Klängen Geschichten über politische Entscheidungsgewalt, Migration und gesellschaftliche Realität verborgen.

Neben den in der SCHIRN gezeigten Künstlern Reyes und Galindo, nutzen auch weitere zeitgenössische Künstler Klang als Medium der Kritik.  Angetrieben vom Zweifel an politischen Autoritäten werden Materialien und die von ihnen ausgehenden Geräusche sogar als akustische Zeugen und Beweismaterial eingebunden, wie beispielsweise bei Lawrence Abu Hamdan, der Klang-Analysen für umstrittene Räume schafft. So untersuchte der Künstler 2016 die akustischen Eigenschaften des syrischen Gefängnisses von Saydnaya, in dem über 13.000 Menschen hingerichtet wurden.

Guillermo Galindo, Ángel exterminador (Exterminating Angel), 2014, Courtesy Guillermo Galindo and Pace Gallery, Photo: Richard Misrach
Guillermo Galindo, Ángel exterminador (Exterminating Angel), 2014, Courtesy Guillermo Galindo and Pace Gallery, Photo: Richard Misrach

Seine audiovisuellen Klanginstallationen, drängen damit sogar zur Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch. Selbstverständlich haben neue politische und gesellschaftliche Themen auch eine veränderte politische Klangkunst hervorgebracht. Doch das eruptive Moment solcher Arbeiten besteht vor allem darin, unbequeme, brisante und tagesaktuelle Themen mit akustischen Mitteln zu thematisieren. Ob es Geräusche ohne gesellschaftlichen Kontext gibt, bleibt dahingestellt. Dem Klang traut man jedenfalls einiges zu.

Lawrence Abu Hamdan, Hammer Projects, Installation view, Hammer Museum, Los Angeles, January 28–May 6, 2018. Photo: Brian Forrest, Image via hammer.ucla.edu