15. Januar 2016

Der Film "Aelita" von 1924 prägte das Genre des Science Fiction-Films grundlegend. Eine wichtige Rolle spielten dabei die futuristischen Bühnenbilder der STURM-Künstlerin Alexandra Exter.

Von Daniel Urban

Während die großen, alten Sagen der Menschheit noch von der eigenen Schicksalsunterworfenheit und den vergangenen Göttern und Geistern zu berichten wissen, nehmen deren Platz in der neueren fantastischen Literatur – der Science Fiction – die Technik und das unbekannte Weltall ein. Man könnte auch meinen: hatte einst der Mensch die Götter erfunden, sodass sie ihn erschaffen und unterjochen, erschuf er später selbst die Technik, auf das sie ihn nun gleichermaßen erfreue wie auch ängstige. 

Das Science Fiction-Gerne, folgerichtig mit dem (zumindest vorläufigen) Abtreten der Gottheiten aus der Weltgeschichte und dem Fortschreiten technischer Errungenschaften verknüpft, erblühte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist heute aus der Kunst- und Popkultur kaum mehr wegzudenken. Während der Beginn des Genres in der Literatur zu verorten ist, wird heute mindestens ebenso stark der Film mit ihm assoziiert. Von dystopischen Science Fiction-Filmen wie Fritz Langs „Metropolis“ bis hin zu neueren Blockbustern à la „Matrix“ oder „Star Wars“ hat sich das Genre immer auch entlang an gesellschaftlichen wie auch politischen Umständen bewegt und sich an diesen – ob nun besonders gehaltvoll oder nicht, sei dahingestellt – abgearbeitet.

Realität und Fiktion verschwimmen

Im Film „Aelita“ des russischen Regisseur Yakov Protazanov (1881-1945) aus dem Jahre 1924 zeichnen sich die Grundzüge genretypischer SciFi-Elemente so auch schon klar ab. Und während man darüber streiten mag, ob „Aelita“ in seiner Gänze als erster Science Fiction-Spielfilm oder als Sozial-Drama mit futuristischen Einschlägen zu betrachten ist, ist sein starker Einfluss auf die weitere ästhetische Entwicklung des Science Fiction-Genres in Film und Theater nicht zu bestreiten. Die Handlung ist lose an die der gleichnamigen Novelle Alexei Tolstois angelehnt und erzählt die Geschichte des sowjetischen Ingenieurs Loss (Nikolai Tsereteli) und seiner Frau Natasha (Valentina Kuindzhi), kurz nach Ende der Revolutionskriegszeit 1921. Große Teile des Films schildern ein sich zuspitzendes Eifersuchts-Drama zwischen den Eheleuten und geben in Nebenhandlungssträngen Einsicht in die Alltagswelt der noch jungen Russischen Sowjetrepublik. 

Aelita, Regie Jakow Alexandrowitsch Protasanow, 1924, Sowjetunion
Aelita, Regie Jakow Alexandrowitsch Protasanow, 1924, Sowjetunion

Ein Leitmotiv des Films stellt Loss‘ Eskapismus sowohl hinsichtlich seines privaten Umfelds als auch der ihn umgebenden politischen Situation dar, der sich Ausdruck in seiner Sehnsucht nach Weltraumabenteuern verleiht. Zu Beginn des Films empfangen Radiostationen europaweit ein Signal mit der Buchstabenkombination „Anta Odeli Uta“ ab, die Loss sogleich als Botschaft vom Mars deutet und zu dechiffrieren sucht. Zeitgleich driftet der Ingenieur, enttäuscht vom Lebensalltag, immer öfter in Tagträume ab, in denen er sich den Planeten Mars und seine Bewohner vorstellt. Realität und Fiktion verschwimmen immer mehr und führen den Protagonisten schließlich auf eine Reise zum Mars, hin zu der Mars-Prinzessin Aelita.

Sklaven auf dem Mars

Der Film beeindruckt und fasziniert vor allem durch seine frühe Darstellung der Weltraumfahrt und der Inszenierung des Lebens auf dem sogenannten roten Planeten. Zuständig für die Kostüme und das Bühnenbild war die russischstämmige Künstlerin Alexandra Exter (1882 – 1949), deren Kostümskizzen der Marsbewohner neben anderen Arbeiten in der aktuellen SCHIRN-Ausstellung STURM-FRAUEN zu sehen sind. Mit ihrer Arbeit prägte Exter nachhaltig die folgenden Science Fiction-Filme und -Serien, so beispielsweise den Genre-Klassiker „Metropolis“. Aber auch in TV-Serien der 1930er-Jahre wie „Flash Gordon“ ist ihr ästhetischer Einfluss offenkundig. Die Künstlerin zog am Moskauer Kammertheater mit ihren avantgardistischen, stark durch den Kubismus beeinflussten Bühnenbildern die Aufmerksamkeit auf sich und hatte zuvor als Malerin ihre Werke schon in etlichen Avantgarde-Ausstellungen präsentiert. Sowohl im Bühnenbild als auch in den Kostümen in „Aelita“ wird so denn auch der stark am Kubismus wie auch am Suprematismus und Futurismus geprägte Stil Exters offenkundig. Aber auch Elemente des expressionistischen Films, wie sie mustergültig und bahnbrechend in Robert Wienes 1920 erschienenen Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ zu sehen sind, lassen sich in Exters Arbeit für „Aelita“ wiederfinden.

Aelita, Regie Jakow Alexandrowitsch Protasanow, 1924, Sowjetunion
Aelita, Regie Jakow Alexandrowitsch Protasanow, 1924, Sowjetunion

Protazanov bedient sich in „Aelita“ auch schon dem möglichen kritischen Gehalt des Genres und stellt einen Kontext zu seiner Zeit her, aufgrund derer der Film später in der Sowjet-Union für lange Zeit verboten wurde. Die politische Kaste des Mars entpuppt sich nämlich als eine klassisch diktatorische, die ihre Arbeiter wie Sklaven hält und unliebsame Gegenspieler mittels Einfrieren beseitigt. Erst die Besucher von der Erde exportieren quasi die eigene Arbeiter-Revolution auf den Mars, in Folge dessen sich die Arbeiter schließlich der herrschenden Klassen, bis auf Aelita selbst, entledigen. Die Mars-Prinzessin nun lässt sich erst als Revolutionsspitze feiern, um dann umso heftiger alle Arbeiter erneut zu unterjochen. Nichts Neues unter der Sonne also, auch nicht auf dem Mars.

Alexandra Exter Costume design for an inhabitant of Mars in Aelita, Collection Nina and Nikita Lobanov-Rostovsky Donation to the Charitable Fund, “Konstantinovsky”, 2013 © St Petersburg State Museum of Theatre