04. August 2016

Prof. Dr. Bernd Dolle-Weinkauf im Interview über das subversive Potential von Comics, den Verlust der Schriftkultur und die Herkunft der heute so beliebten Graphic Novels.

Von Katharina Cichosch

Dr. Bernd Dolle-Weinkauff ist Professor am Institut für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Goethe-Universität. Er wird gern der „Comic-Wissenschaftler“ genannt und ist Mitbegründer der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor). Im Interview erklärt er, wieso Comics in der BRD einst als Untergang des Abendlandes galten, was das Comiclesen damals subversiv machte und welche Bereiche der Comickultur heute noch weitgehend unerforscht sind.

Herr Professor Dolle-Weinkauff, zuerst einmal: Was ist ein Comic? Hierzu gibt es ja bis heute keine einheitliche Definition. Die einen betonen die Kombination aus Bild und Text, andere die Bildung von Bildsequenzen.

In meiner Auffassung entstehen die Comics, und das deckt sich übrigens auch mit dem, was Alexander Braun im Ausstellungskatalog "Pioniere des Comic" schreibt, in der Presse der USA Ende des 19. Jahrhunderts, und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie in einer sehr engmaschigen Weise Schrift- und Bilderzählung miteinander verbinden. Dann gibt es natürlich noch den viel weiteren Bereich der Grafischen Literatur, innerhalb dessen Comics nur einen Teilbereich darstellen: Sie erzählen innerhalb ganz bestimmter Regeln, sie sind in Panels aufgebaut, haben eine bestimmte Figurenkonstruktion, sind in bestimmten Medien angelegt.

Eines Ihrer aktuellen Seminare beschäftigt sich mit der sogenannten "Graphic Novel". Was hat es damit auf sich? Bloß Marketing, eine Erweiterung des Comicbegriffs oder ein ganz bestimmter Teilbereich des Grafischen Erzählens?

Die Graphic Novel hat das Problem, dass ihr Begriff von Anfang an so diffus gewesen ist, dass er erst einmal von seiner Intention her verstanden werden muss und nicht, wie man es vom Comic sagen kann, von der Struktur des Objekts. Sie können formal überhaupt nicht fassen, was eine Graphic Novel ist! Was sich heute so nennt, wurde geschaffen, um sich vom ordinären Comic abzugrenzen als ambitionierte, grafische Literatur. Wenn es dann konkreter wird, fassbarer, dann nehme ich gern die Übersetzung aus dem Englischen: Ein Comic-Roman. Bei der Ankündigung von Lehrveranstaltungen nutze ich den Begriff quasi als Reizwort, um überhaupt erst einmal Interesse zu wecken. Ich würde viel lieber präzisere Begriffe nutzen, diese Präzision muss man sich erst gemeinsam erarbeiten (lacht).

Auch, wenn Graphic Novels nicht unbedingt deckungsgleich sind mit dem Comic, scheint dieses massive Angebot der letzten fünf, zehn Jahre doch auch etwas für das Ansehen von Comics im Allgemeinen getan zu haben.

Ich würde es anders formulieren: Comics sind eine Gattung wie jede andere, per Definition weder gut noch schlecht, mit einem bestimmten Formeninventar und bestimmten Themen. In den Anfängen wird die künstlerisch oder literarisch anspruchsvolle Linie in dieser Gattung nur von ganz wenigen besetzt. Das zeigt sich auch in dem, was aktuell in der SCHIRN ausgestellt wird: Diese ambitionierten Zeichnungen, die hier zu sehen sind, hatten kaum Einfluss auf das, was sich später unter dem Begriff der Comics formieren sollte. Weder McCay noch Herriman noch andere haben Schulen oder Nachfolger hervorgebracht – es sind ganz singuläre Positionen. Die große Masse der Comics versuchte sich in populärer Literatur, als Nachfolger der Witzblätter. Auf die Gag-Strips folgten die Abenteuercomics, und von hier aus entwickelt sich in den 60er-Jahren das, was in Frankreich und vor allem Italien als die Anfänge der Graphic Novel hochkommt. Bloß hat davon der Rest der Welt damals nicht viel mitbekommen.

Wie sah es in der BRD aus? Auch Comicstrips wie sie in den USA verbreitet waren sind hier ja erst deutlich später beliebt geworden.

Deutschland war bis in die 50er-Jahre hinein stark bestimmt von der Tradition der Bildgeschichte. Das hat dazu geführt, dass diese erzählerischen Formen, die Wilhelm Busch und andere im 19. Jahrhundert entwickelt hatten, nahezu unverändert fortgeschrieben worden sind. Wenn da nur eine Sprechblase im Bild erschien, bekam der Leser schon einen Schlaganfall! Das hat die deutsche Entwicklung abgekoppelt von der internationalen. In Deutschland wurde die Entwicklung einer eigenen Comictradition natürlich auch durch die NS-Herrschaft beeinflusst: Diese stark modernistische Erzählweise war verpönt, und der Amerikaner sowieso ein Feind. Umso plötzlicher dann, wie ein Tsunami, fanden Comics in den 50er-Jahren riesigen Anklang bei Kindern, zum schieren Entsetzen der Erwachsenen. Aus dieser Geschichte heraus erklärt sich auch, wieso die Anti-Comic-Kampagnen in der BRD so erbittert geführt wurden: In den USA gab es ähnliche, aber es ging um etwas ganz anderes. In Deutschland wurde gleich der Untergang des Abendlandes, der Verlust der Schriftkultur ins Feld geführt.

Wobei etliche Comics durchaus für Erwachsene geschrieben worden sind.

Auch das war im Grunde genommen verpönt, insbesondere in Deutschland: Comics waren eine Karikaturenbeilage der Zeitung, ein billiger Witz, um die Sparten zu füllen. Ich erinnere mich an einen Text von John Steinbeck, in dem sich der Schriftsteller positiv über eine Comicserie äußerte. Die deutsche Presse nannte ihn einen degenerierten Außenseiter: Wie konnte man sich mit so etwas näher beschäftigen!

Gerade durch seinen zweifelhaften Ruf bietet das Medium aber auch besondere künstlerische Freiheiten, ein subversives Potential: Underground-Comics sind vermutlich nicht zufällig eben als Comics veröffentlicht worden.

Ja, wobei ich das subversive Potential auch noch woanders sehe: Bei den Kindercomics der 50er- und 60er-Jahre, die zu Millionen unter Kindern und Jugendlichen verbreitet waren, sind es nicht so sehr die Inhalte, die subversiv sind. Schon der Akt der Abgrenzung war enorm wichtig: Kinder konnten selbst die Entscheidung treffen, was sie lesen möchten – ob das nun "Fix+Foxi" war, "Tarzan" oder "Tibor" – es war eine Literatur, die nicht durch den pädagogischen Zeigefinger der Erwachsenen fremdbestimmt wurde. Der Underground-Comic verweist auf etwas anderes, einen erwachsenen Diskurs: Die Amerikaner haben sich in ihrem Schund-Kampf nicht mit einer Bundesprüfstelle zur Wehr gesetzt, sondern mit der „Comic Code Authority“, einem Regelwerk: Es darf kein Blut fließen, alles muss moralisch einwandfrei sein. Die rebellischen Erwachsenen – das war ja die Flower-Power Generation! – hat es natürlich gereizt, genau das Gegenteil zu zeigen, dauernd Orgien feiern, alles zu Matsch hauen, Verbrechen begehen. Aber das ist eben eine andere Subversion als die der Massencomics für Kinder, die gerade durch ihre Verdrängung ins Unterwertige zur kulturellen Institution werden konnten. Quasi wie heute das Darknet,  ein absolutes No-Go. Und wenn Sie alte Fans berichten hören, hat das viel damit zu tun: Der Reiz der eigenen Kultur, zu der niemand sonst Zugang hat.

… und die inzwischen auch einen festen Platz im akademischen Betrieb gefunden hat: Im angelsächsischen Raum gibt es inzwischen eigene Studiengänge à la „Comics Studies“.

Ich persönlich bin ein Gegner von einem Fach „Comics Studies“. Um dieses Medium umfassend zu begreifen, benötigt man ein gewisses Fundament: Etwa in der Literaturwissenschaft, in der Kunstgeschichte. Wenn man das hat, dann ist eine Spezialisierung natürlich sinnvoll. Auch in unserem Studienangebot an der Universität Frankfurt stellt die Beschäftigung mit Comics eine Komponente dar, mit regelmäßigen Veranstaltungen, aber nicht etwa eine durchgängige Linie, wo man vom ersten Semester an nichts anderes macht. Das wäre fatal für die Ausbildung, vor allem auch für die Qualifizierung der Studierenden.

Die Comicbuchforschung an der Goethe-Uni ist eingebettet in den Bereich der Kinder- und Jugendbuchforschung. Inwiefern hat dies damit zu tun, dass Comics lange Zeit vornehmlich als „infantiles“ Medium wahrgenommen und rezipiert wurden – als ein Bereich, mit dem seriöse Erwachsene nichts zu tun haben?

Das Fach der Kinder- und Jugendbuchforschung ist dem Fachbereich Neuere Philologie zugeordnet, befindet sich also unter einem größeren Dach. Die Tatsache, dass wir uns hier heute mit Comics beschäftigen und über eine stattliche Sammlung verfügen, hängt damit zusammen, dass Comics in den 50er- und 60er-Jahren als unterwertige Kinderliteratur betrachtet wurden. Die Gründerväter des Instituts waren etwas unbefangener: Sie haben erstens das Sammeln von Comics zugelassen und zweitens auch selbst wissenschaftliche Arbeiten zum Thema in Auftrag gegeben. In den 80er-Jahren haben wir dann eine deutliche Veränderung bemerkt: Comics wurden zunehmend auch in der Sphäre der Erwachsenen anerkannt und wir mussten entscheiden, wie wir damit umgehen. Gleichzeitig waren wir weit davon entfernt, dass sich die etablierte Literatur- oder die Kunstwissenschaft mit Comics beschäftigt hätten. Also sagten wir uns: Da der Comic bei uns sowieso schon ein „Refugium“ hat, weil wir gerade an den Schwellen, an den Berührungspunkten zwischen der Generationenliteratur interessiert sind, machen wir hier weiter. Wir sammeln keineswegs nur Kindercomics. Man kann sagen, dass das Institut die Nase einfach weiter vorn hatte als andere, die zu dieser Zeit noch auf dem Schmähkurs waren.

Wodurch hat sich der gesellschaftliche Status der Comics verändert?

Man darf nicht vergessen, dass sich neben der gesellschaftlichen Rezeption auch die Comics selbst verändert haben: Wir haben heute ein Angebot literarisch anspruchsvoller Werke, die es in dieser Fülle vorher nie gab. Und wir haben es heute mit einer jüngeren Forschergeneration zu tun, die aufgeschlossener ist und die Tabuisierung der Comics überhaupt nicht mehr kennengelernt hat. Ich erinnere mich an Seminare, in denen wir über den Comic als unwerte Literatur gesprochen haben. Bis weit in die 90er-Jahre gab es hier immer ähnliche Reaktionen: „Jaja, das habe ich auch so erlebt“. Heute stehen die Studierenden staunend vor den Entscheidungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und können sich nicht mehr vorstellen, dass es so etwas einmal gegeben hat.

Zum Schluss: Welche Bereiche der Comicforschung liegen noch brach, welche Themen finden Sie noch spannend?

Ich denke, da wir in globalisierten Zusammenhängen leben, ist es sehr wichtig, die Comic-Kulturen in anderen Weltteilen zu entdecken. Seit einiger Zeit haben wir Mangas in westlichen Ländern, die sehr bereichernd sind, viele neue Sichtweisen eröffnet haben. Aber was ist zum Beispiel mit der riesigen Comiclandschaft in Mexiko? Die Comics wurden dort in den 70er-Jahren genauso rege gehandelt wie in Japan heutzutage. Ich glaube, man muss den Blick in die Welt hinaus öffnen und schauen: Was gibt es, welche verwandten und welche unbekannten Phänomene finden wir? An den Mangas können wir sehen, dass sich solche Kulturen rasant verändern. Als sie nach Deutschland kamen, waren sie bereits ein globalisiertes Produkt. Man muss schon ziemlich tief bohren, um zu sehen: Was ist eigentlich das Japanische daran? Das lässt sich in den heutigen Mangas kaum noch ausmachen. Umso wichtiger ist es, in Comic-Kulturen, die noch nicht so stark rezipiert sind, auf Entdeckungsreise zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!