20. Juli 2017

Die umfangreichen Skulptur Projekte Münster finden nur alle 10 Jahre statt. Aber das ist wirklich nicht der einzige Grund, weswegen man unbedingt dorthin fahren sollte. Eine Auswahl der Highlights auf dem SCHIRN MAG

Von Lisa Beisswanger

Die Skulptur Projekte Münster, die seit Juni und noch bis zum 1. Oktober in Münster und Marl zu sehen sind, sind etwas ganz Besonderes. Das liegt zum einen daran, dass die Ausstellung seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1977 nur alle zehn Jahre stattfindet. Zum anderen sorgen die lange Vorbereitungszeit und das besondere Konzept der Ausstellung dafür, dass nur vergleichsweise wenige, aber umso aufwendigere und ortsspezifische Arbeiten zu sehen sind. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass diese Ausstellung keinen Eintritt kostet, denn sie findet im öffentlichen Raum statt. Es gibt also wirklich keinen Grund, in diesem Sommer nicht nach Münster zu fahren! 

Die Arbeiten und Projekte sind wie immer im Stadtraum Münster verteilt und diesmal, zum ersten Mal, auch in der kuriosen Ruhrpott-Kleinstadt Marl. Eine zweite Besonderheit in diesem Jahr ist, dass Skulptur nicht statisch, sondern bewegt und zeitbasiert gedacht wird. Das bedeutet, dass erstmals auch Performance- und Videoarbeiten gezeigt werden und dass an vielen Orten die Partizipation oder zumindest eine Interaktion der Besucher gefragt ist. Eine Auswahl an Highlights in zufälliger Reihenfolge:

PIERRE HUYGHE, AFTER A LIFE AHEAD

Pierre Huyghe, berühmt geworden mit seinem pink-beinigen Hund auf der documenta 13, hat für die Skulptur Projekte die alte Eishalle der Stadt umgraben und umbauen lassen und den Ort in eine riesige Baustelle verwandelt. Nicht nur die Betonfläche des Bodens wurde zersägt, sondern auch eine tiefe Grube darunter ausgehoben. Die Besucher wandeln nun zwischen Erdhäufen und Bauschutt umher. In die Decke der Halle sind Klappen eingebaut, die sich langsam öffnen und schließen. Zwei Bienenvölker und zwei Pfauen leben außerdem in der Halle. Am Rand steht ein Inkubator, in dem sogenannte HeLa-Zelllinien (diese Zellkulturen werden unter anderem in der Krebsforschung eingesetzt) wachsen und in der Mitte ein Aquarium, in dem Schnecken leben. Das Wachstum der Zellen sei für die Steuerung der Klappen in der Decke verantwortlich, so heißt es. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es in dieser monumentalen Rauminszenierung, deren Teil unweigerlich auch alle Besucher werden, um bio-technologische Symbiosen geht, um Wachstum und um Leben. Eine App mit (wenig spektakulären) augmented-reality-Elementen gehört außerdem zum Projekt.

Pierre Huyghe, After A Life Ahead, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

MIKA ROTTENBERG, COSMIC GENERATOR

Kapitalismus und Globalisierung sind Themen zu denen schon viel gesagt wurde. Mika Rottenberg fügt der Diskussion mit ihrer surreal anmutenden Arbeit aber noch eine spannende Variante hinzu. In einem ca. 20-minütigen Film entführt sie uns in eine vielschichtige Phantasiewelt zwischen Fastfood-Restaurants und quietschbunten Billig-Plastikartikel-Shops. Gedreht wurde an durchaus realen Orten, wie der Mexikanischen Grenzstadt Mexicali oder dem imposanten Billigartikelmarkt Yiwu in China. Produktion, Vermarktung und Konsum: alles scheint in diesem Film durch ein komplexes, mehrdimensionales Röhrensystem verbunden, in das die Betrachter hineingesogen werden. Der Film allein wäre schon spannend genug. Doch hat Rottenberg hat als Ort für Cosmic Generator einen aufgegebenen Asia-Supermarkt ausgewählt, die perfekte Kombination.

Mika Rottenberg, Cosmic Generator, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

JEREMY DELLER, SPEAK TO THE EARTH AND IT WILL TELL YOU

Quer durch eine Kleingartenanlage und dann links durch ein kleines Tor in einen der Gärten hinein muss man gehen, um die Ausstellung der Arbeit von Jeremy Deller zu sehen. Im Gartenhäuschen steht eine Sammlung dicker grüner Bücher, die das Ergebnis eines zehnjährigen (!) Projekts des Künstlers mit lokalen Gartenbauvereinen sind. Freiwillige haben in diesen Büchern ihre Aktivitäten dokumentiert, Fotos hineingeklebt sowie Zeichnungen angefertigt und Texte verfasst. In ihrer Gesamtheit funktioniert die Arbeit wie eine ethnologische Studie, welche die Freuden, Sorgen und Nöte der Kleingartenbesitzer zusammenträgt.

Jeremy Deller, Speak to the Earth and it Will Tell You (2007-2017), Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

WAGNER / DE BÚRCA, BYE BYE DEUTSCHLAND! EINE LEBENSMELODIE

„Kein Selbstverzehr!“ steht am Eingang der Elephant Lounge, einer merkwürdig aus der Zeit gefallenen Bar mitten in einer Münsteraner Einkaufspassage. Dafür gibt es drinnen alles was das 90er-Cocktail-Herz begehrt und dazu einen Film, der die Schlagerszene in und um Münster porträtiert. Große Gefühle im Halbdunkel. Eine nicht nur atmosphärisch spannende Erfahrung sondern auch ein Einblick in eine Szene, die durchaus als veritable musikalische Subkultur durchgehen kann.

Wagner / De Búrca, Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

NICOLE EISENMAN, SKETCH FOR A FOUNTAIN

Nicole Eisenman wurde durch ihre radikal zynische und zur Absurdität tendierende Malerei bekannt. Für Münster hat sie nun einen Brunnen entworfen, der eine ähnliche Bildsprache spricht. Überlebensgroße Figuren aus Bronze und Gips lungern um ein Wasserbecken herum. Wasser sprudelt aus ihren perforierten Gliedmaßen oder aus einer übergroßen Bierdose, die eine der liegenden Figuren auf ihrem Bauch balanciert. Der Brunnen liegt am Rand der sogenannten Promenade, ein guter Ort für eine Pause im Grünen.

Nicole Eisenman, Sketch for a Fountain, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

ALEXANDRA PIRICI, LEAKING TERRITORIES

Eine der beeindruckendsten Performances in Münster ist die Arbeit von Alexandra Pirici, die im Friedenssaal des historischen Rathauses aufgeführt wird. Ein geschichtsträchtiger Ort, hier wurde 1648 der Westfälische Frieden geschlossen. Piricis Arbeit wird von sechs Performern aufgeführt und gliedert sich in mehrere Sequenzen, die wiederkehrend im Loop gezeigt werden. Einmal fungieren die Performer als lebende Suchmaschine, der die Besucher Schlagwörter zurufen, ein andermal bewegen sie sich durch den Raum und bestimmen damit die Dynamik der Besucher-Bewegungen im Raum. In weiteren Sequenzen wird gesungen oder es werden Ereignisse in Münster und an anderen Orten erzählt und damit räumliche und zeitliche Verbindungslinien gezogen, zum Beispiel von Münster zu den Herkunftsorten der Performer. 

Alexandra Pirici, Leaking Territories, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

AYŞE ERKMEN, ON WATER

Ein metallener Steg erstreckt sich vom Nord- zum Südkai des Münsteraner Binnenhafens. Er liegt knapp unter der Wasseroberfläche. Wer also zur anderen Seite hinüber möchte, zieht besser seine Schuhe aus. Die Arbeit dürfte besonders an heißen Tagen zu den beliebtesten Arbeiten der Skulptur Projekte gehören. Hier treffen Kunstinteressierte und zufällige Passanten aufeinander, es herrscht eine fröhliche und ausgelassene Stimmung. Natürlich geht es hier aber nicht nur um eine Erfrischung für müde Füße und die Gelegenheit für ein paar Schnappschüsse, sondern auch um eine Reflexion über Wasserwege, Brückenbau und Schifffahrt, denn das tragende Element der Brücke sind, wenn auch unsichtbar, Seecontainer.

Ayşe Erkmen, On Water, Foto: Schirn Magazin, Lisa Beisswanger, 2017

EINIGE PRAKTISCHE TIPPS

Tipp 1: Idealer Ausgangspunkt für den Ausflug zu den Skulptur Projekten ist das LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte im Stadtzentrum. Dort kann man sich mit allen nötigen Informationen versorgen. Direkt nebenan zeigt der ebenfalls an der Ausstellung beteiligte Westfälische Kunstverein eine Ausstellung von Tom Burr. Auch der riesige LKW, der vor beiden Museen parkt, ist übrigens ein Kunstwerk, eine Kollaboration von Tom Burr und Cosima von Bonin. 

Tipp 2: Für kleines Geld eine analoge Karte der Ausstellungsorte erwerben (im LWL) oder die App SP17-Navi herunterladen. Besonders die App ist überaus hilfreich, da die Projekte auf einer Karte mit GPS angesteuert werden können sowie zu jeder Arbeit ein erklärender Text eingespeist ist. Alternativ finden sich auch alle Informationen auf der Website der Ausstellung

Tipp 3: Münster ist und bleibt eine Fahrradstadt. Es lohnt also, sich auf die lokalen Bräuche einzulassen und sich ein Fahrrad mitzubringen oder zu mieten. Zum Beispiel beim Projekt-eigenen Fahrradverleih. Mobil ist man natürlich auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto, die Projekte in der Innenstadt sind auch gut fußläufig zu erreichen.

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