17. September 2018

Mitten in der Frankfurter Innenstadt haben Anne Nowitzki und Ulf Appel ein brachliegendes Areal in eine temporäre Off-Location für zeitgenössische Kunst verwandelt. Und das ist nicht alles.

Von Sylvia Meilin Weber

Manchmal tut sich ohne Vorwarnung die Erde auf. Straßen, Häuser, Menschen versinken in einem trichterförmigen Loch. Doline oder Sinkhöhle heißt dieses Naturphänomen, bei dem in einem schleichenden Erosionsprozess der Untergrund wegsackt – und die Oberfläche am Ende zusammenbricht. „Sinkhole“ (englisch für Sinkhöhle) ist auch auch der Name der ersten Ausstellung im neuen TOR Art Space am Allerheiligentor.

Die kürzlich eröffnete Off-Location besteht aus vier Gebäuden hinter der Konstablerwache: einer alten Pitstop-Autowerkstatt, einer ehemaligen Spielhalle, einem früheren Lebensmittelgeschäft und einem Ex-Billardcafé, das aussieht, als sei es eine illegale Zockerkneipe gewesen. Alle Läden stehen lange leer. In etwa einem Jahr soll das gesamte Areal abgerissen werden. Verschwinden – nicht ganz, aber doch ein bisschen so wie in einer Sinkhöhle. Zuvor wird es aber nochmal zum Leben erweckt. Das ist der Designerin Anne Nowitzki und dem Marketingexperten Ulf Appel zu verdanken, die gemeinsam eine Agentur für strategische Gestaltung betreiben. Von einem ihrer Kunden bekamen sie die Flächen zur Zwischennutzung angeboten. Sie zögerten nicht lang: „Ein Projekt wie dieses ist ein Innehalten, es bedeutet abseits dessen zu gehen, was uns alltägliche Grenzen vorgeben“, sagt Anne Nowitzki.

Ein Projekt wie dieses ist ein Innehalten, es bedeutet abseits dessen zu gehen, was uns alltägliche Grenzen vorgeben.

Anne Nowitzki
Tor Art Space Gründer, Anne Nowitzki und Ulf Appel

Schnell war klar, dass sie Räume für junge zeitgenössische Kunst schaffen wollen – und für kreative Kulinarik. Für die Kunst holten sie sich die Städelschule als Kooperationspartner ins Boot. Mit Janusch Ertler, Städelabsolvent, ein Freund von Ulf Appel und jetzt künstlerischer Leiter von TOR Art Space, gingen sie zu Städelschulrektor Philippe Pirotte und stellten ihre Idee vor. „Er schaute uns tief in die Augen und fragte: ‚Macht ihr das richtig? Und wir antworteten: ‚Ja“. „‚Dann macht!’, hat er gesagt“, erzählt Ulf Appel.

Die Arbeiten werden eigens für die Ausstellung geschaffen

Nur sechs Wochen später wurde „Sinkhole“ eröffnet. Eine Schau, die Werke von drei Städelschülern und zwei Städelabsolventen über den Moment vor dem Kollaps zeigt. Alle Arbeiten wurden eigens für die Ausstellung geschaffen. Teilweise direkt vor Ort, denn zum Projekt gehört auch eine Künstlerwerksatt mit Maschinenpark. Präsentiert wird diese erste Ausstellung in der ehemaligen Pitstop Werkstatt, kuratiert von Paula Kommoss. Sie ist künstlerische Koordinatorin an der Städelschule und war 2017 bei der Venedig Biennale als kuratorische Assistentin am deutschen Pavillon tätig.

Viviana Abelson, Generations, 2018

Für „Sinkhole“ hat Kommoss zum Beispiel Jakob Brugge ausgewählt. Er stammt aus Los Angeles und hat sich seit seiner Ankunft in Deutschland über die winzigen Balkone hierzulande gewundert. Davon inspiriert fertigte er selbst Balkon-Fragmente an, ausgestattet mit typisch deutschen Leuchtstrahlern, die ein starkes Sicherheitsbedürfnis repräsentieren.

Städelabsolventin Viviana Abelson wiederum spielt mit ihrer Arbeit „Generations“ auf den Ausstellungsort an, indem sie aus einem Autoreifen eine Vagina formte und sie wie eine Ikone an die Wand hängte. Auf dem Boden davor arrangierte sie Schlangen aus Teer und Steinchen, die sie aus den Rinnen neben den nahegelegenen Straßenbahnschienen gekratzt hat. Ihre Werke symbolisieren den Gegensatz zwischen starrer Form und weichem Material und verbinden Kraft und Stärke mit dem Thema Weiblichkeit. Außerdem sind Gemälde von Laura Langer ausgestellt, es gibt einen kleinen öffentlichen Park und eine Slideshow mit Lesung (17.9., 20 Uhr) von François Pisapia sowie eine Installation und eine Videoarbeit von Matt Welch zu entdecken.

 

Hier herrscht Freiheit von kommerziellen und institutionellen Zwängen.

Ulf Appel
Jakob Brugge, Balcony, 2018
François Pisa­pia, Allerheiligentorgarten, 2018

Die aktuelle Ausstellung im TOR Art Space ist noch bis Ende September 2018 zu sehen. Danach wird es weitere geben – mit wechselnden Kuratoren und Themen, aber immer in Kooperation mit der Städelschule. Die ehemalige Spielhalle und das Billardcafé können in Zukunft auch bespielt werden, wenn die Künstler es wollen. Aus dem früheren Lebensmittelladen wird ein Restaurant: Ab dem 21. September kochen in TOR Art Space/Dining dann die jungen Köche Christian Wassmus und Nick Kircher, der sein Handwerk bei Sternekoch Juan Amador lernte. Jeweils ein wöchentlich wechselndes Menü aus hochwertigen regionalen Zutaten wird an einem 10,60 Meter langen Tisch serviert, dessen Holz von einer alten Schlosspark-Eiche stammt und an dem 30 Personen Platz finden.

Freiheit ist das Wichtigste

Anna Nowitzki und Ulf Appel finanzieren das gesamte TOR-Projekt aus eigenen Mitteln. Ob sie weitere Sponsoren suchen? „Zu der Frage ist unsere Gefühlswelt gemischt“, sagt Ulf Appel. Denn die Freiheit ist bei diesem Projekt das Wichtigste, finden beide: „Hier herrscht Freiheit von kommerziellen und institutionellen Zwängen. Im Berufsalltag kennen wir Wettbewerb, hier setzen wir auf Kooperation und Unterstützung“. Beste Voraussetzungen für ein spannendes Kunstjahr am Allerheiligentor.

Laura Langer, The World is round, 2018
M Welsch, The mechanic, 2018