24. Juli 2018

Konstruierte Natur oder manipulierte Landschaft? Im Museum für Gegenwartskunst Siegen wird eine Vielzahl künstlerischer Positionen gezeigt, die sich mit einem zeitgenössischen Begriff von Landschaft beschäftigen.

Von Teresa Köster

Wenn die Natur zur Landschaft wird, hatte häufig der Mensch seine Finger im Spiel: Was zuvor nicht erfasst, wird durch den Menschen in Kunst, Literatur und Wissenschaft zugeschnitten, gefiltert durch dessen Wahrnehmung, Gedanken, Gefühle und nicht zuletzt auch durch dessen wirtschaftliche und politische Interessen. So wird Landschaft seit Jahrhunderten ausgewählt, eingerahmt, strukturiert, konstruiert und zuweilen manipuliert – ihre Darstellung wird zum Spiegelbild menschlicher Empfindungen und Intentionen. Und: zum Gedächtnis der Menschheit.

Welche Erinnerungen wahrt die Landschaft und welche Geschichten erzählen Künstler mittels der Konstruktion der Umgebung? Mit 25 künstlerischen Positionen geht das Museum für Gegenwartskunst (MGK) Siegen dieser Frage auf den Grund. Unter dem Titel „Landschaft, die sich erinnert“ ist eine Ausstellung entstanden, die in verschiedenen Medien Landschaftsbilder primär zeitgenössischer Künstler zwischen Fiktion, Sinnbild und Dokumentation zeigt.

Mosse dokumentiert das Spurlose in seinen Fotografien

In ein solches Wechselspiel begibt sich auch die Arbeit des irischen Fotografen und Filmemachers Richard Mosse, die in der Ausstellung eine ganze Wand füllt. Das Panorama einer kongolesischen Landschaft zeigt, was eigentlich nicht sichtbar ist: jenen „unsichtbaren“ Krieg, der sich in der Republik Kongo seit den späten neunziger Jahren zum brutalen Bürgerkrieg mit mehr als fünf Millionen Todesopfern ausgeweitet hat – und von dem die Weltöffentlichkeit dennoch lange kaum Notiz nahm. Wenn Fotografen hier ankommen, ist nichts mehr vom Krieg zu sehen. Ohne Spuren aber muss die dokumentarische Fotografie scheitern.

 

Richard Mosse, If I Ran the Zoo, aus der Serie „Infra“, 2012, Ausstellungsansicht MKG Siegen © Richard Mosse, Foto: Christian Wickler

Mosse verändert deshalb grundlegend die Art und Weise, wie er die Landschaft darstellt: Mithilfe von Kodak-Aerochrome-Filmen verwandelt er sie in der für ihn als Künstler charakteristisch gewordenen Art und Weise: Grell leuchtet der Regenwald in „If I Ran the Zoo“ (aus der Serie „Infra“, 2012) dem Betrachter entgegen. Wie ein Schleier hat sich die pink-rote Farbe ausgebreitet, ummantelt Bäume, Blätter, den Boden, verklärt den Himmel. Was wie eine surreale, nachträglich bearbeitete Landschaft anmutet, ist in Wirklichkeit das Erzeugnis jenes Films, dessen Empfindlichkeit in den unsichtbaren Nahinfrarotbereich erweitert ist und der dadurch Wärmebilder der Menschen und der natürlichen Umgebung liefert. Wurden Kodak-Aerochrome-Filme zunächst im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, um mit Aufklärungsflugzeugen getarnte Stellungen in dichten Landschaften aufzuspüren, werden sie nun dafür genutzt, die Geschichte eines Kriegsgebietes sichtbar zu machen.

I wanted to confront this military reconnaissance technology, to use it reflexively in order to question the ways in which war photography is constructed.

Richard Mosse

Mit seinen Fotografien, hinter dessen erstem künstlerischen Eindruck sich mehrschichtige „politisierte Landschaften“ hervortun, greift Richard Mosse zudem die grundlegende Frage nach dem Wesen der Fotografie auf – wie viel objektive Wirklichkeit kann das Medium widerspiegeln? Eine Antwort darauf gibt der Künstler bewusst nicht. Stattdessen fügt Mosse dem Diskurs eine weitere Ebene hinzu, indem er ein einst militärisch genutztes Mittel einsetzt, um mit seiner Kamera noch tiefere, sonst versteckte Schichten der (vergangenen wie auch gegenwärtigen) Wirklichkeit hervorzuholen.

Kiefers Landschaften entziehen sich jeglicher Zuordnung

Lässt sich Mosses Landschaft noch deutlich im Osten der Republik Kongo verorten, entzieht Anselm Kiefer seinen Landschaften jegliche geografischen Zuordnung. Es sind „Unfruchtbare Landschaften“ (2002), ungebunden an Ort und Kontext, denen die Fähigkeit zu erinnern abhandengekommen ist. Sie erzählen keine Geschichten, verkörpern keine Heimat. Eingerahmt in Kästen und erweitert um verschiedene Fundstücke scheinen die acht schwarz-weißen Landschafsfotografien selbst geborgen worden und dementsprechend schutzbedürftig zu sein. In ihrer flachen Eindimensionalität wirkt der Eingriff der Werkzeuge und anderer Fundstücke umso tiefer. Auch ohne den Werktitel steht außer Frage: Diese Landschaften haben ihre Fruchtbarkeit endgültig verloren.

Anselm Kiefer, Unfruchtbare Landschaften, 2002-2012, Ausstellungsansicht MKG Siegen © Anselm Kiefer, Foto: Christian Wickler
Anselm Kiefer, Unfruchtbare Landschaften, 2002-2012, Ausstellungsansicht MKG Siegen © Anselm Kiefer, Foto: Christian Wickler

Das Leben scheint aus ihnen gewichen, der Verfall in vollem Gange zu sein. Dass der Mensch daran Anteil trägt, diese Vermutung legen die auf den blassen Landschaften umso schwerer wirkenden Werkzeuge nahe. Von dieser visuell greifbaren Aneignung der Natur durch den Menschen bei Anselm Kiefer übernimmt in „Landschaft, die sich erinnert“ andernorts die Natur wieder die Überhand. So scheint es zumindest, wenn eine geheimnisvolle Wolke in Cyprien Gaillards knapp siebeneinhalb minütiger Videoarbeit „Real Remnants of Fictive Wars V“ (2004), gefilmt auf 35mm-Film, ihr Unwesen in einer sonst durch Menschenhand gezähmten Parklandschaft treibt. Ihre Herkunft: (vermeintlich) unbekannt. Ihre Form: in ständiger Veränderung.

Siegt die Natur über die Landschaft?

Vor der Kulisse eines alten französischen Châteaus und dessen Park entsteht so ein surreales Schauspiel, mit dem der französische Künstler seine bislang letzte Arbeit der Performance-Serie beschließt. Hat hier die Natur tatsächlich über die verlassene Landschaft gesiegt? Wohl kaum. Die Wolke ist vielmehr das Ergebnis menschlichen Zutuns, ist der Urheber dieses Rauches doch ein Feuerlöscher, der sich aus dem Laub des naheliegenden Baumes seinen die Sicht verschleiernden Weg in die Umgebung bahnt.

Cyprien Gaillard, Real Remnants of Fictive Wars V (Filmstill), 2004 © Cyprien Gaillard, Foto: Christian Wickler
Cyprien Gaillard, Real Remnants of Fictive Wars V (Filmstill), 2004 © Cyprien Gaillard, Foto: Christian Wickler

Ob als Vermittlungsinstanz von Geschichte und politischen Ereignissen, als düstere Vision ihrer Bedrohung, als Material und ausgebeuteter Rohstoff oder auch als Sehnsuchtsort (letzterem widmet sich unter anderem Andreas Mühe in seinen vier ausgestellten Fotografien „Wald 1-4“), Richard Mosse, Anselm Kiefer, Cyprien Gaillard und die weiteren 22 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler verdeutlichen in ihren Arbeiten, wie wichtig als auch divers das Motiv der Landschaft in der Kunst ist. Dabei bedienen sie sich nicht selten einer Dialektik zwischen Inbesitznahme und Entzug. Was sie jedoch alle gemein haben: Die Künstler instrumentalisieren „ihre“ Landschaften, nutzen sie als visuelles Sprachrohr, das zu lesen, zu deuten und entziffern, die Besucher eingeladen sind.

Andreas Mühe, Wald, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Christian Wickler