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In der Themenausstellung „ICH“ zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt Selbstporträts zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Zu sehen sind 40 internationale Positionen aus Malerei, Fotografie, Video, Skulptur und Performance, unter anderem von John Bock, Eberhard Havekost, Alicja Kwade, Mark Leckey, Nam June Paik, Pamela Rosenkranz, Rosemarie Trockel und Erwin Wurm.

Was erwartet man von einem Bild, das ein Selbstporträt sein soll? Die Bestandteile sind eigentlich über Jahrhunderte erprobt: Die Künstlerinnen oder Künstler erforschen ihre Gesichter im Spiegel und setzen diese Erfahrung ins Bild. Die Moderne brachte unzählige Selbstdarsteller hervor und versprach sich von ihnen nicht selten das nackte Selbstbekenntnis. Und heute? Künstlerinnen und Künstler halten dem Betrachter nicht länger ihr Gesicht vor Augen. Sie lassen die Selbstenthüllung hinter sich, entziehen sich dem Blick und gehen auf Umwege – und auch auf Distanz zum eigenen Ich. Oft wissen wir nur, dass es sich um Selbstdarstellungen handelt, weil uns das der Titel verrät: Imi Knoebel präsentiert eine Ansammlung von Utensilien als Selbstporträt mit Pappkarton, Gabriel Kuri eine Kombination aus Isolierfolie und einer Muschel. Abraham Cruzvillegas macht persönliche Dokumente durch Übermalung unlesbar und nennt das „blindes Selbstporträt“, während Ryan Gander statt gemalter Bildnisse die angeblich dafür verwendeten Farbpaletten präsentiert. Günther Förg schreitet kopflos eine Treppe hinab, Wolfgang Tillmans zeigt nur sein Knie und Pawel Althamer seine Kleider.

Jun Ahn, Self-Portrait (Seoul), 2008/2014
Wir können heute feststellen, dass die Selbstinszenierung zum Massenphänomen einer Beeindruckungskultur geworden ist. Die Künstlerinnen und Künstler treten dem entgegen und haben unorthodoxe, spielerische und humorvolle Strategien entwickelt, um die Allgegenwart und die Überkodierung des menschlichen Abbilds in unserer Mediengesellschaft zu hinterfragen. In „ICH“ halten sie uns den Spiegel vor.
Max Hollein, Direktor Schirn Kunsthalle Frankfurt

Ironisch, spielerisch und dekonstruktiv – Künstlerinnen und Künstler halten uns nicht länger ihr Gesicht vor Augen, wie es früher üblich war. Sie lassen die Selbstenthüllung hinter sich und entziehen sich unserem Blick, sie gehen Umwege und auf Distanz zum eigenen Ich.

Michael Sailstorfer schreibt seinen Namen in großen Lettern, Sarah Lucas tritt dem Betrachter beinahe ins Gesicht, und Florian Meisenberg lässt ihn per Smartphone-Livestream an seinem Leben teilhaben. Ironisch, spielerisch und dekonstruktiv sind diese Selbstporträts von heute. Die Zeiten, in denen sich der Künstler ohne Ironie ins Zentrum des Bildes setzen konnte, sind offensichtlich vorbei. Nicht zuletzt haben sich auch die Rahmenbedingungen einer solchen Bildproduktion erdrutschartig verändert. Erstmals in seiner langen Tradition ist das Selbstporträt heute als Kulturtechnik im Alltag verbreitet und jedem zugänglich. Es ist damit als exklusives Produkt künstlerischer Subjektivität Geschichte. Selbstbildnis ohne Selbst, Porträt ohne Gesicht, Krise der Repräsentation – das Selbstporträt hat sich von der Illusion der Realität verabschiedet. Ähnlichkeit wird gemieden, das Äußere wird verborgen. Die Ausstellung „ICH“ folgt den Bilderstürmern des Ich auf ihrer Suche nach einer zeitgemäßen Form der Selbstdarstellung. Zu sehen sind 40 internationale Positionen aus Malerei, Fotografie, Video, Skulptur und Performance, unter anderem von John Bock, Eberhard Havekost, Alicja Kwade, Mark Leckey, Nam June Paik, Pamela Rosenkranz, Rosemarie Trockel und Erwin Wurm. 

Ausstellungsansicht, Foto: Norbert Miguletz

Das traditionsschwere Genre des Selbstporträts ist heute bis ins Mark erschüttert.

Dr. Martina Weinhart, Kuratorin der Ausstellung
In der Ausstellung vertretene Künstlerinnen und Künstler

Vito Acconci, Jun Ahn, Pawel Althamer, Joseph Beuys, John Bock, Mike Bouchet, Thorsten Brinkmann, George Condo, Abraham Cruzvillegas, Günther Förg, Ryan Gander, Eberhard Havekost, Olaf Holzapfel, Birgit Jürgenssen, Jürgen Klauke, Imi Knoebel, Gabriel Kuri, Alicja Kwade, Ketty La Rocca, Mark Leckey, Sarah Lucas, Urs Lüthi, Florian Meisenberg, Jonathan Monk, Robert Morris, Paik Nam June, Friederike Pezold, Jack Pierson, Arnulf Rainer, Pamela Rosenkranz, Dieter Roth, Michael Sailstorfer, Josh Smith, Wolfgang Tillmanns, Timm Ulrichs, Rosemarie Trockel, Mark Wallinger, Gillian Wearing, Erwin Wurm, Rémy Zaugg


PRESSEINFORMATION: [¶£

08.02.2016 | In der Themenausstellung „ICH“ zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 10. März bis 29. Mai 2016 Selbstporträts zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Zu sehen sind 40 internationale Positionen aus Malerei, Fotografie, Video, Skulptur und Performance, unter anderem von John Bock, Eberhard Havekost, Alicja Kwade, Mark Leckey, Nam June Paik, Pamela Rosenkranz, Rosemarie Trockel und Erwin Wurm. Was erwartet man von einem Bild, das ein Selbstporträt sein soll? Die Bestandteile sind eigentlich über Jahrhunderte erprobt: Die Künstlerinnen oder Künstler erforschen ihre Gesichter im Spiegel und setzen diese Erfahrung ins Bild. Die Moderne brachte unzählige Selbstdarsteller hervor und versprach sich von ihnen nicht selten das nackte Selbstbekenntnis. Und heute? Künstlerinnen und Künstler halten dem Betrachter nicht länger ihr Gesicht vor Augen. Sie lassen die Selbstenthüllung hinter sich, entziehen sich dem Blick und gehen auf Umwege – und auch auf Distanz zum eigenen Ich. Oft wissen wir nur, dass es sich um Selbstdarstellungen handelt, weil uns das der Titel verrät: Imi Knoebel präsentiert eine Ansammlung von Utensilien als Selbstporträt mit Pappkarton, Gabriel Kuri eine Kombination aus Isolierfolie und einer Muschel. Abraham Cruzvillegas macht persönliche Dokumente durch Übermalung unlesbar und nennt das „blindes Selbstporträt“, während Ryan Gander statt gemalter Bildnisse die angeblich dafür verwendeten Farbpaletten präsentiert. Günther Förg schreitet kopflos eine Treppe hinab, Wolfgang Tillmans zeigt nur sein Knie und Pawel Althamer seine Kleider. Michael Sailstorfer schreibt seinen Namen in großen Lettern, Sarah Lucas tritt dem Betrachter beinahe ins Gesicht, und Florian Meisenberg lässt ihn per Smartphone-Livestream an seinem Leben teilhaben. Ironisch, spielerisch und dekonstruktiv sind diese Selbstporträts von heute. Die Zeiten, in denen sich der Künstler ohne Ironie ins Zentrum des Bildes setzen konnte, sind offensichtlich vorbei. Nicht zuletzt haben sich auch die Rahmenbedingungen einer solchen Bildproduktion erdrutschartig verändert. Erstmals in seiner langen Tradition ist das Selbstporträt heute als Kulturtechnik im Alltag verbreitet und jedem zugänglich. Es ist damit als exklusives Produkt künstlerischer Subjektivität Geschichte. Selbstbildnis ohne Selbst, Porträt ohne Gesicht, Krise der Repräsentation – das Selbstporträt hat sich von der Illusion der Realität verabschiedet. Ähnlichkeit wird gemieden, das Äußere wird verborgen. Die Ausstellung „ICH“ folgt den Bilderstürmern des Ich auf ihrer Suche nach einer zeitgemäßen Form der Selbstdarstellung.

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ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Vito Acconci, Centers, 1971, B/W, Sound 22'50", Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Dieter Roth, Selbstbildnis als Schwalbe, 1973, Öl auf Leinwand 73 x 92 cm, Kunstmuseum St. Gallen, Erworben von der Gesellschaft der Freunde bildender Kunst 1973, Foto: Stefan Rohner, © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth

Friederike Pezold, Brustwerk, 1973, Silbergelatine-Abzug, 65 x 100 cm, Bank Austria Kunstsammlung, Wien

Birgit Jürgenssen, Jeder hat seine eigene Ansicht, 1975, S/W Fotografie auf Barytpapier, 40 x 30 cm, Bank Austria Kunstsammlung, Wien © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Günther Förg, Treppenhaus München, 1984/1998, Fotografie, 270 x 180 cm, Sammlung Deutsche Bank, Bildnachweis: Privat

Wolfgang Tillmans, Lacanau (self), 1986, Chromogener Farbdruck, 145 x 211 cm x 6 cm (gerahmt als c-print), Courtesy Galerie Buchholz, Berlin / Cologne © the artist

Jürgen Klauke, Toter Fotograf, 1988/93, 2-teilige Fotoarbeit auf Barytpapier, 160 x 125 und 120 x 125 cm, Installation: 280 x 125 cm, Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck/Wien & the artist, Foto: Jürgen Klauke © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Sarah Lucas, I know what I like in your wardrobe, 1996, Glasfaser-Ei, Acryl und Farbe, 183 x 119 cm, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Copyright: Fondazione Sandretto Re Rebaudengo

Eberhard Havekost, Hotel, 2003 (2), Inkjet auf Papier, 9,5 x 16 cm / 21 x 29,6 cm, gerahmt Edition von 5, Courtesy: Galerie Gebr. Lehmann, Foto: Werner Lieberknecht

Thorsten Brinkmann, Brinkmann, 2006, Karton, Sneaker, Plastikbeine und Jeans des Künstlers, 193 x 40 x 34 cm, Courtesy Teutloff Museum e.V. Foto: Thorsten Brinkmann © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Jun Ahn, Self-Portrait (Seoul), 2008/2014, Archivarischer Pigmentdruck, 101,6 x 76,2 © Jun Ahn, Courtesy Christophe Guye Galerie

Erwin Wurm, Selbstporträt als Essiggurkerl, 2010, Acryl, Acryllack, lackierte Holzpodeste, 36-teilige Installation, Foto: Museum der Moderne Salzburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Jack Pierson, Self Portrait #25, 2005, C print, 134 x 109,2 cm, Courtesy Teutloff Museum e.V., Foto: Kurt Steinhausen, Köln

Josh Smith, Untitled, 2006, Öl auf Leinwand, 152 x 122 cm © Private Collection Belgium

Jonathan Monk, Senza Titolo VII, 2012 (Jesmonite bust with nose broken by the artist), Jesmonite, Büste 45,5 x 21 x 26 cm, Sockel: 150 x 50 x 50 cm, © Jonathan Monk, Courtesy, the artist and Lisson Gallery, London

Mark Leckey, Leckey Legs, 2014, 3D Photopolymer print, 110 x 80 x 50 cm, Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York, Foto: Sven Laurent

DER KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Das Selbst als Politikum

Der Ausstellungskatalog "Ich" führt die ikonoklastischen Verfahren, die das Genre des Selbstporträts heute durchläuft, umfassend zusammen und präsentiert Wege der künstlerischen Subversion: Witz, Ironie, Dezentralisierung, Fragmentierung, Blindheit und Versperrung. Die Subjektivität des Künstlers ist dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ein Leitmotiv der zeitgenössischen Kunst geblieben, sie ist jedoch nicht mehr ausschließlich mit dem Abbild des Künstlers verbunden. Das Subjekt changiert, deshalb ist es schwer in einem Bild zu fassen.