Früher wollte er Maler werden. Heute sind Töne statt Farben sein Metier: Der Jazzgitarrist Max Clouth vereint indischen Raga mit elektronischen Klängen und Krautrock. Im Dezember spielt er im Frankfurt Jazzkeller.

„Eigentlich wollte ich Pirat, Astronaut, Regisseur oder Maler werden“, erzählt uns Max Clouth. Er ist im ehemaligen Haus des Kronberger Landschaftsmalers Fritz Wucherer aufgewachsen. „Sein Atelier war mein Kinderzimmer, ich war immer von Kunst umgeben, das hat mich geprägt.“ Heute lebt Clouth in einer Wohnung in Frankfurt Eschersheim. Über dem Sofa in der großen Wohnküche, wo er uns zur Begrüßung einen Tee aufbrüht, hängt eines von Wucherers Gemälden. „Siehst du die Rauchsäulen, die in der Bildmitte aufsteigen? Das sind die Farbwerke Höchst von Kronberg aus gesehen.“ Ein weiteres Wucherer-Bild, das normalerweise über dem Esstisch hängt, ist gerade für eine Ausstellung an das Museum der Kronberger Malerkolonie verliehen.

Die besten Ideen kommen mir so gegen ein Uhr, was schon zu kleineren Scharmützeln mit den Nachbar*innen geführt hat.

Max Clouth
Foto: Neven Allgeier

„Farben und Klänge gehören zusammen“, sagt Clouth, der inzwischen Musiker geworden ist, wie ein Blick in sein Arbeitszimmer verrät. Hingucker im Raum sind zwei Doppelhalsgitarren, die er zusammen mit dem Instrumentenbauer Philipp Neumann entworfen hat. Das obere Griffbrett ist bundlos. Der Klang, den es erzeugt, erinnert an den einer arabischen Oud. Außerdem stehen hier ein Schlagzeug, ein E-Piano und eine Heimorgel. Teppiche an den Wänden und Schaumstoffplatten unter der Decke sorgen für die richtige Akustik. „Ich bin ein Nachtarbeiter“, verrät Clouth. „Die besten Ideen kommen mir so gegen ein Uhr, was schon zu kleineren Scharmützeln mit den Nachbar*innen geführt hat.“

Ein Grenzgänger zwischen Genres

Clouth ist ein ausgebildeter Jazzmusiker, der keine Berührungsängste mit anderen Genres hat – Weltmusik, Techno, Krautrock oder Pop etwa. In Mainz und in Dresden hat er Jazzgitarre studiert. Seit er sieben Jahre alt ist, spielt er Gitarre. „Als Kind muss ich ein ziemlicher Eigenbrötler gewesen sein“, erinnert er sich. „Jedenfalls fand meine Mutter damals, Gitarre sei genau das richtige Instrument für mich, weil ich es auch ganz für mich alleine spielen kann.“ Obwohl er inzwischen ein ausgezeichneter Solist geworden ist, musiziert Clouth heute nur noch selten alleine. Da gibt es zum Beispiel das Quartett Ragawerk, zu der auch der Schlagzeuger Martin Standke gehört. Die beiden treffen sich oft hier im Musikzimmer, um gemeinsam zu komponieren. Für Proben mit der kompletten Band besuchen sie meist einen Bunker in der Ginnheimer Hadrianstraße.

Foto: Neven Allgeier

Auch mit Musiker*innen aus der Frankfurter Techno- und Elektro-Szene hat Clouth schon auf Bühnen gestanden und Alben veröffentlicht. Mit den Elektronik-Künstlern Kabuki und Dan Bay zum Beispiel. Kommendes Frühjahr erscheint ein Album mit dem Titel „Entelecheia“, das bereits Ende 2022 in einem Studio im Schwarzwald aufgenommen wurde. Mit dabei waren neben Kabuki mit seinem Modularsynthesizer unter anderem zwei Musiker*innen der Krautrockband Embryo, die es seit Ende der Sechzigerjahre gibt. „Alles, was darauf zu hören ist, haben wir auf eine sehr gejammte Art live eingespielt“, erzählt Clouth. „Ich hatte von meinen Kompositionen keine Notenblätter mitgebracht, sondern lediglich Skizzen.“ Insgesamt sieben Stunden Musik sind auf diese improvisierte Weise entstanden. Hinterher hat Clouth die besten Stellen zu einem Album zusammengesetzt. „In dieses Projekt habe ich in den vergangenen Monaten meine meiste Zeit und Energie hineingesteckt. Ich finde, es ist das Rundeste, aber auch Anstrengendste, das ich jemals gemacht habe.“

Indische Ashrams statt New Yorker Jazzbars   

Nach Abschluss seines Studiums wollte Clouth erst einmal raus aus Europa. „Alle Leute, die sich um mich herum mit Jazz beschäftigten, sprachen von New York. Das war ihr Sehnsuchtsort. Dort wollten sie hin. Ich hatte aber immer schon das Gefühl, dass in der anderen Richtung für mich viel mehr zu holen ist.“ Schon während seines Studiums war Clouth das erste Mal in Indien gewesen. Damals war er mit einer Yoga-Gruppe unterwegs, die sogenanntes Guru-Hopping betrieb und auf der Suche nach Spiritualität einen berühmten Ashram nach dem anderen besuchte. „Ich hatte auf der ganzen Reise aber vor allem Musik im Kopf“, sagt Clouth.

Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier

In Mumbai traf er den Musiker Nayan Gosh – einen Meister der traditionell indischen Instrumente Tabla und Sitar –, der ihn an seine Schule einlud. Zunächst ausgestattet mit einem Visum für sechs Monate nahm Clouth die Einladung an. Drei Jahre lebte er schließlich in Mumbai. „In Indien habe ich mich sofort Zuhause gefühlt, die Kultur inspiriert mich bis heute. Sie ist Teil meiner Person und meiner Musik“, sagt Clouth. „In der indischen Musik, dem sogenannten Raga, gibt es ein ziemlich strenges Regelwerk. Wer sich darauf einlässt, merkt aber schnell, dass innerhalb dieser Limitierung viel Raum für Improvisation entsteht. Die Essenz von Jazz, aber auch von indischer Musik, ist es, frei zu spielen.“ Auf einem Klavier im Musikzimmer thront eine kleine Statuette der Göttin Saraswati, die als Patronin der Künste und der Musik gilt und ein Saiteninstrument namens Vina in den Händen hält.

Zwischen Filmmusik und Gigs im Frankfurter Jazzkeller

Wieder in Deutschland, besuchte Clouth ein weiteres Mal die Uni. An der Filmakademie in Ludwigsburg studierte er Filmmusik. Dort lernte er den Regisseur Adrian Oeser kennen, mit dem er gelegentlich zusammenarbeitet. Da haben wir sie wieder: Die Verbindung von Bildern und Tönen, die für den Synästhetiker Clouth fast schon eine Notwendigkeit ist. Aktuell komponiert er eine Filmmusik, die von portugiesischen Fado-Klängen inspiriert ist. Sie ist Teil eines Dokumentarfilms, den Oeser für den TV-Sender Arte produziert. Es geht um eine portugiesische Community, deren erste Mitglieder sich in den Sechzigerjahren in Groß-Umstadt angesiedelt haben.

Foto: Neven Allgeier

Als Teil eines Jazz-Quartetts – Gitarre, Piano, Kontrabass und Schlagzeug – kann man Clouth am 14. Dezember auf der Bühne im Frankfurter Jazzkeller erleben, den er als sein zweites Wohnzimmer bezeichnet. „Zwei, drei Mal im Jahr versuche ich dort zu aufzutreten.“ Die Formation spielt Jazz-Standards, eigenwillig interpretiert: „Weil meine Gitarre die Rolle übernimmt, die klassischerweise das Saxophon spielt, hat unsere Musik eine leicht freejazzgige Note. Es klingt ein bisschen nach den Siebzigerjahren.“

Foto: Neven Allgeier

MAX CLOUTH

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