Sind Künstlerinnen und Künstler besonders kreativ, wenn es ums Kochen geht? Ein Blick in die Küchen der Kunstwelt. Diesmal mit dem US-amerikanischen Künstler Donald Judd und seiner Spezialität: Verbranntes Steak.

Alice Waters, Köchin und Mitgrün­de­rin des berühm­ten kali­for­ni­schen Slow-Food-Restau­rants Chez Panisse, hat die enge Verbindung zwischen Kunst und Kochen auf den Punkt gebracht: „…sie sind beide reak­tiv und krea­tiv, sie imitie­ren sich gegen­sei­tig und passen sich einan­der an.“ Exis­tiert demnach eine Verbin­dung zwischen dem, was in den Ateliers von Künst­le­r*innen passiert, und dem, was in ihren jewei­li­gen Küchen vor sich geht? Finden sich Bezüge zu ihrem Werk und ihrer Persön­lich­keit wieder? Sind Künst­ler*innen beson­ders krea­tiv, wenn es um den alltäg­li­chen Akt des Kochens geht? Anhand von Anek­do­ten und Fotos rund um ihre Küchen und Ess­ge­wohn­hei­ten geben wir Einbli­cke in die kuli­na­ri­schen Lebens­wel­ten bekann­ter Künst­le­r*innen. 

Als Donald Judd Anfang der 1960er Jahre die ersten seiner wegweisenden geometrischen Objekte anfertigte, lag es vollkommen außerhalb seiner Vorstellungskraft, dass er mit seiner Kunst jemals viel Geld verdienen würde. Er hoffte lediglich, genug einzunehmen, um sich hochwertige Möbel, guten Scotch und großartige Mahlzeiten leisten zu können.

Doch schon 1968, weniger als ein Jahrzehnt später, widmete das Whitney Museum of American Art in New York seinen Kuben und Quadern aus Holz, Stahl und Plexiglas eine Einzelausstellung. Diese ermöglichte es ihm, sich noch im selben Jahr das zu seiner wachsenden Sammlung an Alvar Aalto und Gerrit Rietvelt-Möbeln passende fünfstöckige Gebäude im New Yorker Stadtteil SoHo zu kaufen. Zwar war die Gegend um 101 Spring Street damals noch ein heruntergekommenes Industrieviertel und das gusseiserne Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert voll mit Abfall und extrem renovierungsbedürftig, dennoch war der Kauf für Judd ein großer Sprung nach vorne. Es kam seiner lebenslangen Vision näher, einen Ort zu schaffen, an dem seine Werke und die anderer Künstler, die er bewunderte – wie John Chamberlain, Dan Flavin, David Novros, Claes Oldenburg oder Frank Stella – permanent und unter den bestmöglichen Bedingungen ausgestellt würden.

Donald Judd as he poses next to one of his works in the Leo Castelli gallery, New York, February 6, 1966, Photo: Fred W. McDarrah/Getty Images

101 Spring Street in SoHo, Photography: Paul Katz. Courtesy of Judd Foundation Archives, Image via www.wallpaper.com

Judd hatte nicht geplant, ein Museum zu eröffnen, er konzipierte das Gebäude gleichzeitig als Atelier und Zuhause für sich und seine damalige Frau, die Tänzerin Julie Fincher, sowie den gemeinsamen Sohn Flavin. Das Leben in einem alten Industriebau war zu der Zeit eine unkonventionelle und wenig komfortable Angelegenheit. In den fünf offenen, lichtdurchfluteten Etagen kam Judds Sammlung von Kunst- und Designobjekten perfekt zur Geltung, aber die riesigen Räume ließen sich nur notdürftig beheizen und aus den Böden sickerte noch Jahre nach dem Einzug Maschinenöl. Judd renovierte das Gebäude nach und nach, um es seinen Bedürfnissen anzupassen, ging dabei jedoch sehr bedacht vor, um dessen „Industrie-Charakter“ beizubehalten.

Der Künstler ordnete jedem der fünf Stockwerke eine konkrete Funktion zu, wobei die zweite Etage gänzlich dem Kochen und Essen gewidmet war. Um einen Großküchenherd herum, der Teil der ursprünglichen Ausstattung des Gebäudes gewesen war, installierte Judd einen großen Spültisch aus Edelstahl und eine professionelle Spülmaschine. Auf der Küchenzeile thronte eine für den Hausgebrauch überdimensionierte Aufschnittmaschine, Ausdruck seiner Vorliebe für gastronomische Küchengeräte. Judd fand Gefallen am schlichten, funktionalen Design der Maschinen und der robusten, zeitlosen Qualität ihrer Materialien. Edelstahl und Holz spielten in der Küche eine zentrale Rolle: Aus Letzterem ließ Judd nach eigenen Entwürfen Regale, einen Tisch mit zwölf Stühlen und eine Tagesliege für den Essbereich anfertigen.

Das Leben in einem alten Indus­trie­bau war zu der Zeit eine unkon­ven­tio­nelle und wenig komfor­ta­ble Ange­le­gen­heit.

Inside Donald Judd’s New York studio, Photo: MATTHEW MILLMAN FOR SFMOMA © JUDD FOUNDATION, Image via www.galeriemagazine.com

Die bescheidenen, reduzierten Möbelstücke offenbaren erst auf den zweiten Blick, dass sie bis auf den letzten Millimeter durchdacht sind – eine Prämisse, die auf so gut wie alles zutrifft, was Judd im Laufe seines Lebens entwarf – ob Kunstwerke, Einrichtungsgegenstände oder Bauwerke. Die Höhe der Stuhllehnen stimmte er genau auf die Höhe der Tischplatte ab, was bei eingerücktem Zustand den Eindruck erweckte, als würden Tisch und Stühle zu einem einzigen, kompakten Objekt verschmelzen. Für das Design des ungewöhnlich schmalen Küchenregals orientierte sich Judd an der Länge seines Bestecks, das er fein säuberlich nebeneinanderlegte. Messer, Messer, Messer, Gabel, Gabel, Gabel – die serielle Wiederholung der Küchenutensilien erinnert stark an die Anordnung seiner Kunstwerke in Form von „Stacks“ und „Progressions“.

Judd sammelte leidenschaftlich schlichte, klassische Küchenutensilien – gusseiserne Pfannen, emaillierte Töpfe, gesprenkelte Keramikschalen, antike Steingutkrüge, weißes Porzellangeschirr – und auf Reisen hielt er ständig Ausschau nach neuen Objekten für seine Sammlung. Einfache Gebrauchsgegenstände hatten im Hause Judd den gleichen Stellenwert wie teure Designobjekte, sie wurden vis-à-vis präsentiert und gleichermaßen oft genutzt.

Messer, Messer, Messer, Gabel, Gabel, Gabel – die seri­elle Wieder­ho­lung der Küche­nu­ten­si­lien erin­nert stark an die Anord­nung seiner Kunst­werke.

101 Spring Street © Judd Foundation, Image via www.thefutureperfect.com

Donald Judds Küche, Photo: Suzanne DeChillo/The New York Times, Image via www.nytimes.com

In Anbetracht der professionellen Ausstattung seiner Küche erscheint es überraschend, dass Judd eigentlich kaum kochte. Seine Spezialität waren Rohkostplatten und Steaks, die er beim Metzger außerordentlich dick bestellte, auf hohem Feuer fast verkohlen ließ und mit Bier ablöschte. Das Resultat war außen knusprig und innen zart, die Reste wurden am nächsten Tag mit Salz und Pfeffer gewürzt und kalt gegessen.

Judd liebte gutes Essen und hochwertige Lebensmittel, doch SoHo war Anfang der 1970er eine kulinarische Wüste und bot kaum Einkaufsmöglichkeiten. Im nahe gelegenen Little Italy kauften die Judds frischen Fisch, in der „Vesuvio Bakery“ von Anthony Dapolito Brot, und Käse im „The Cheese Store“ von Giorgio DeLuca. 1977 öffnete DeLuca zusammen mit Joel Dean und Jack Ceglic den ikonischen Delikatessenladen „Dean & DeLuca“, nur eine Minute Fußweg von 101 Spring Street entfernt. Judd wurde sofort Stammkunde und kaufte dort jahrelang alles Mögliche ein, von hochwertigem Olivenöl über Aufschnitt, exotische Gewürze bis hin zu Kupfertöpfen. Der Laden importierte Spezialitäten aus der ganzen Welt und wurde schnell zu einem Treffpunkt für Künstler*innen und Galerist*innen aus der Nachbarschaft auf der Suche nach außergewöhnlichen Produkten.

In Anbe­tracht der profes­sio­nel­len Ausstat­tung seiner Küche erscheint es über­ra­schend, dass Judd eigent­lich kaum kochte.

Donald Judd with students, 1974. Photograph: Barbara Quinn/Courtesy Judd Foundation Archives, Image via www.newyorker.com

101 Spring Street, New York. © Judd Foundation, Image via champ-magazine.com

Restaurants besuchte Donald Judd eher selten – die Auswahl war beschränkt und bestand hauptsächlich aus Mittagsangeboten für die dort tätigen Fabrikarbeiter. Er lud lieber zu sich nach Hause ein und organisierte regelmäßig Dinnerparties und „Schwedische Frühstücke“, bei denen er bis zu fünfzig Gäste mit Schinken, Käse, Fladenbrot und Lachs bewirtete (eine passende Gelegenheit, um die Aufschnittmaschine zu nutzen).

1971 eröffnete der Künstler Gordon Matta-Clark zusammen mit seiner Freundin, der Tänzerin Carol Goodden und einigen anderen an der Ecke Wooster und Prince „FOOD“, ein experimentelles Restaurant, das gänzlich von Künstler*innen geführt wurde und eine kleine kulinarische Revolution im Viertel darstellte. Sie servierten gesundes, nachhaltiges und günstiges Essen im Selbstbedienungsformat, organisierten Performances und luden jede Woche eine*n andere*n Künstler*in als Gastkoch ein. Darunter war auch Judd, der das Lokal oft besuchte. Das Konzept von „FOOD“ stimmte in vielerlei Hinsicht mit Judds persönlicher Essensphilosophie überein: Simpel und unprätentiös sollte es sein, ohne unnötige Verzierungen und mit absolutem Fokus auf die Qualität der Zutaten. Ein bisschen so, wie er auch seine Umgebung gestaltete.

So sehen die Küchen der Kunstwelt aus

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