28. November 2018

Die aktuelle Ausstellungsreihe im fffriedrich zeigt vier künstlerische Positionen, die subtil aber treffsicher Sprache als kulturformendes Konzept zur Disposition stellen.

Von Carlotta Wald

Fake News, Filterblasen und das bereits ausgerufene postfaktische Zeitalter sind die Spitze eines Eisberges, der aus einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie und gesellschaftlicher Spaltung erwachsen konnte. Der Dialog, gedacht als heterogener Aushandlungsprozess, weicht zunehmend einem Rückzug in homogene Gefilde. Neue Begriffe werden konstituiert, konnotiert, instrumentalisiert.

Der Titel der diesjährigen, vierteiligen Ausstellungsserie „Subject:Fwd:Unknown“ im Ausstellungsraum fffriedrich führt bereits in die Thematik ein: Mit der Digitalisierung verändert sich unsere Kommunikation und mit ihr auch der öffentliche Diskurs.

Dieser Entwicklung setzt ein Team aus 16 Studierenden und angehenden KuratorInnen der Städelschule ein Konzept entgegen, das einer offenen Gesprächssituation gleicht und die Sprache als kulturelles Konstrukt reflektiert. Die vier KünstlerInnen Michal Heiman (geb. in Tel Aviv), Nora Turato (geb. 1991 in Zagreb, Kroatien), Tim Etchells (geb. 1962 in Stevenage, Großbritannien) und Yutie Lee (geb. 1988 in Taipeh, Taiwan) werfen in ihrer Praxis auf unterschiedliche Weise Fragen nach den Grenzen von Sprache und Kommunikation auf. 

Subject:Fwd:Unknown, Image via www.fffriedrich.org

Die Nähe des Studienprogramms zum Portikus schlägt sich dabei durch. Denn wie in der Ausstellung „#215“, die seit November im Portikus zu sehen ist, wurden auch im fffriedrich die KünstlerInnen dazu aufgefordert, konzeptuell aufeinander zu reagieren, Impulse auszutauschen und in einen Dialog zu treten. So tritt an die Stelle des Monologs einer einzelnen künstlerischen Position eine dialogische Struktur und Mehrstimmigkeit, die dem Betrachter eine Vielfalt an potentiellen Erfahrungen und Bedeutungen ermöglicht. 

Michal Heiman eröffnete die Ausstellungsserie im Oktober mit Fotografien, einer Videoarbeit sowie einem Personal History Mapping (PHM-)Test. Fundament ihrer Arbeit bildet das Porträt einer Sanatorium-Insassin von 1855. Die Kleidung und Darstellung der Insassin griff Heiman auf und überführte sie mittels multipler Nachempfindung in die Gegenwart. Indem der PHM-Test die Besucher zur Nachforschung ihres eigenen Stammbaum veranlasste, provozierte sie ein zeitliches Vakuum, das die Grenze zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem verschwimmen ließ. Die Möglichkeit einer Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen stand hier im Vordergrund und rief Fragen nach einem kollektiven (Schmerz)Gedächtnis hervor.

Ausstellungsansicht fffriedrich, Foto: Eike Walkenhorst

Michal Heiman, Ausstellungsansicht, Image via fbcdn.net

Heimans Blick in die Vergangenheit setzte Nora Turato anschließend eine zeitgenössische Gesellschaftsanalyse entgegen. Ihre Performances sind Collagen unserer digitalen, wie analogen Sprachwelt. Indem sie Fragmente allgegenwärtiger Kommunikation aus Social Media Kanälen, Nachrichtenportalen, Literatur und Gesprächen sammelt, diese anschließend re-kontextualisiert und performativ zu einem neuen Sprachgebilde zusammenfügt, führt sie die Kontingenz der Sprache und ihres Inhaltes vor Augen. Ihr Slam-artiger Singsang, der sich weder auf Monolog noch Dialog festlegen wollte, hinterließ in Kombination mit den graphischen Postern Turatos einen zynischen Blick auf die mediale Aufmerksamkeitsökonomie und deren Auswirkungen auf die Identitätskonstruktion der so genannten postmodernen Generation im 21. Jahrhundert.

Nora Turato, Ausstellungsansicht fffriedrich, Foto: Eike Walkenhorst
Nora Turato, Ausstellungsansicht fffriedrich, Foto: Eike Walkenhorst

Weniger ambivalent und tragisch, aber mit ebenso starkem Nachdruck forderte anschließend Tim Etchells bis zum 25. November dazu auf, uns den Schlaf rauben zu lassen. Während er in seiner Soundinstallation auf eindringliche Weise den Satz „nothing to lose sleep over“ durch rhetorische Pausen, Versetzungen und Betonungen gleichsam dekonstruiert wie dechiffriert, artikulierte seine graphische Schriftarbeit im Fenster des fffriedrichs parallel das Gegenteil: „something to lose sleep over“.

Wie auch bei Heiman und Turato, entstand bei Etchells ein Grenzraum, eine Schwelle, ein Dazwischen, das jede scheinbare Eindeutigkeit der Sprache irritiert. Das bewusste Hervorrufen von Mehrdeutigkeiten ermöglicht den Betrachtern implizite Normen und Strukturen der Sprache zu beobachten, zu hinterfragen und eigene Werte zu reflektieren. Und mit dieser Öffnung für neue Perspektiven, werden wir, als Publikum, ganz automatisch Teil dieser Gesprächssituation.

Tim Etchells, Ausstellungsansicht fffriedrich, Foto: Eike Walkenhorst

Vom 30. November bis zum 09. Dezember gibt abschließend Yutie Lee Ein- und Ausblicke in die semantische Variabilität von Sprachen bieten. Die Künstlerin webt in ihrer Arbeit ein dichtes Netz aus europäischer und ostasiatischer Zeitgeschichte, das sich gleichsam aus historischen Quellen und Fiktion speist. Altertümliche Schriften, Literatur und zeitgenössische Popkultur bieten sich als historische Zeugen an, kreieren neue kulturelle Narrative, und hinterfragen zugleich konventionelle Geschichtsschreibungen.

Yutie Lee, Ausstellungsansicht fffriedrich, Foto: Eike Walkenhorst