17. Dezember 2018

Die WILDNIS kehrt zurück, auch in die Literatur. Die Must-Reads einer andauernden Faszination für die Natur. Von den Klassikern bis heute.

Von Teresa Köster

„Über Natur schreiben heißt über den Menschen schreiben.“ Mit einem einfachen Satz fasst Schriftstellerin Esther Kinsky das Verhältnis von Natur und Mensch zusammen. Oder genauer: das Verhältnis des Menschen zur Natur. In Kunst und Literatur wurden der Natur unzählige Blätter gewidmet, sie wurde idealisiert und interpretiert, andere verschreiben sich ihrer Erforschung. Gleichzeitig ist der Mensch längst dabei, sie zu verdrängen, in Teilen sogar unwiderruflich zu zerstören.

Immer lauter wird so der Ruf nach unberührter, „wilder“ Natur. Wovon diese anhaltende Sehnsucht erzählt, ist nicht nur die Erkenntnis des langsamen Verschwindens der letzten weißen Flecken auf den Landkarten. Es ist ebenso der Wunsch nach der Befreiung von urbanem Tempo, Lautstärke und der Beschleunigung des Alltags. In der Hinwendung zur Natur hingegen verspricht man sich Selbstverwirklichung, ein Finden-zu-sich-Selbst. Und so überrascht es kaum, dass das Genre des „Nature Writings“ nun auch in Deutschland immer beliebter wird, und dass zugleich Klassiker der literarischen Naturbetrachtung wieder verstärkt Aufmerksamkeit erlangen.

Begleitend zur WILDNIS Ausstellung hat das SCHIRN MAG eine Liste lesenswerter Bücher zusammengestellt – mit ebenjenen Klassikern, die um die Natur kreisen, mit zeitgenössischen Veröffentlichungen des Nature Writings aus Deutschland, aber ebenso mit zwei literarischen Empfehlungen, die den Blick auf die Natur um weitere Perspektiven und Geschichten bereichern.

DIE KLASSIKER

 
1. Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Henry David Thoreaus Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ ist DER amerikanische Klassiker, wenn es um Literatur geht, deren Fundament die Naturerfahrung und Suche des Menschen nach einem „eigentlichen, wirklichen Leben“ in ihrer vermeintlichen Idylle bilden. 1845 führte dieses Verlangen den damals 27-jährigen Thoreau an das Ufer des Waldensees in Concord, Massachusetts. Dort baute er sich eine Blockhütte mit gerade mal 15 Quadratmetern Platz, in der er etwas mehr als zwei Jahre lebte. Seine Erfahrungen als Aussteiger teilte der Schriftsteller zunächst in Vorträgen und, neun Jahre nach seinem „Experiment“, in seinem vielzitierten Buch „Walden“.

Ana María Gómez López, Walden (Detail, Ausstellungsansicht), 2014, Image via www.pafa.org; Auf dem Bild sieht man einen Nachbau der Hütte, in der Thoreau am Walden Pont lebte

2. John Muir: Die Berge Kaliforniens (1894, 2013 erstmals in dt. Übersetzung)

Mehr als 100 Jahre hat es gedauert, bis „The Mountains of California“ (Die Berge Kaliforniens) von 1894 in der deutschen Übersetzung erschien: Genauer gesagt bis 2013, als einer der ersten Bände der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ herauskam, die sich der multiperspektivischen Auseinandersetzung mit der Natur verschrieben hat. Dabei gilt John Muir, ebenso wie Thoreau, als einer der bedeutendsten Vertreter des „Nature Writing“. In seinem Hauptwerk verbindet Muir geologische und botanische Studien mit philosophischen Reflexionen, eingebettet in eindrucksvolle Beschreibungen einer wilden, unberührten Natur, die bereits zu Muirs Lebzeiten im Untergang begriffen war.

John Muir, Die Berge Kaliforniens, Matthes & Seitz Verlag, Image via www.paulinealtmann.de

3. Jack London: Der Ruf der Wildnis (1903)

Wie auch Thoreaus „Walden“ ist „Der Ruf der Wildnis“ von Jack London ein Klassiker. 1903 erstmals veröffentlicht, beschreibt diese Mischung aus Tiergeschichte und Abenteuerroman die Zeit des Klondike-Goldrausches in Alaska – aus der Perspektive des Haushundes Buck. Die Leser folgen seiner Entführung und wie Buck zunehmend der Ruf der Wildnis ereilt, bis er sich mit dem Tod seines letzten Besitzers, des Goldgräbers Jack Thornton, schließlich gänzlich vom Menschen löst und einem Wolfsrudel anschließt.

Jack London, The Call of the Wild, Erstausgabe 1903, Image via wikimedia.org
4. Italo Calvino: Der Baron auf den Bäumen (1957)

Cosimo Piovasco di Rondò hält das Leben der Adeligen im ligurischen Ombrosa nicht mehr aus. Er verlässt das Haus seiner Eltern und geht. Auf die Bäume in den weitläufigen Wäldern, die bis zu seinem Lebensende sein neues Zuhause werden sollen. Wie auch dieser Tage, steckt in dem Leben auf den Bäumen viel Kritik am sozial-politischen Status Quo seiner Zeit – zunächst in Ablehnung seines Standes, dann im Aufbau neuer Freundschaften mit Obst-Dieben oder dem Bücher liebenden Räuber Gian dei Brughi. 

Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen, Image via www.fischerverlage.de

In Korrespondenzen mit den geistigen Koryphäen der Zeit und später noch konkreter in der Arbeit an dem „Entwurf einer Verfassung für ein republikanisches Staatswesen mit Erklärung der Menschenrechte, der Rechte der Frauen, der Kinder, der Haustiere und der wilden Tiere einschließlich der Vögel, Fische und Insekten sowie der Bäume, Gemüse und Gräser“ äußert sich Rondòs wachsende innere Distanz gegenüber seiner Herkunft. Ergänzend zum Erwachsenenmärchen, wie das Buch so oft beschrieben wird, ist 1959 auch eine abgeänderte Version der Erzählung für Kinder erschienen.

[...] der Rechte der Frauen, der Kinder, der Haus­tiere und der wilden Tiere einschließ­lich der Vögel, Fische und Insek­ten sowie der Bäume, Gemüse und Gräser.

Cosimo Piovasco di Rondò

NATURE WRITING IN DEUTSCHLAND

 

5. Esther Kinsky: Am Fluss (2014)

Nicht mehr inmitten des urbanen, hektischen Treibens von London und doch noch nicht auf dem Land: eine Landschaft am Übergang dieser beiden Lebensräume, gekennzeichnet durch alte Fabriken und ärmliche, verwahrloste Häuser, Brachflächen, dazwischen immer wieder „unverhoffte Streifen von Wildnis“. Hier finden sich die Leser von Esther Kinskys drittem Roman „Am Fluss“ wieder. Genauer: am River Lea, einem Nebenfluss der Themse im Osten Londons, einigen sicher bekannt dank des gleichnamigen Songs der Sängerin Adele. In neun Etappen eines Spaziergangs durch dieses halbverwilderte Marschland, entlang des Flusses, scheinen Natur und Mensch, Beobachtung, Erinnerung und Reflexion zuweilen zu verschmelzen – und finden in ihrer Bündelung in einem Buch zusammen, mit dem Kinsky ein deutsches Exempel des „Nature Writings“ voll sprachlicher Behutsamkeit und mit präzisem Blick abliefert.

Esther Kinsky, Am Fluß, Image via www.matthes-seitz-berlin.de

6. Cord Riechelmann: Krähen. Ein Portrait (2013)

Die Krähe hat es nicht leicht: So dunkel wie ihr Gefieder sind auch die Mythen und Geschichten, welche die Familie der Krähen begleiten. In Literatur und Film haben unter anderem Edgar Allan Poe und Hitchcock ihre Beitrage dazu gleistet und so schreibt auch der Biologe, Autor und Journalist Cord Riechelmann zu Beginn seines Buches „Krähen. Ein Portrait“: „Jeder kennt sie, kaum einer mag sie.“ Mit seiner kleinen Natur- und Kulturgeschichte dieser klugen Vögel steuert Riechelmann nicht nur ein weiteres Werk des deutschen „Nature Writings“ bei, sondern leitet ebenfalls die oben bereits erwähnte Reihe „Naturkunden“ ein.

Cord Riechelmann, Krähen. Ein Porträt, Image via www.matthes-seitz-berlin.de

Richard Long, A Circle in Scotland, 1986 © Richard Long & VG Bild-Kunst, Bonn 2018, courtesy Lisson Gallery

DIE WEITE DER NATUR – UND IHRER LITERATUR

 
7. Richard Long: Heaven and Earth (2009)

Entgegen zahlreicher seiner Land Art-Kollegen durchschreitet der Brite Richard Long auf behutsamem Fuß die Natur. Was er in und mittels der Natur schafft, ist stets nur temporär, was von seinen einsamen Spaziergängen bleibt, ist wiederum ihre zumeist fotografische und/oder textliche Dokumentation – wie etwa bei seinem „Circle in Scotland“ von 1986, der in Bild und Text ab 1. November in der „Wildnis“-Ausstellung zu sehen ist. Um noch tiefer in Richard Longs behutsame Interpretation der Land Art einzusteigen, gehört „Heaven and Earth“ – 2009 ergänzend zur gleichnamigen Soloshow in der Tate Britain erschienen – zur Pflichtlektüre.

Richard Long, Heaven and Earth, Image via fleursdumal.nl

8. Tove Jansson: Das Sommerbuch (1972, Neuauflage 2003)

Bekannt vor allem als Schöpferin der Mumins-Welt, schrieb die finnische Schriftstellerin Tove Jansson ebenso Bücher für Erwachsene. „Das Sommerbuch“ nimmt die Leser auf eine winzige Insel in den finnischen Schären mit, wo die sechsjährige Sophie und ihre Großmutter gemeinsam die Sommer verbringen und die schroffe Landschaft der Insel durchwandern. Ein Buch über den Dialog zwischen Alt und Jung, über das miteinander Leben und dessen Ende, über das gegenseitige Lernen und Verstehen. Die Natur bestimmt dabei nicht nur die Umgebung, sondern dient immer wieder auch der metaphorischen Visualisierung ihrer Gespräche, Gedanken und Träume.

Tove Jansson, Das Sommerbuch, Image via www.luebbe.de