Lil Nas X meisterhafter Umgang mit dem Internet zeigt, wie man sich mit Scharfsinn, Queerness und kunsthistorischen Verweisen gegen Diskriminuerung zur Wehr setzt.

Einige Vertreter*innen des Sufismus, einer spirituell ausgerichteten Strömung des Islam, sind der Überzeugung, dass der Mensch in frühen Stadien seiner Entwicklung mit der Welt ringe, weil er sich als Vielheit erlebe. Es ist dieselbe Vielfalt, die uns historisch von der Gesellschaft verweigert wurde und die die Autorin Roxane Gay in ihrer Maxime „I contain multitudes“ (dt. „Ich enthalte Vielheiten“) so wunderbar zusammenfasst.

Kein Wunder also, dass sich junge Künstler*innen wie Lil Nas X persönlich und künstlerisch in einer Öffnung hin zu dieser Pluralität wiederfinden und andere damit inspirieren. Den Auftakt seiner Erkundung bildete die Single „Old Town Road“, ein 2018 veröffentlichter Country-Rap-Fusion-Song, der wenige Monate später, im März 2019, als Remix und Videoclip in Zusammenarbeit mit dem Countrymusic-Veteranen Billy Ray Cyrus herauskam. Ein riskantes Manöver, wenn man bedenkt, dass die Countrymusic-Kultur überwiegend noch rassistisch gegenüber Schwarze eingestellt ist.

Und doch erwies es sich als Erfolgsformel, denn der Song stand ganze 19 Wochen an der Spitze der US „Billboard“ Hot 100 Charts und war der am längsten laufende Nummer-eins-Hit seit der Gründung der Charts 1958. Lil Nas X legte diese hohe Latte mit gerade einmal 20 Jahren vor, und als wären damit nicht schon genug Regeln über den Haufen geworfen, outete er sich im selben Jahr am letzten Tag der Pride vor seinen 2,2 Millionen Twitter-Follower*innen. Nachdem er gegen den Rassismus eines Musikgenres Stellung bezogen hatte, war Lil Nas X bereit, auch der Homophobie eines anderen Genres entgegenzutreten.

I contain multitudes.

Roxane Gay

LIL NAS X

MONTERO (Call me by your name)

Das große Geschick und der Scharfsinn, mit denen sich Lil Nas X gegen Diskriminierung zur Wehr setzt, lassen sich auch auf seinem meisterlichen Umgang mit dem Internet zurückführen. Und das wurde mit seinem zweiten geschichtsträchtigen globalen Hit „Montero (Call Me By Your Name)“ auf die Probe gestellt. Die im März 2021 mit einem begleitenden Video veröffentlichte Single eroberte die Welt im Sturm durch ihre rückhaltlose Offenheit in Bezug auf Lil Nas X’ Privatleben, seine Sexualität und Queerness. Die Lyrics erzählen eine sehr persönliche Geschichte über das Sich-Verlieben in einen Jungen und beschreiben in expliziten Worten schwule Sexualität und Drogenkonsum. Doch vor allem das Video verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Netz. Der aufwendig produzierte Clip zeigt Lil Nas X zunächst im Garten Eden, folgt ihm dann, wie er an einer Stange in die Hölle hinunterwirbelt, um dem Teufel einen Lapdance zu geben, ihn schließlich tötet und seine Hörnerkrone stiehlt.

Niemand hatte bis dahin auf so spek­ta­ku­läre Weise die eigene Queer­ness erkun­det

Im Mainstream hatten sich schon vor ihm andere Hip-Hop-Künstler geoutet, wie etwa iLoveMakonnen und Frank Ocean. Doch niemand hatte bis dahin auf so schamlose und unverhüllte, auf so spektakuläre Weise die eigene Queerness erkundet. Lil Nas X wartete nicht ab, dass andere ihn inspirierten – er wurde selbst zum kontrovers diskutierten Vorbild. Das Video war durch und durch furchtlos, näherte sich über vielfältige religiöse, philosophische und kunsthistorische Verweise den eigenen Dämonen der Scham. Und dies gab Lil Nas X wiederum die Kraft, sich weiteren Dämonen zu stellen – in Form von Vorwürfen des Sakrilegs und der Teufelsanbetung, die von prominenten Persönlichkeiten des konservativ-christlichen Lagers laut wurden.

Lil Nas X, Montero (Call me by your Name), 2021, Videostill, Image via www.vox.com

Links: Lil Nas X, MONTERO (Call Me By Your Name) album cover; Rechts: Michelangelo, The Creation of Adam, ca. 1508-1512, Columbia Records; Wikimedia Commons, Image via time.com

Als Verkörperung der Gen Z nutzt Lil Nas X das Internet nicht nur zum Promoten seiner Musik und Videos, sondern auch, um sich Kritiker*innen zu stellen. Etwa Kristi Noem, der Gouverneurin von South Dakota, die auf Twitter die von ihm herausgebrachten „Satan Shoes“ missbilligt hatte. Dieselbe Art von Vielheit lässt sich auch bei der Künstlerin beobachten, mit der Lil Nas X für die Single „Rodeo“ zusammengearbeitet hatte – Cardi B. Erst wurde ihre Grammy-Performance des Songs „WAP“ als pornografisch verspottet, dann diskutierte sie mit dem heutigen US-Präsidenten über die dringlichsten Probleme unserer Zeit. Lil Nas X ist mit dem Internet aufgewachsen, versteht seine nuancierte Bild- und Schriftsprache und sein Potenzial. Während er Rapperin Nicky Minajs Fan-Accounts betrieb, perfektionierte er seine Schlagfertigkeit und Virtuosität, die ihn dazu brachte, hunderte von Memes auf TikTok zu erstellen, die sicherstellten, dass seine Single viral ging.

Lil Nas X nutzt das Internet, um sich der Kritik zu stellen

Lil Nas X hat erkannt, dass wir unsere (kollektiven) Ängste besiegen können, um vielen anderen die Tür zu öffnen, ihre Ängste zu überwinden. Das zeigt sich etwa daran, dass Menschen aller sexuellen Orientierungen zu seinem Track mitsangen und rund um den Erdball zahllose Memes erstellten. Zum ersten Mal wurde ein schwuler Mainstream-Popstar mit einer Woge der Begeisterung überschüttet, die bis dahin allein einer Britney oder Beyoncé vorbehalten war.

Cardi B, WAP (Videostill), Image via www.dazeddigital.com

„Montero (Call Me By Your Name)“ toppte die Charts in mehreren Ländern und schaffte es sogar in Marokko, einem mehrheitlich muslimischen Land, auf Platz 3 der (von Jugendlichen dominierten) Spotify-Charts, obwohl Lil Nas X vom Koksen und Trinken mit Freunden singt. Bedenkt man allerdings, dass die Vielfalt untrennbar dem Internetzeitalter eingeschrieben ist, so folgt daraus, dass der Erfolg nicht trotz der Lyrics, sondern gerade wegen ihnen zustande kam. Lil Nas X lehrt die Welt, sich selbst anzunehmen, mitsamt ihren Widersprüchen – oder anders ausgedrückt – ihrer Vielheit. Und er macht deutlich, dass die Bereitschaft der Welt, sich dem Fortschritt zu öffnen, tatsächlich größer ist, als wir vielleicht angenommen haben.

Lil Nas X, Courtesy of Lil Nas X/Instagram, Image via www.usmagazine.com

#PRIDEMONTH

Juni ist #PRIDEMONTH: Der Monat steht exemplarisch für die Gesellschaft, die wir ganzjährig fordern und leben wollen. Das heißt LGBTQIA+-Rechte, queere Visibilität und Akzeptanz. Dies nehmen wir zum Anlass, aktuelle Debatten und Positionen der queeren Community auf dem SCHIRN MAG in den Fokus zu setzen.

CSD Frankfurt 2021