23. Mai 2019

Mit ihren fotorealistischen Illustrationen hat es Oriana Fenwick schon ins Fußball­ma­ga­zin „Elf Freunde“ und in „DIE ZEIT“ geschafft. Was ist ihr Erfolgsrezept?

Von Markus Wölfelschneider (Text), Neven Allgeier (Foto)

„Ein paar Stufen noch, dann habt ihr es geschafft!“ Oriana Fenwicks Kopf erscheint über dem Treppengeländer im dritten Stock eines Altbaus im Frankfurter Bahnhofsviertel. Wir werden ins lichtdurchflutete Wohnzimmer gelotst und dort mit Kaffee und Blaubeeren versorgt. Durch das große Fenster blickt man auf eine historische Häuserzeile, die von Bankentürmen überragt wird. Hin und wieder erklingt, angenehm gedämpft, das Rattern und Bimmeln einer Straßenbahn zu uns herauf.

Ein Tisch im 50er-Jahre-Stil dient Fenwick als Arbeitsplatz. Papierblock und Buntstiftkasten, die dort liegen, stammen von deutschen Edelmarken. Ansonsten ist die Ausstattung ihrer Wirkungsstätte schlicht und unspektakulär. Neben dem Laptop steht eine Kanne Kaffee bereit. „Ich brauche nicht viel Platz zum Arbeiten. Bei mir gibt es kein kreatives Chaos“, sagt die 32-jährige Illustratorin.

Aktuell sitzt sie an einem Porträt des belgischen Starkickers Kevin de Bruyne, der auf ihrer Zeichnung bis zur Hüfte in einem Bällebad steht. Eine Auftragsarbeit für das Fußballmagazin „Elf Freunde“, für das sie regelmäßig Spielerporträts zeichnet. Auch „Die Zeit“ gehört zu ihren Kunden. Jeden Monat bebildert sie dort eine Food-Kolumne mit dem Titel „Wie schmeckt das wirklich?“. Für den Berliner „Gestalten“-Verlag hat Fenwick innerhalb der vergangenen Jahre drei opulent gestaltete Coffee Table Books illustriert. Die höchst unterschiedlichen Motive waren Off-Road Fahrzeuge, Tiere (für ein Buch über Fleischgenuss) und Zeichenutensilien.

Foto: Neven Allgeier

Ihre Arbeiten wirken oft fast fotorealistisch. Tatsächlich dienen meist Fotografien als Vorlage. Es gibt viele lebendige Details zu entdecken – etwa der Faltenwurf eines T-Shirts, die Mohnkrümel auf einem Sandwich oder das Leuchten in den Pupillen eines Augenpaares. Nicht selten geben auch Privatpersonen ein Porträt in Auftrag – als Geschenk für einen geliebten Menschen zum Beispiel. „Das ist für mich immer eine besondere Herausforderung, weil diese Kunden nicht an bearbeiteten Dateien, sondern an Originalen interessiert sind. Wenn etwas schief läuft, kann ich mich dann nicht wie sonst auf Photoshop als letzte Rettung verlassen“, sagt Fenwick. „Einmal habe ich mich während der Arbeit am Papier geschnitten. Blut lief über das Bild und ich musste wieder von vorne beginnen.“

Fenwick hat schon als Kind gerne und viel gezeichnet – am Anfang vor allem fantastische Motive. Sie wuchs in Harare auf, der Hauptstadt von Simbabwe. „Ich war Einzelkind und oft alleine. Wo wir wohnten, war alles ziemlich weitläufig. Man war auf das Auto angewiesen, es gab praktisch keine kurzen Wege“, erinnert sie sich. Zeichnen wurde zu ihrer Lieblingsbeschäftigung und einem wirksamen Mittel gegen die Langeweile.

Blut lief über das Bild und ich musste wieder von vorne begin­nen.

Oriana Fenwick
Foto: Neven Allgeier

Im Alter von 14 Jahren zog Fenwick mit ihrer Mutter nach Frankfurt. Nach dem Abi wollte sie zunächst Biochemie oder Medizin studieren. Eine Kunstlehrerin riet ihr, es mit ihrem Talent an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung zu probieren. „Als die Zusage kam, war das für mich ein Zeichen“, erzählt sie. Im Studium war Fenwick offen für Neues und probierte sich in verschiedenen Fachrichtungen aus. Bildhauerei und Malerei zum Beispiel. „Aber am Ende hat mich nichts so sehr gepackt wie das Zeichnen und ich habe mich auf das konzentriert, was ich wirklich gut kann.“

Über den Freund eines Freundes, der als Grafiker beim Düsseldorfer Kulturmagazin „O-Ton“ arbeitete, kam sie an erste Aufträge. Seit 2013 arbeitet sie als selbständige Illustratorin. Als Ausgleich zum eher einsamen Schreibtischjob steht sie hin und wieder hinter dem Tresen eines Süßigkeitenladens in der Frankfurter Altstadt, für den sie auch schon Einkaufstüten und Schokoladentafelverpackungen designt hat.

Aber am Ende hat mich nichts so sehr gepackt wie das Zeich­nen.

Oriana Fenwick
Foto: Neven Allgeier

Fenwick zieht eine schwarze Mappe aus dem Regal, in der hinter Klarsichtfolien Werke aus den vergangenen beiden Jahren versammelt sind. Diese Originale wirken fast noch eindrucksvoller als die publizierten Versionen, weil sich erahnen lässt, wie viel Fingerfertigkeit darin steckt. Für die meisten Zeichnungen wurden lediglich Bleistifte benutzt. „Buntstifte sind etwas gröber. Sie haben nicht dieses gestochen Scharfe, das nur ein gespitzter Bleistift besitzt.“ Immer wieder zeichnet Fenwick auch künstlerische Bilder, die sich im Stil deutlich von ihren Auftragsarbeiten unterscheiden und oft einen skurrilen, leicht surrealen Touch haben. 

Bei einem der Motive handelt es sich um grotesk miteinander verwachsene Arme und Beine. „Ich mag organische Formen. Der menschliche Körper hat mich schon immer fasziniert – Hände vor allem.“ Einige dieser freien Arbeiten zieren die Wände der Wohnung, in der Fenwick zusammen mit ihrem Freund lebt. „Erst neulich hat er zu mir gesagt: Du weißt schon, dass wir hier überall sehr viele Bilder von Dir hängen haben“, erzählt sie und lacht. „Ich habe irgendwann einfach gemerkt, dass es völlig okay ist, die eigenen Sachen gut zu finden.“

Foto: Neven Allgeier