Wer kann, geht jetzt vor die Tür – und da gibt’s Einiges an Kunst zu entdecken. Ob in London, New York, Berlin oder Frankfurt, unsere Autorinnen und Autoren verraten ihre Hot Spots.

Kunst im öffentlichen Raum reicht heutzutage von klassischen Denkmälern über abstrakte Statuen bis hin zu Street Art. Unter dem Motto „Kunst für alle“ kann ein breites Publikum direkt vor der Haustür am kulturellen Wandel teilhaben. Und das scheint heute wichtiger denn je – die meisten Museen und Ausstellungshäuser haben noch geschlossen und wir verbringen Stunde um Stunde in den eigenen vier Wänden. Doch was lässt sich eigentlich in unserem unmittelbaren Umfeld an Kunstwerken finden? Wir haben unsere SCHIRN MAG Autorinnen und Autoren gefragt.

Remi Rough & System, Girl at a Window, 2013, Dulwich Outdoor Gallery, London

Diese Frau wacht über mich, wann auch immer ich das Haus verlasse. Das Wandbild von Street Artist Remi Rough & System ist nur eines von vielen, die zur Dulwich Outdoor Gallery gehören. Es ist 2013 als Initiative der Dulwich Picture Gallery und internationalen Street Art Künstlerinnen und Künstlern ins Leben gerufen worden und interpretiert Gemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die in der Sammlung der Picture Gallery zu sehen sind.

(Marthe Lisson, Autorin, London)

Remi Rough & System, Girl at a Window. After Rembrandt, 2013, Dulwich Outdoor Gallery, London
Antonio López García, Night and Day, 2008, Emerald Necklace, Boston

Wenn ich in der Emerald Necklace spazieren gehe, einer Reihe von Parks, die nacheinander aufgereiht wie eine Kette aussehen und von Frederick Law Olmstedt, dem Landschaftsarchitekten des Central Parks, entworfen wurden, stoppe ich oft bei Antonio López Garcías „Night and Day“ (2008): Skulpturen, die vor dem Museum of Fine Art Boston stehen. Zwei überdimensionierte Babyköpfe, einer mit geschlossenen Augen (Night) und einer mit offenen Augen (Day). García ist berühmt für seine hyper-realistischen Gemälde und begann erst nach der Geburt seiner Enkel überlebensgroße Skulpturen zu gestalten. Gerüchten zufolge stand sein zweites Enkelkind Carmen Modell für die Skulpturen. Ich finde es einfach genial, etwas so Unschuldiges und Zeitloses vor ein etabliertes Museum zu stellen.   

(Natalie Wichmann, Autorin, Boston und New York)

Antonio López García, Night and Day, 2008, Emerald Necklace, Boston, Image via sarahemsley.files.wordpress.com
Peter Kern, Die Bedrohte, 1981, Volkspark Friedrichshain, Berlin

Die Bronzeskulptur von Peter Kern sitzt seit 1981 im Volkspark Friedrichshain im Berliner Osten, wo ich ihr vor einigen Tagen auf einem Frühlingsspaziergang zum ersten Mal begegnet bin. Wie sie da sitzt, rund, klein und umgeben von Bäumen, sieht sie aus als würde sie in sich selbst verschwinden wollen. Als ich herausfand, dass die Skulptur „Die Bedrohte“ heißt, war ich dennoch überrascht, fast enttäuscht. Denn für mich strahlt ihre Haltung weder Angst noch Ergebenheit aus, sondern Genügsamkeit und eine beinahe ansteckende Ruhe.

(Marie Sophie Beckmann, Autorin, Berlin)

Peter Kern, Die Bedrohte, 1981, Volkspark Friedrichshain, Berlin, Foto: Marie Sophie Beckmann
Saskia Groneberg, Der Weg, 2015 (2020), Kunst-Insel am Lenbachplatz, München

Die „Kunst-Insel am Lenbachplatz“ zeigt Arbeiten Münchner Künstlerinnen und Künstler im Großformat 5 x 5 Meter direkt an einer Tramstation. Aktuell ist „Der Weg“ von Saskia Groneberg zu sehen. Die Fotografien zeigen einen Mann in Jeans und Sakko, in der Hand Stift und Block, der allein auf einem Waldweg läuft. Die Bilder wurden kurz vor dem offiziellen Shutdown in Deutschland installiert, passen aber seltsam perfekt zur aktuellen Situation.

(Toni Meyer, Fotografin, München)

Saskia Groneberg, Der Weg, 2015 (2020), Kunst-Insel am Lenbachplatz, München, Foto: Toni Meyer
Giuseppe Penone, Gravity and Growth, 2015, Europäische Zentralbank, Frankfurt 

Kleiner Fun Fact: Guiseppe Penones „Gravity and Growth“ steht als Kunst am Bau im Außenraum, ist aber hinter dicken Eisenstäben nicht wirklich „freely accessible“. Außerdem interessiert und irritiert mich jedes Mal, wenn ich dort vorbeigehe, die Mischung aus Arte Povera, dem Titel des Werks und all dem, wofür die EZB steht.

(Lisa Beisswanger, Autorin, Frankfurt)

Giuseppe Penone, Gravity and Growth, 2015, Europäische Zentralbank, Frankfurt, Foto: Lisa Beißwanger
Robert Indiana, LOVE, 1966, Central Park and MoMA, New York

Ein Oldie, aber ein Goodie! Eines meiner Lieblingskunstwerke im öffentlichen Raum ist Robert Indianas LOVE-Skulptur (das L und das O sitzen auf dem V und E) direkt um die Ecke vom Central Park und vom MoMA. Die erste Version des Schriftzuges entstand als Teil einer Weihnachtskarte des MoMA 1965. Mir gefällt besonders, dass die Arbeit, die ursprünglich von Indianas Kindheitserinnerungen an die Christian Science Church inspiriert wurde, sich unabhängig davon in ein Wahrzeichen für die Liebe zu New York City selbst entwickelt hat. 

(Natalie Wichmann, Autorin, Boston und New York)

Robert Indiana, LOVE, 1966, Central Park and MoMA, New York, Image via robertindiana.com
Keith Haring, Untitled (Boxers), 1987, Potsdamer Platz, Berlin 

Man kann nur ahnen, wie die rot-blaue Lack- und Stahlskulptur “Untitled (Boxers)” von Keith Haring damals in Westberlin gewirkt hat. Schließlich bestand die meiste Kunst im öffentlichen Raum der Bundesrepublik aus modernistischen Bronzeklumpen oder rostigen Stahlungetümen. Mittlerweile stehen auf der einen Seite der Plastik die öden Bauten am Potsdamer Platz, gegenüber von Hans Scharouns kühn verschachtelter Staatsbibliothek, ein Entwurf aus den späten 60ern und auch so eine Zeitmaschine in die alte Bundesrepublik. Vor dem Lockdown habe ich hier oft gearbeitet, und die beiden verschlungenen Boxer des New Yorker Künstlers vermisse ich ein bisschen. Wie alte Kollegen. 

(Philipp Hindahl, Autor, Berlin)

Keith Haring, Untitled (Boxers), 1987, Potsdamer Platz, Berlin, Image via wikicommons
Suzanna Zak und Dries Segers, Our companion, our other, 2020, Vitrine Gallery, Basel 

Die 2012 in London gegründete Vitrine Gallery hat seit vier Jahren auch einen Ausstellungsraum am Vogesenplatz in Basel. Ihr innovatives Ausstellungskonzept funktioniert auch in Zeiten des Shutdowns: Besucherinnen und Besucher können die ausgestellten Werke 24/7 durch eine Glasvitrine vom öffentlichen Platz aus betrachten. Gerade zu sehen sind Dries Segers & Suzanna Zak, noch bis 24. Mai. 

(Tobias Ertl, Autor, Basel)

Suzanna Zak und Dries Segers, „Our companion, our other“, 2020, Vitrine Gallery, Basel, Foto: Tobias Ertl