In den leerstehenden Räumen der Akademie für Arbeit auf dem alten Campus in Bockenheim bietet die ada_kantine seit drei Jahren kostenlose Mittagsmenüs und ein kulturelles Rahmenprogramm. Ein Besuch im selbsternannten „Restaurant für alle.“

Ein roter Kastenwagen parkt mit offenen Türen neben weißen Zelten. Im Hof vor der ada_kantine ist an diesem Donnerstagmittag eine Lieferung vom Frischezentrum in Kalbach angekommen. Wir drücken uns vorbei an Kisten voller Gemüse, die von helfenden Händen ins Kühlhaus getragen werden. In einer Nische des Speisesaals setzen wir uns an einen Tisch. Vor den Fenstern bläht sich ein Banner mit der Aufschrift „Rassistischer Gewalt entgegentreten“ im Sommerwind, das von der Gartenseite zu lesen ist. Dort stehen buntgestrichene Palettenmöbel Marke Eigenbau zwischen Töpfen mit Blumen und selbstgepflanzten Küchenkräutern.

Die Kantine im Erdgeschoss wurde früher von der Akademie für Arbeit genutzt. In den höheren Etagen befinden sich Seminarräume und ein Studierendenwohnheim. Die Stadt Frankfurt, der das Gebäude auf dem alten Uni-Campus gehört, möchte es in ein Wohnhaus verwandeln. Gemeinnützige Wohnprojekte konnten sich bewerben. Bei einem der Besichtigungstermine vor drei Jahren war auch Anette Mönich vom Stadtteilbüro Bockenheim anwesend. „Wir haben die leerstehende Küche gesehen und nach zwei Minuten gesagt: Die brauchen wir“, erinnert sie sich. Zuvor hatte sich Mönich in der Geflüchtetenhilfe engagiert und in Kirchen und Schulen gekocht.

Foto: Neven Allgeier

„Restaurant für alle“ hat jemand auf eine der Kaffeetassen geschrieben, die vor uns auf dem Tisch stehen. Das trifft es ganz gut, was rund 200 freiwillige Helfende hier im Rahmen eines Zwischennutzungskonzepts auf die Beine gestellt haben. Der Mietvertrag läuft noch mindestens bis Ende des Jahres. „Die Hälfte unserer Gäste lebt auf der Straße“, sagt Gerd, einer der Köche im Team. „Das sieht man an dem Gepäck, das sie mitschleppen. Außerdem kommen alte Menschen, denen die Rente nicht reicht, osteuropäische Wanderarbeiter*innen oder Studierende. In letzter Zeit essen hier aber auch immer mehr Leute aus sogenannten gutbürgerlichen Kreisen mit ihren Kindern, die merken, dass ihnen das Geld knapp wird."

Ein Gegenmodell zur Suppenküche

Anders als zum Beispiel bei der Tafel, muss niemand seine Bedürftigkeit nachweisen, um in den Genuss eines kostenlosen Menüs zu gelangen. Ein weiterer Unterschied zu klassischen Suppenküchen besteht darin, dass die Gäste an Tischen bedient werden, die im Hof unter weißen Zelten stehen. Gekocht wird ausschließlich vegan und vegetarisch – und zwar aus politischer Überzeugung. Die meisten Zutaten sind gespendet. Hin und wieder wird etwas hinzugekauft. Lebensmittel, die nicht gleich verwertet oder eingelagert werden können, wandern in den sogenannten „Fairteiler“ – einen Autoanhänger im Hof, in dem sich zwei Kühlschränke befinden. Wer will, kann sich rund um die Uhr bedienen.

Foto: Neven Allgeier

Lio und Gerd haben früher auf Stadtteilfesten für 100 bis 400 Personen gekocht. „Diese Erfahrung kommt uns hier zugute“, sagt Gerd. „Um einen großen Pott Wasser zum Kochen zu bringen, brauchst Du rund eineinhalb Stunden. Wenn Du so etwas nicht weißt, bricht die ganze Küche zusammen.“ Neben solchem Grundwissen ist in ihrem Job Improvisationstalent gefragt. Nach einem Blick in die Vorratskammern wird jeden Tag spontan entschieden, welche Speisen zubereitet werden. „Wenn wir morgens in den Schichtplan gucken und sehen, wir haben heute nur eine Person an der Spüle und zwei im Service, dann können wir eben kein Drei-Gänge-Menü kochen, sondern müssen das Ganze herunterreduzieren, damit sich die Arbeitsbelastung für alle in Grenzen hält.“

Lio hatte eigentlich ganz andere Pläne. 2020 wollte er auf Lesbos in einer mobilen Küche des autonomen Projekts No Border Kitchen für Geflüchtete kochen. Zuvor war er im Café Exzess auf der Leipziger Straße aktiv. „Ich brauche manchmal eine Auszeit von Deutschland, um meine Akkus wieder aufzuladen“, erzählt er. Dann kam Corona und sein Flug wurde gestrichen. Also blieb er in Frankfurt und engagierte sich in der ada_kantine. „Ich bin sowieso die ganze Zeit im Viertel unterwegs und komme hin und wieder spät abends noch mal vorbei, um hier durchzufegen.“ Den Begriff „Ehrenamt“, für das, was er tut, lehnt er ab. „Ich hasse dieses Wort“, sagt er mit großer Entschiedenheit. „Ich will keine Ehre und ich will auch kein Amt.“ Die Bezeichnung „Freiwillige“ findet er treffender, so wie übrigens alle hier am Tisch.

 

Foto: Neven Allgeier
Zwischen kulinarischer Grundversorgung und politischen Fragestellungen

„Ich weiß, das klingt blöd, aber Corona war ein Glücksfall für uns“, sagt Tim Schuster, der das Offene Haus der Kulturen betreibt, das sich auf dem alten Campus gleich nebenan befindet. Schuster engagiert sich zusätzlich in der ada_kantine. Während der Lockdowns war nicht nur die Not der Bedürftigen groß – auch weil Angebote wie die Tafel damals geschlossen hatten –, sondern groß war auch die Bereitschaft zum Helfen. „Wir hatten die Befürchtung, dass unser Konzept untergeht, sobald der Lockdown fällt, weil dann nicht mehr genug Leute mitmachen“, erzählt Anette Mönich. „Das ist aber zum Glück nicht passiert.“

Die ada_kantine beschränkt sich nicht nur auf kulinarische Grundversorgung. Einmal im Monat findet ein Spieleabend statt. Auf einem Schrank stapeln sich Kartons mit Gesellschaftsspielen von Activity bis Scrabble. Diskussionsveranstaltungen und eine Filmreihe gehören ebenfalls zum Programm. „Wir verstehen Kultur hier nicht bloß als Unterhaltung“, sagt Tim Schuster. Es geht ihm darum, gesellschaftliche Probleme und globale Fehlentwicklungen zu reflektieren. „Wir wollen Dinge über den Tellerrand hinaus in einen Kontext stellen. Mich interessieren Fragen wie: Warum gibt es überhaupt hungrige und obdachlose Menschen? Warum gibt es schlechtes Essen? Warum geht es auf dieser Welt kapitalistisch zu?“

Foto: Neven Allgeier

Wir wollen Dinge über den Teller­rand hinaus in einen Kontext stel­len.

Tim Schus­ter

Vor kurzem wurde in der ada_kantine dreijähriger Geburtstag gefeiert. „Wir hätten nicht gedacht, dass es uns so lange geben wird“, bekennt Anette Mönich. Der Mietvertrag lief ursprünglich über 18 Monate. Die Zukunft ist ungewiss. Den geplanten Umbau sieht Mönich kritisch. „Das wird kompliziert und teuer. Man wird es auch an den Mieten merken.“ Die Kantine könnte an anderer Stelle weitermachen: Im Juridicum oder – noch besser – in der Mensa, die sich ebenfalls auf dem Gelände befinden. Auch dort gibt es leerstehende Küchen. Spruchreif ist das Ganze aber noch nicht. „Seit rund 20 Jahren ist der alte Campus in einer Art Zwischenzustand – und das wird auch noch lange so bleiben“, vermutet Tim Schuster. So, wie er das sagt, klingt das durchaus hoffnungsvoll. „Es sind gerade die Zwischenzustände, in denen oft sehr viel möglich ist.“

Foto: Neven Allgeier

ada_kantine, Frankfurt Bockenheim

MEHR ERFAHREN