Wie Torrey Peters’ viel diskutiertes Buch „Detran­si­tion, Baby“ die Brücke zwischen Underground und Mainstream schlagen kann und warum das so wichtig ist.

Mit ihrem kürzlich bei Penguin Random House erschienenen Debütroman „Detransition, Baby“ hat sich Torrey Peters als eine wichtige Stimme im aufstrebenden Bereich der transgender Literatur etabliert. Im letzten Jahrzehnt richteten trans und nicht binäre Schriftsteller*innen ihre Aufmerksamkeit weniger auf eigene Lebenserinnerungen und Theorie als vielmehr auf fiktionale Erzählungen. „Detransition, Baby“ handelt von einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei trans Frauen – darunter eine, die detransitioniert hat – und einer geschiedenen cisgender Frau.

Es ist einer der ersten Romane einer trans Frau, die bei einem der fünf großen US-amerikanischen Verlagshäuser herausgekommen sind. Peters’ Erfolg wirft interessante Fragen danach auf, an wen genau sich diese Romane wenden, nach dem Sinn und Zweck des Schreibens für eine Minderheitencommunity und danach, ob ein breiteres Publikum ins Auge gefasst werden sollte.

Peters’ Erfolg wirft Fragen danach auf, an wen genau sich diese Romane wenden

Im Vorwort zu ihrem Erstlingswerk – einer im Selbstverlag erschienenen Novelle mit dem Titel „The Masker“ (2016) – drückte Peters noch ihre Begeisterung darüber aus, ihren Band „als Teil eines Gesprächs mit ... Menschen wie mir“ zu sehen. Illustriert wurde „The Masker“ damals von der Künstlerin Sybil Lamb, denn deren Romane und Magazine hätten, so sagt Peters, ihr geholfen zu erkennen, was möglich sei, „wenn trans Frauen für trans Frauen schreiben, anstatt für einen größeren kommerziell ausgerichteten Markt“.

Torrey Peters, PHOTO: COURTESY OF NATASHA GORNIK, Image via http://www.torreypeters.com/about/

„Detransition, Baby“ ist hingegen geschiedenen cisgender Frauen gewidmet, die, so Peters, „zu einem Zeitpunkt im Erwachsenenalter, an dem erwartet wird, dass ihr Leben in geordneten Bahnen verläuft, einen Neuanfang hinlegen müssen“, so wie trans Frauen auch. Der Roman ist ein intelligentes, humorvolles und sehr gut nachempfindbares Buch, das sich zu einem Crossover-Erfolg entwickelt hat. Inzwischen gibt es sogar Überlegungen daraus eine Fernsehserie zu machen und in Großbritannien steht der Band auf der Longlist für den Women’s Prize for Fiction.

Peters’ Erfolg kam kurz nachdem Andrea Lawlors ursprünglich von dem kleinen LGBT+-Verlag Rescue Press herausgebrachter Roman „Paul Takes the Form of a Mortal Girl“ im Jahr 2019 von Vintage Books neu aufgelegt worden war. Das verrät viel über die aktuelle Verortung von trans und nicht binärer Literatur. Und es bestätigt einmal mehr Nordamerika und vor allem die USA als ihr kreatives Zentrum, so wie es schon seit den 1990er-Jahren der Fall ist. Dort profitieren trans Romanschrifsteller*innen und Dichter*innen von einer gut entwickelten Infrastruktur aus Kleinverlagen, die es ihnen ermöglicht, ihre Ideen innerhalb einer Gemeinschaft von trans Leser*innen zu entwickeln.

Torrey Peters, The Masker, Image via www.torreypeters.com

Gleichzeitig bietet sie eine Plattform, um die Werke in Mainstream-Verlage hineinzubringen, sofern die Autor*innen es wünschen. Ob dies der Fall ist, hängt eher vom jeweiligen Genre und Prosastil ab als von der Wahl der Charaktere oder Themen: Die Kunst des fiktionalen Erzählens und der Poesie beruht seit jeher auf der Fähigkeit ihrer Autor*innen, ganz besondere Erfahrungen einer Leser*innenschaft zu vermitteln, die sie nicht kennt und sie bei denen, die sie kennen, zum Klingen zu bringen. In „Detransition, Baby“ überbrückt Peters gekonnt die Kluft zwischen den Geschlechtern, verknüpft einzigartige Erfahrungen von trans Frauen mit Einblicken in die Schwierigkeiten, die das Trans-Sein in Bezug auf universelle Themen rund um Arbeit, Familie und Beziehungen mit sich bringt. Dabei macht sie glänzenden Gebrauch von einem selbstironischen Humor, der ein potenziell feindseliges Publikum, sei es cis oder trans, im Voraus entwaffnet.

Peters schafft es ein poten­zi­ell feind­se­li­ges Publi­kum im Voraus zu entwaffnen

Peters sprach sich immer schon für die Würdigung von Schriftsteller*innen aus, die ihr den Weg geebnet haben. Auch wenn sie einräumt, dass wir keine spezifischen trans Einflüsse brauchen, um glaubwürdige Charaktere zu erschaffen, fesselnde Geschichten zu konstruieren oder innovative Formen zu begründen, weiß sie doch darum, dass unsere Vorgänger*innen neue Möglichkeiten eröffnet haben. Die ersten trans Autor*innen schrieben noch ihre Memoiren, um über die eigenen Erfahrungen in mitfühlenderer Weise zu berichten, als es sensationslüsterne Medienberichte taten. 

Torrey Peters, Detransition, Baby, Image/Video via http://www.torreypeters.com/book/detransition-baby/

In den 1990er-Jahren ging daraus dann die Trans-Theorie hervor: Die Theoretiker*innen kritisierten, dass in diesen Lebenserinnerungen aus Angst, transfeindliche Vorurteile zu schüren, auf eine wahrheitsgetreue Darstellung dessen, was es tatsächlich bedeute, cross-gender zu leben, verzichtet worden sei. Neben Bestrebungen, eine politische Definition von „trans“ zu finden, die möglichst viele Personen umfassen sollte, und der Veröffentlichung von Geschichten dieser Community ging es ihnen auch darum, einen „transgender Schreibstil“ zu erschaffen, wie Kate Bornstein, die Autorin von „Gender Outlaw“, sagt. Und so verschmolzen Autobiografisches, Kulturkritik und Fiktion in Texten, die sich vor allem an trans Leser*innen richteten und von Underground-Verlagen veröffentlicht wurden.

In den 2010er-Jahren bildete sich der Roman als die Erzählform heraus, die diese Kluft überwinden kann, von Imogen Binnies gelobter Roadtrip-Erzählung „Nevada“ (Topside, 2013) bis hin zu Jordy Rosenbergs spekulativer Geschichte um einen prototypischen Mann des 18. Jahrhunderts, „Confessions of the Fox“ (Penguin Random House, 2018). Dieser Spagat hat neue Herausforderungen mit sich gebracht: Die von Theoretiker*innen und der Öffentlichkeit gestellte Forderung nach Aufrichtigkeit führte dazu, dass sich trans Kritiker*innen um die politische Wirkmacht des Schreibens sorgten, um die Weisen, wie Peters es ausdrückt, „in denen trans Frauen abgefuckt sind und Fehler haben“, und das angesichts weltweiter Bemühungen, die Sichtbarkeit von trans Personen zu verringern – von Putins Russland über Trumps USA und Bolsonaros Brasilien bis hin zu Boris Johnsons Großbritannien, in dem eine kleine, aber lautstarke, gut vernetzte Gruppe des transphoben Feminismus aktiv ist.

[...] in denen trans Frauen abge­fuckt sind und Fehler haben.

Torrey Peters

Imogen Binnie, Nevada (Detailansicht), Image via boredangry.tumblr.com

Dort veröffentlichte etwa der „Wild Women Swimming Club“ einen Brief in Reaktion darauf, dass „Detransition, Baby“ auf die Longlist des Women’s Prize gesetzt worden war, und verurteilte darin Peters’ Nominierung, denn sie „kommuniziert in nachdrücklicher Weise, dass wir als Autorinnen unseres eigenen Literaturpreises unwürdig sind und dass es in Ordnung ist, wenn Männern gestattet wird, sich unsere Ehrungen anzueignen“. Die Verantwortlichen des Literaturpreises reagierten ihrerseits, indem sie Peters’ Geschlechtsidentität anerkannten und sich von dem Brief distanzierten, der pseudonym mit den Namen mehrerer toter Schriftstellerinnen unterzeichnet war – eine Absurdität, die rückverweist auf die Taktik, ehrlich über unseren Umgang mit solchen Anfeindungen zu schreiben.

So widmet Peters etwa „The Masker“, eine Geschichte darüber, was passiert, wenn ein Crossdresser versucht, pornografische Fantasien einer Zwangsfeminisierung auszuleben, „meinem früheren Selbst in einer Zeit größter Ängste“ und schreibt, es liege „eine Art Sicherheit“ darin, offen über unsere tiefsten Wünsche und Geheimnisse zu sprechen: Die Protagonistin Krys erklärt, es sei „sowas von überflüssig“, sie als „Tunte oder pervers“ zu bezeichnen, weil sie ein „Sissy Maid“-Kostüm trägt. Inzwischen steht fest, dass jegliche Versuche, Transphobe zu beschwichtigen, sinnlos sind: Aufrichtigkeit wie die von Peters wird hingegen jüngeren trans Schrifsteller*innen – ebenso wie Künstler*innen, Filmemacher*innen, Musiker*innen und anderen Kreativen – mehr Selbstvertrauen geben, und früher oder später werden wir an den Punkt gelangen, an dem sie uns nicht alle länger niederschreien oder ausgrenzen können.

[F]rüher oder später werden wir an den Punkt gelan­gen, an dem sie uns nicht alle länger nieder­schreien oder ausgren­zen können.

Juliet Jacques

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