16. April 2019

Mit ihrer puristischen Keramik eroberte sie im Nu die Herzen der Frankfurter Concept Stores und Gastronomie. Im Atelier spricht Viola Beuscher über Handwerk als Trend und Mittel zur Entschleunigung.

Von Markus Wölfelscheider (Text), Neven Allgeier (Foto)

„Legt ruhig eure Sachen ab, wenn ihr nicht wollt, dass sie schmutzig werden“, sagt sie, bevor wir gemeinsam ihr Atelier betreten. Und: „Ihr dürft drinnen gerne alles anfassen“. Wir sind zu Besuch bei Viola Beuscher im ersten Stock eines Hauses im Frankfurter Bahnhofsviertel. Sechs Handwerker und Künstler bilden hier eine Ateliergemeinschaft. Vor ziemlich genau einem Jahr hat die Keramikerin sich selbständig gemacht und ist eingezogen.

Seitdem hat sie alle Hände voll zu tun. Vor der Tür zu ihrem Atelier stapeln sich dutzende 10-Kilo-Päckchen Ton. Alleine in den vergangenen vier Monaten hat Beuscher rund eine Tonne davon verarbeitet. Sie erzählt uns von einem Großauftrag, der sie gerade völlig in Beschlag nimmt. Ein stadtbekannter Investor (den Namen will Beuscher ohne sein Wissen nicht öffentlich machen) hat bei ihr für seine Gastronomiebetriebe fast 1000 Teile Essgeschirr bestellt – Sake-Kännchen, zarte kleine Espressotassen, außerdem diverse Schalen und stapelbare Teller, die bei einem „Flying Buffet“ zum Einsatz kommen sollen.

Alle Fines­sen des Hand­werks brachte die Kera­mi­ke­rin sich selbst bei

„Ich töpfere alles, was sich auf einen Tisch stellen lässt“, beschreibt Beuscher ihre Produktpalette. In hohen Holzregalen ihres Ateliers reihen sich neben Tellern und Tassen auch Vasen, Becher, Kerzenständer und Räucherstäbchenhalter aneinander. Alle Stücke haben ein puristisches Design und sind, sofern sie überhaupt bemalt wurden, höchstens zweifarbig. „Ich mag es clean und minimalistisch“, sagt sie. Herzstück ihrer Werkstatt sind (neben der Töpferscheibe) zwei metallisch glänzende Öfen, die auch nachts betrieben werden. Ein Brennvorgang dauert rund 24 Stunden.

Viola Beuscher © Neven Allgeier

Beuscher studierte ursprünglich Journalismus, Literaturwissenschaft und Politik in Mainz und Wien. Zum Handwerk kam sie 2014 durch einen Unfall. „Ich wurde traumatisiert, litt unter Panikattacken und musste viel Zeit in psychiatrischen Kliniken verbringen. Dort begann ich zu töpfern“, erzählt sie mit entwaffnender Offenheit. „Vorher hatte ich null Interesse an Geschirr. Das war für mich nur Therapie.“

Ihr Studium brach sie ab. Alle Finessen des Handwerks brachte die Keramikerin sich selbst bei – mit Hilfe von Büchern und Internet-Videos. Ihre Ansprüche sind hoch. „Am Anfang flog mir tausendmal der Ton von der Scheibe. Man muss akzeptieren, dass die ersten zehntausend Teile, die man töpfert, einfach scheußlich aussehen“, sagt sie. „Nach fünftausend Versuchen sieht das dann vielleicht der Laie nicht mehr. Ich will aber, dass auch der Fachmann zufrieden ist.“ Erste Erfolgsergebnisse verkaufte Beuscher an Freunde. Gastronomen aus ihrem Bekanntenkreis orderten größere Stückzahlen für ihre Cafés und Restaurants – zunächst nur zum internen Gebrauch – und betrieben Mundpropaganda. Mittlerweile sind ihre Produkte auch in einigen Frankfurter Concept Stores erhältlich. 

Ich töpfere alles, was sich auf einen Tisch stel­len lässt.

Viola Beuscher
© Neven Allgeier

Viele Anfragen erreichen sie über Instagram, wo sie ihre Arbeiten präsentiert. Für kommenden Herbst ist auch ein Online-Shop geplant, der ihrer Website angeschlossen werden soll. „In den vergangenen zwölf Monaten ist so viel passiert, dass ich kaum Zeit für solche Dinge wie Markenbildung und Produktentwicklung gefunden habe.“ Ihr Know-how gibt die 27-jährige Keramikerin regelmäßig in Töpferkursen weiter – an zwei unterschiedlichen Standorten, im Bahnhofsviertel und im Nordend. „Für mich ist das eine tolle Möglichkeit, aus meinem Atelier herauszukommen und Menschen zu begegnen“, erzählt sie.

© Neven Allgeier

Liegt Handwerk gerade im Trend? Handelt es sich womöglich um eine Art Gegenbewegung zur fortschreitenden Digitalisierung? „Mag sein“, sagt Beuscher. „Töpfern hat auf jeden Fall eine beruhigende Wirkung, nach der sich viele Leute sehnen“. In ihren Kursen sitzen oft überarbeitete Menschen mit stressigen und verantwortungsvollen Berufen, die in ihrer Freizeit einen Ausgleich suchen. Es ist bald Zeit aufzubrechen. Wirklich schmutzig sind wir nicht geworden – abgesehen von ein paar Krümeln Tonstaub vielleicht, der vor allem den Fußboden des Ateliers bedeckt.

Während wir noch Fotos machen, ertönt im Raum plötzlich ein schrilles Geräusch, das gar nicht mehr aufhören will. „Der Knopf unserer Türklingel klemmt“, erklärt Beuscher. Bei jedem noch so kurzem Drücken läutet sie deshalb immer gleich Sturm. Jedes Mal muss dann jemand aus der Ateliergemeinschaft nach unten eilen, um das Problem zu beheben und den Lärm zu beenden. Mit den anderen Kreativen auf der Etage versteht sie sich ausgezeichnet. Sie sind ebenfalls erst 2018 hier eingezogen. Vorher standen die Räume 15 Jahre lang leer. „Ich profitiere enorm von ihnen und finde immer eine offene Tür, wenn ich einen Rat brauche“, erzählt Beuscher. „Wir essen jeden Tag um 13 Uhr zusammen zu Mittag und achten darauf, dass niemand im Arbeitsloch versinkt.“

Töpfern hat auf jeden Fall eine beru­hi­gende Wirkung, nach der sich viele Leute sehnen.

Viola Beuscher
© Neven Allgeier