21. Dezember 2019

Visual Artist Nadine Kolodziey schafft mit ihren poppigen Collagen begehbare Installationen und Augmented-Reality-Apps.

Von Markus Wölfelschneider (Text), Neven Allgeier (Foto)

Der Fahrstuhl streikt, wir steigen zu Fuß bis ganz nach oben, in den fünften Stock des Künstlerhauses „Basis“ in der Gutleutstraße, am Rande des Bahnhofsviertels. „Die Etage ist ein wenig speziell“, sagt Nadine Kolodziey. „Die Decke ist etwas niedriger als im Rest des Gebäudes, dafür gibt es einen schönen Holzfußboden.“ Die 31-jährige teilt sich hier seit rund einem Jahr ein Atelier mit drei befreundeten Kollegen. In jeder Ecke steht ein Schreibtisch.

Ihr Arbeitsplatz ist genauso farbenfroh wie die Bilderwelten, die sie hier erschafft. Es gibt ein Regal, dessen Beine Buntstiften nachempfunden sind. Unter dem Schreibtisch stehen rosafarbene Crocs. Auf einem Schubladenkasten sind Zeichen- und Bastelutensilien in Form von pastellfarbenen Tierfiguren aufgereiht – Mitbringsel aus Japan. Auf dem Fußboden bilden Folienschnipsel einen bunten Haufen.

Kolodzieys Markenzeichen sind Scherenschnitte, gefertigt aus den Plastikfolien alter Schulheftumschläge. Mit Hilfe einer mächtigen Bügelpresse, die im Atelier gleich neben der Tür steht, werden sämtliche Elemente zu einer Einheit verschmolzen. Oft sieht man skurrile Figuren vor exotischem Hintergrund. Die laute und poppige Bildsprache erinnert ein bisschen an das Memphis-Design der Achtzigerjahre. Aber auch japanische Popkultur hat einen wichtigen Einfluss auf ihre Collagen. „Ich mag es, wie selbstverständlich in Japan Zeichnungen und Figuren Teil von Kommunikationsdesign sind“, erzählt Kolodziey. „Selbst die Polizei arbeitet dort mit verspielten Charakteren, die erklären, was verboten ist. Europa ist hingegen eher typografisch aufgestellt. Hier gilt: Seriöses Design ist stets reduziert.“

Foto: Neven Allgeier

2016 hat sie ihren Abschluss an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung gemacht. Inzwischen hat sie dort selbst einen Lehrauftrag. Sie unterrichtet Illustration und berät Studenten bei ihren ersten Schritten in die Selbständigkeit. Ihr erster eigener Kunde ist gleich eine ganz große Nummer gewesen, erinnert sie sich: Youtube schickte ihr damals eine Mail – die Kolodziey kurzerhand in den Spam-Ordner verschob, weil sie das Schreiben für einen Fake hielt. Ein paar Wochen später folgte dann ein nächtlicher Anruf aus Amerika. Es ging um ein Buchprojekt. Sie sollte Fan-Kommentare, die an die beliebtesten Youtuber gerichtet waren, illustrieren. Zu ihren Auftraggebern gehören inzwischen namhafte Print-Medien wie Spiegel Wissen, Zeit Campus, das feministische Magazin Missy oder die Wochenzeitung Der Freitag.

„Ich bin ziemlich schnell von einem Format gelangweilt“, bekennt Kolodziey. „Dann brauche ich einen Reset-Moment und muss mich mit etwas Neuem beschäftigten.“ Die Bildsprache ihrer Scherenschnitte hat sie zum Beispiel in riesige begehbare Installationen übersetzt, die mit meterhohen Figuren aus Styropor bevölkert sind. Kolodziey schneidet sie mit einem heißen Draht per Hand.

Ich bin ziem­lich schnell von einem Format gelang­weilt.

Nadine Kolodziey
Foto: Neven Allgeier

Seit einiger Zeit beschäftigt sie sich außerdem mit Augmented Reality. Zusammen mit einem befreundeten Programmierer aus Tokio hat sie eine eigene App entwickelt, die unter dem Namen „Nadine Kolodziey“ im App-Store zu finden ist: Motive auf Wandgemälden, Stickern oder T-Shirts bekommen – durch ein Handy oder Tablet betrachtet – ein faszinierendes Eigenleben. „Das kann man sich in etwa so vorstellen wie die magischen Bilder, die man von Harry Potter kennt.“

Um ihre digitalen Skills zu erweitern, bewarb sich Kolodziey vergangenes Jahr für eine „Creative Residency“ bei Adobe – und wurde angenommen. Ein Jahr lang bezog sie ein monatliches Gehalt von dem Softwareriesen und konnte eigene Projekte vorantreiben. Mit Hilfe von Adobes Virtual-Reality-Software „Project Aero“ baut sie dreidimensionale Figuren und Objekte und lässt sie dann im Display ihres iPads mit der Außenwelt verschmelzen. Gut die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt Kolodziey in Berlin, wo sie ein WG-Zimmer bewohnt. In der Hauptstadt besucht sie Kurse in AR-Programmierung und ist Teil eines Netzwerks von Face-Filter-Gestaltern: „Alles was in Richtung Neue Medien geht, muss ich mir in Berlin holen, weil es das hier in dieser Vielfalt nicht gibt“, erzählt sie.

Das kann man sich in etwa so vorstel­len wie die magi­schen Bilder, die man von Harry Potter kennt.

Nadine Kolodziey
Foto: Neven Allgeier

In Frankfurt ist sie Mitbegründerin eines Illustratoren-Stammtisches, der sich regelmäßig in Apfelweinkneipen trifft. Die siebenköpfige Gruppe hat sich den passenden Namen „Mispelchen“ gegeben. Heute Abend ist man auf dem Weihnachtsmarkt verabredet. Vorher zeigt uns Kolodziey noch einige ihrer neuesten Face-Filter, die sie für Instagram entwickelt hat. Vor der Kamera ihres Handys verwandeln wir uns in weinende Bären. In den inzwischen nachmittagsdunklen Fenstern des Ateliers spiegeln sich die Lichter der Neonröhren und strahlen mit den hell erleuchteten Wolkenkratzern im Hintergrund um die Wette. Wir steigen wieder durch das Treppenhaus nach unten und werden auf der Straße vom ersten Schnee das Jahres empfangen.

Foto: Neven Allgeier