Sind Künstler*innen besonders kreativ, wenn es ums Kochen geht? Ein Blick in die Küchen der Kunstwelt. Dieses Mal mit Dorothy Iannone und eine Reise durch ihr Leben in vier Gängen.

Alice Waters, Köchin und Mitgrün­de­rin des berühm­ten kali­for­ni­schen Slow-Food-Restau­rants Chez Panisse, hat die enge Verbin­dung zwischen Kunst und Kochen auf den Punkt gebracht: „…sie sind beide reak­tiv und krea­tiv, sie imitie­ren sich gegen­sei­tig und passen sich einan­der an.“ Exis­tiert demnach eine Verbin­dung zwischen dem, was in den Ateliers von Künst­le­r*innen passiert, und dem, was in ihren jewei­li­gen Küchen vor sich geht? Finden sich Bezüge zu ihrem Werk und ihrer Persön­lich­keit wieder? Sind Künst­ler*innen beson­ders krea­tiv, wenn es um den alltäg­li­chen Akt des Kochens geht? Anhand von Anek­do­ten und Fotos rund um ihre Küchen und Ess­ge­wohn­hei­ten geben wir Einbli­cke in die kuli­na­ri­schen Lebens­wel­ten bekann­ter Künst­le­r*innen.

1968 beginnt die damals 35-jährige Dorothy Iannone damit, ihre Lieblingsspeisen und die dazu passenden Rezepte schriftlich festzuhalten. Als sie ein Jahr später fertig wird, ist das Ganze auf ein über sechzig Seiten und 200 Gerichte umfassendes Buch gewachsen, das sie „A Cookbook“ nennt. Doch Iannone ist keine Köchin, sondern Künstlerin, und ihr Buch ist auch kein gewöhnliches Kochbuch. Sucht man etwa nach den Anweisungen zur Zubereitung von Gnocchi – zu finden auf Seite 8 – sieht man neben dem fein säuberlich auf rot-weißem Grund notierten Rezept die Zeichnung einer nackten Frau in Gelb, deren Geschlecht, einem Gnocco nicht unähnlich, auf der Zutatenliste für Muscheln mit Tomatensoße sitzt. „Just 3 bottles of wine can really loosen my tongue“, steht auf ihrem Gesicht geschrieben, „Sometimes I have so many different pains, I become assured there can be nothing wrong with me“ liest man auf Bauchnabelhöhe. Dieses Nebeneinander pragmatischer Kochanweisungen und persönlicher, oft humorvoll-ironischer Reflexionen, von floralen und abstrakten Ornamenten umringt, zieht sich durch das gesamte Buch. „A Cookbook“ ist Rezeptsammlung, Tagebuch und Skizzenheft zugleich, prall gefüllt mit Referenzen zur Lebens- und Schaffensgeschichte Iannones.

Just 3 bott­les of wine can really loosen my tongue.

Dorothy Iannone
Photo: Jason Schmidt

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

Entlang des folgenden 4-Gänge-Menüs, ganz nach dem Geschmack der Künstlerin gestaltet, unternehmen wir eine kleine Reise durch die wichtigsten Stationen ihrer Laufbahn. Alle Rezepte stammen aus „A Cook­book“ und werden originalgetreu wiedergegeben.

Appetithappen

Geboren 1933 in Boston, Massachusetts und aufgewachsen in einem amerikanisch-italienischen Mehrgenerationenaushalt – ihre Großeltern waren Einwanderer aus Kalabrien – kommt Dorothy Iannone früh mit der italienischen Küche in Kontakt. „I think maybe I like Italian food best of all. Is that bad?“ fragt sie gegen Ende ihres Buches, dort, wo auch die Anleitungen zu „Canneloni“, „Ravioli Bardelli“, „Stuffed Tufoli“ und „Fettucine Alfredo“ stehen. Konsequenterweise hat sie Dutzende Klassiker der süditalienischen Küche in ihre Rezeptsammlung aufgenommen, darunter auch diesen gefüllten Endiviensalat, neben den sie „very super“ notiert hat:

Gefüllte Endivie

Für 2 Personen

1 MEDIUM Kopf Endiviensalat
3 reife Oliven, gehackt
2 Anchovis
1/2 EL Pinienkerne
1/2 EL Rosinen
110g gehacktes Rindfleisch
30g Semmelbrösel
1/2 EL Petersilie
2 1/2 EL Olivenöl
Salz + Pfeffer

1. Rindfleisch 10 Min. in 1 EL Olivenöl anbraten, bis es leicht braun ist
2. Vom Feuer nehmen. Nüsse, Rosinen, gehackte Oliven, Anchovis, Semmelbrösel, Petersilie, Salz + Pfeffer zugeben. Gründlich mischen. Falls zu trocken, heißes Wasser hinzufügen
3. Äußere Endivienblätter entfernen. Waschen, flachdrücken, Mischung in die Mitte geben. Schließen + binden
4. In eine Pfanne geben. Öl darüber gießen. Zudecken und auf kleiner Flamme 20 Minuten garen. Gelegentlich wenden. Falls nötig, mehr Olivenöl hinzufügen

very super

Dorothy Iannones Notiz zum Rezept

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

Vorspeise

Iannone studiert zunächst Literaturwissenschaften, zur Kunst kommt sie als Autodidaktin erst, nachdem sie 1958 den Maler James Upham heiratet und sich mit ihm New York niederlässt. Ihre ersten künstlerischen Arbeiten sind abstrakt-expressive Bilder und Collagen, doch im Zuge zahlreicher Reisen des Ehepaars nach Europa und Asien wird ihr Werk immer figurativer. Iannone integriert Elemente der indischen Tempelkunst, des japanischen Farbholzschnitts, griechischer Vasen und byzantinischer Mosaikkunst in ihre Kompositionen. Darin finden sich auch die ersten menschlichen Figuren mit prominenten Sexualorganen wieder, die aus ihrem späteren Œuvre nicht mehr wegzudenken sind. Thematisch nähert sich die Künstlerin immer mehr dem Ausloten von Sinnlichkeit und Liebe als zentrale Fragestellung. Während eines längeren Aufenthalts in Südfrankreich schließt Iannone enge Freundschaften zu Künstler*innen der Fluxus-Bewegung, und auch kulinarisch hinterlässt diese Station Spuren: Während nur eine Handvoll von Gerichten, darunter Pilau, Tempura und Pekingente, an ihre Reisen nach Asien erinnern, nimmt die französische Küche in Iannones Künstlerkochbuch viel Raum ein. Allein unter dem Buchstaben „C“ findet man „Cassoulet“, „Coq au Vin“, „Croûtes“, „Chicken Liver Canapé“ und folgendes klassisches, luxuriöses Gericht, das Iannones kosmopolitischen Lebensstil an der Seite des wohlhabenden Upham versinnbildlicht: 

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

Consommé madrilène mit saurer Sahne und Kaviar

[Dieses Gericht erscheint unter „Sonstiges“ und enthält keine ausführliche Kochanleitung, einzig folgende Beschreibung:]

Consommé Madrilène in eine Schüssel geben. Mit saurer Sahne bedecken. Mit schwarzem Kaviar bestreichen.

Hauptspeise

1967 kommt es zu einem Schlüsselmoment in Iannones Biografie: Auf einer Reise nach Island lernt sie den dort ansässigen deutsch-schweizerischen Konzeptkünstler Dieter Roth kennen, verliebt sich und lässt innerhalb einer Woche ihr altes Leben hinter sich. Mit der Beziehung zu Roth beginnt auch eine neue Schaffensphase der Künstlerin, gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung mit dem Konzept der „ekstatischen Einheit“, die sie in der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau sieht. Als Sujet dienen ihre eigenen erotischen Erfahrungen mit Roth, dem Iannone eine Doppelrolle als Liebhaber und künstlerische Muse zuschreibt. In den zahlreichen Künstlerbüchern, Skulpturen, Zeichnungen und Objekten, die Iannone in den darauffolgenden Jahren produziert, zelebriert und porträtiert sie die weibliche Sexualität humorvoll, offen und tabulos in all ihren Facetten. Sie entwickelt eine markante Erzählweise, deren Grundlage das Zusammenspiel von Bildern und Worten ist.

Bei ihrem eiligen Umzug nach Europa nimmt Iannone in weiser Voraussicht nicht nur einige ihrer Kunstwerke mit, sondern auch ihre Kochbücher und Gewürze. Tatsächlich entsteht „A Cookbook“ aus Iannones Motivation heraus trotz des vielen Umsiedelns mit Roth – sie leben während ihrer siebenjährigen Beziehung in Reykjavik, London, Basel und Düsseldorf – durch das Kochen ihrer Lieblingsspeisen ein gewisses Heimatgefühl heraufzubeschwören. Als Iannone ihren zukünftigen Partner das erste Mal am Hafen von Reykjavik sieht, hält dieser einen frischen Fisch in der Hand, in Zeitungspapier eingewickelt. Passend dazu findet sich im Kochbuch ein einfaches Fischrezept, das Dieters Namen trägt und als Geschmacksträger auf „Düsseldorfer Senf“ setzt – ein Klassiker der Landeshauptstadt, in der Iannone und Roth viel Zeit miteinander verbringen.

Diter’s Schellfisch mit Senfsauce

Schellfisch in Wasser mit Lorbeerblatt, Salz + Pfeffer + Zwiebel kochen, 15 Minuten oder bis er weich ist. Ungeschälte Kartoffeln im gleichen Wasser eine halbe Stunde kochen. Senfsoße zubereiten:

2 EL Butter
2 EL Mehl
1/2 TL Salz
1-2 EL Düsseldorfer oder Dijon-Senf
360ml Milch, Sahne oder Hühnerbrühe

Butter schmelzen. Mehl + Salz einrühren. Kochen, bis es blubbert + golden ist. Senf nach Geschmack zugeben. Langsam Flüssigkeit hinzufügen. Kochen, bis die Masse glatt ist und die gewünschte Konsistenz hat. Bei Verwendung von Brühe kann je ein Teelöffel Essig + Zucker hinzugefügt werden. Über Schellfisch + Kartoffeln mit süßem* grünen Salat servieren.

*Süßer Salat bedeutet mit Sahne, oder Joghurt oder Sauerrahm + Zucker + vielleicht Zitrone, je nach Geschmack

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

Nachspeise

Aufgrund ihrer Darstellung explizit erotischer Situationen erfährt Iannone während ihrer Karriere mehrfach institutionelle Zensur, und auch aus den Kreisen der Frauenbewegung der Siebzigerjahre erfährt sie Ablehnung, da ihr Verständnis von freier Liebe als komplette gegenseitige Hingabe von Mann und Frau als nicht emanzipiert empfunden wird. Doch die Künstler geht weiterhin unbeirrbar ihren Weg. Nach der Trennung von Roth 1974 bekommt Iannone ein Künstlerstipendium des DAAD und zieht nach Berlin. Die ausdrückliche Anerkennung durch die Kunstinstitutionen kommt allerdings erst um einiges später: 2009, als sie fast 80 Jahre alt ist, widmet das New Museum in New York ihr eine Einzelausstellung, 2014 folgt die Berlinische Galerie. Heute arbeitet Iannone aus dem Atelier ihrer Berliner Wohnung weiter an den nächsten Kapiteln ihrer künstlerischen Narration, während sie die „ekstatische Einheit“ mittlerweile in ihrem eigenen Inneren verortet hat.

Dorothy Iannone hat stets das Ausleben von Lust und Sinnlichkeit zelebriert, passend dazu bildet ein kompromisslos süßes Biskuitdessert aus Italien mit Kakaolikör, Schlagsahne, Erdbeeren, Vanille und Rum den krönenden Abschluss des Menüs:

Zuppa Inglese

60g Kristallzucker
30g Mehl
1/4 TL Salz
480ml verbrühte Milch
4 Eigelb
120ml leichter Rum
1/2 TL Vanilleextrakt
2 EL Crème de cacao
2 Biskuitböden
1 Becher Crème double, aufgeschlagen
500g frische Erdbeeren
2 geschnittene frische Pfirsiche (optional)

1. Zucker, Mehl + Salz oben im Wasserbad mischen. Milch unter Rühren nach und nach zugeben. Unter Rühren über kochendem Wasser kochen, bis die Masse eindickt.
2. Eigelbe schlagen, bis sie vermengt sind. Nach und nach einen Teil der Milchmischung unter Rühren zu den Eigelben geben. Zurück in die heiße Mischung geben und über kochendem Wasser unter ständigem Rühren kochen, bis die Masse eindickt. Abkühlen und kühl stellen.
3. Die Mischung in drei Teile aufteilen. In einen Teil einen Esslöffel Rum, in den zweiten die Vanille und in den dritten die Crème de Cacao einrühren.
4. Die Biskuitböden aufteilen, so dass 4 Schichten entstehen, und auf eine Servierplatte legen. Mit 1/4 des restlichen Rums beträufeln und mit einer der 3 Puddingmischungen bestreichen. Den Vorgang mit der 2. und 3. Schicht wiederholen. Mit der vierten Kuchenschicht bedecken und mit dem restlichen Rum beträufeln. Über Nacht im Kühlschrank kühlen.
5. Zum Servieren Schlagsahne oben und an den Seiten der Torte verteilen und Beeren + Pfirsiche auf der Sahne anrichten.

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

Dorothy Iannone, A Cookbook (Detail), 1969, Image via airdeparis.com

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