08. Oktober 2018

Hoch oben in den Bergen Portugals liegt das kleine Dorf Cerdeira, eine Künstlersiedlung inmitten alter Schieferhäuser. Unser Autor Konstantin Arnold ist dorthin gereist, auf der Suche nach unberührter Natur und Einsamkeit.

Von Konstantin Arnold (Text und Bild)

Schmale einspurige Straßen, die immer weiter ins Nichts führen. In die Empfangslosigkeit. Immer weiter weg. Links Olivenhaine, rechts wächst der Wein. Irgendwann kommt nur noch Wald, der an großen steilen Wänden hängt, bis nichts als brutaler Fels und Ununternehmbares die Landschaft zeichnen. Die Sprache der Menschen wird langsamer, die Uhrzeit unwichtiger, die Häuser der Dörfer werden weniger und die Wasserleitung, die letzte bestehende Verbindung zur Außenwelt, wird, so weit oben, durch einen Brunnen ersetzt. Die Hunde bellen, die Glocken läuten, man hört das Wasser fließen, kalt und klar.

Hinter der Leitplanke wird das Tal zur Schlucht und die Sonne zieht sich langsam über die Gipfel in einen anderen Tag zurück. Angekommen, wo Kurzmitteilungen nicht hinkommen. Dort, wo man weg ist, weil man wirklich da ist. Fast unerträglich, wenn man niemandem erzählen kann, wie steil die Bäume hier am Hang stehen und wie schön die gelben Laternen auf den alten Schiefer der Dorfhütten scheinen. Keine Verabredung, die ruft oder aussteht.

Der digitale Mensch, seiner Möglichkeiten entledigt, umgeben von Dingen, die keine Batterien brauchen. Abgeschieden, zwar allein, aber nicht einsam. Auf den Straßen liegen totgefahrene Füchse, manchmal auch größeres Wild. Spuren menschlichen Lebens in dieser Wildnis ohne Wanderwege.

Die Sprache der Menschen wird langsamer, die Uhrzeit unwichtiger, die Häuser der Dörfer werden weniger.

Wo ist das Selbst heute noch wirklich weg? Im Flugzeug? Auf dem Mount Everest? Tief in diesem Tal, wo das Internet nicht hinkommt? Wo kann man heute noch Gedanken fassen, die frei vom Rausch sind, der uns umgibt? Wie rettet man die Schaffenskraft eines frühen Morgens über den Tag hinaus, durch endlose Kurven auf schmalen emotionalen Straßen, bis hin zu einem einsamen Bergdorf in dem sich alle Ablenkungen auf das Scheinen der Sonne und das Pfeifen des Windes reduzieren lassen?

Hier oben, im Norden Portugals, hört man es ganz deutlich. Das fließende Wasser, das langsame Sprechen und nachts sogar das Brüllen einsamer, noch nicht totgefahrener Hirsche. Wer aus diesem Tal zurückkehrt, auf den schmalen einspurigen Straßen, die nie geradeaus führen, vorbei an Olivenhainen und Weinfeldern, wird viel zu erzählen haben, weil zwischen den hohen Bergen und tiefen Tälern alle Gedanken dicht beisammen geblieben sind, ohne versendet werden zu können.