10. Juli 2018

Farbschicht auf Farbschicht. Der Künstler Joseph Marioni fordert mit seinen monochromen Werken eine radikale Reduzierung auf das Wesen der Malerei.

Von Rebecca Herlemann

Im Oktogon, dem Raum, durch den man die Sonderausstellung „Liquid Light“ im Erdgeschoss des Museum Wiesbaden betritt, kriegt man schon einen ersten Eindruck dessen, was einen in dieser Ausstellung erwartet. Drei großformatige Gemälde bedecken hier die Wände, ähnlich einem Triptychon, und ziehen einen mit ihrer besonderen Farbigkeit in den Bann.

Wie große monochrome Farbflächen erscheinen die Bilder, bei genauerem Hinsehen jedoch fallen Unregelmäßigkeiten in der Fläche auf. Tatsächlich ist die Farbe in vielen dünnen Schichten aufgetragen, teilweise lassen sich mehrere Farbfelder und Produktionsschritte unterscheiden. Beeindruckend ist auch die Oberfläche der Bilder, die so bewegt und doch einheitlich gestaltet ist – wie das Meer oder doch eher wie eine Raufasertapete?

Diese Kompositionen bilden den Ausgangspunkt für das Schaffen des amerikanischen Künstlers Joseph Marioni, der 1972 nach New York kommt und sich der dortigen Kunstszene anschließt. Der chronologisch angelegte Rundgang im Museum gibt einen Überblick über sein Werk von damals bis heute.

Joseph Marioni, White Painting, 2015 (Detail) © Joseph Marioni, Foto: Carsten Gliese

Jeder der folgenden Räume stellt ein Jahrzehnt dar – von 1970 bis 2018. Die Variationen zu beschreiben, die der Künstler in dieser langen Schaffensperiode durchlaufen hat, stellt sich als schwierig heraus.

Die Farbe bestimmt das Œuvre, das Licht bestimmt die Farbe

Es fällt auf, dass die Farbpalette der frühen Arbeiten der 70er Jahre eher düster zu sein scheint. Auch haben alle Bilder dieser Zeit einen ähnlichen Aufbau: Stets zieht sich in der Mitte der großformatigen Leinwände ein breiter Streifen durch das Bild, in dem die Farbe einen besonderen Glanz hat. In späteren Arbeiten hat der Künstler auf diesen Handgriff verzichtet. Allerdings werden die Farben jetzt heller, intensiver, leuchtender und an den Bildrändern lassen sich der Bildaufbau und die vielen Farbschichten, aus denen sich die Komposition zusammensetzt, ablesen. Lasierende Farbe tropft in dünnen Bahnen am unteren Bildrand herab. Die Flächen scheinen zu leuchten.

Joseph marioni, Liquid Light, 2018, Ausstellungsansicht © Museum Wiesbaden

Nicht umsonst ist der Titel der Ausstellung von Joseph Marioni „Liquid Light“. Wie mit flüssigem Licht gestaltet erscheinen die Arbeiten, die sich je nach Lichteinfall und Position des Betrachters im Raum verändern. Die Bilder verweigern jegliche Zuordnung zu figürlicher oder abstrakter Malerei. Hier geht es nur um das Material, die Farbe selbst und ihre spezifische Eigenschaft, das Licht zu brechen. Die Funktion der Bilder ergibt sich erst daraus – oder wie Marioni es ausdrückt „in the architecture of concrete painting function follows light“. Diesen Ansatz der Reduzierung auf das Wesen der Malerei, der im Allgemeinen als ‚Radical Painting‘ bezeichnet wird, verfolgt der Künstler seit nunmehr fünfzig Jahren. Das Museum Wiesbaden präsentiert mit rund 25 Arbeiten den ersten großangelegten Überblick seines Schaffens in Europa überhaupt. Auf Einladung des Künstlers ergänzen 10 Arbeiten von Peter Tollens, Michael Toenges und Ulrich Wellmann die Schau.

Function follows light.

Joseph Marioni
Joseph Marioni, White Painting, 2005 © Joseph Marioni

Mit der Stadt Wiesbaden verbindet den Künstler eine ganz eigene kuriose Geschichte, die er bei der Eröffnung zum Besten gibt. Sein langjähriger Arbeitgeber und ständiger Förderer Walter I. Farmer war Teil der sogenannten Monuments Men, einer Einheit der US Army, die sich im Zweiten Weltkrieg für den Schutz und Erhalt des Kulturgutes der vom Krieg betroffenen Länder einsetzte. Er leitete nach Ende des Krieges in der Amerikanischen Besatzungszone als Kunstschutzoffizier die Zentrale Sammelstelle für Kunstwerke in Wiesbaden. Hier wurden von den Nationalsozialisten geraubte und im Krieg gesicherte Kunstschätze zusammengetragen, um anschließend wieder an ihre Herkunftsorte verteilt zu werden. Dabei setzte sich Walter Farmer insbesondere dafür ein, auch deutschen Museen ihre Kunstwerke zurückzuerstatten, da er es als besonders kränkend ansah, einem Land seine Kultur zu rauben. Ihm ist die Ausstellung gewidmet.

Joseph Marioni, Red Painting (Detail), 2006 © Joseph Marioni
Jospeh Marioni, Liquid Light, 2018, Ausstellungsansicht © Museum Wiesbaden

Und noch eine andere, viel aktuellere Rückführung feiert das Museum Wiesbaden an diesem sonnigen 28. Juni: Nach langjährigen Bauarbeiten kann heute die große Freitreppe vor dem Museum wieder in Betrieb genommen werden und die von dem Münchener Bildhauer Hermann Hahn geschaffene Goethe-Statue findet ihren alten Platz auf den obersten Stufen des Treppenabsatzes. Während draußen zu Füßen Goethes noch das alljährliche Sommerfest des Museums begangen wird, herrscht drinnen in den Ausstellungsräumen nüchterne Klarheit. Die Malerei spricht hier für sich, was Joseph Marioni noch einmal betont, wenn er die Besucher vor dem Betreten der Ausstellung auffordert: „Let the Paintings be Paintings.“

Let the paintings be paintings.

Joseph Marioni
Joseph Marioni, 2-75, 1975 © Joseph Marioni