08. April 2016

Über den lyrischen Selbstmord und den Wahnsinn im Werk des Künstlers John Bock.

Von Anna-Lena Werner

"Ich stehe. Stehe am Ort. Flughafen. Der Zug, in dem ich sitze, nimmt Fahrt auf. Der Flieger Richtung Ziel nimmt Fahrt auf", lauten die ersten Sätze von John Bocks Text-Arbeit, die Teil des Katalogs zur ICH-Ausstellung ist. Seine Worte – weniger ein Poetry Slam als ein Poetry Splatter – erzählen lyrisch von einem beunruhigenden Moment des in-sich-gekehrt-Seins. Der Erzähler reiht seine Wahrnehmung beim stillen Sitzen im Zug, im Flugzeug und beim Warten am Check-In aneinander. Er verwebt die Momente miteinander, baut narrative Spannung auf, während Geschwindigkeit und fremde Menschen an ihm vorbeirasen. "Das undefinierte Selbst-Sein stockt im Massenandrangsstrom der Bewegungskörper."

John Bock, Verlot­ter­tes Requiem, 2016, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Er bleibt weiter erstarrt. Vor ihm liegt sein aus dem Papier auseinandergefalteter Proviant: "Das Butterbrot zittert im Flugzeug und im Zug." Irgendetwas in dieser Geschichte ist ungeheuer, aber dieses Etwas ist unsichtbar. Er schreibt, "Das Verdächtige ist nicht zu sehen. Im Flugzeug regt sich nichts. Im Zug regt sich nichts." Dann plötzlich bricht der Erzähler seine Starre mit einem fließenden Rasierklingenschnitt in die Halsschlagader: "Blutstrom gefolgt von Gurgellauten schlägt auf den Abteilboden auf." Er wendet sich ab und entfernt sich von seinem toten, anderen Selbst. "Das geknickte Selbst-sein-Quasi-Ich", so beschreibt er in Anlehnung an sein Butterbrot, "faltet sich offen aus dem Raum." 

Leere Logik 

John Bocks Arbeit mit dem Titel "Die verspiegelte Verschmelzung zwischen dem Gleichen und dem Selben in einer Person mit dem Resultat einer blutigen Tat", handelt – so könnte man zusammenfassen – vom Teil-Suizid des eigenen Bewusstseins, vom Ausschlachten des schwächeren Ichs, vom Neustart. Es geht darum, präsent und gleichzeitig abwesend zu sein. So ganz genau trifft die Interpretation aber nie, denn die Arbeiten des in Berlin lebenden Künstlers sind nicht unbedingt darauf aus, auf vollstes Verständnis zu stoßen.

John Bock, Verlot­ter­tes Requiem, 2016, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Und das ist auch nicht nötig: Obwohl es in seinen Zeichnungen, Installationen, Videos und Performances um Mord und Gemetzel, um Wahnsinn und die absurde Suche nach dem tieferen Sinn geht, vermitteln Bocks extreme Bildwelten oft nur ein Gefühl der absoluten Leere in einem selbst-erfundenen Kosmos des Wahnsinns. Es sind Splatter Schablonen, die – vielleicht vergleichbar mit den Filmen von Quentin Tarantino – eine tiefe Melancholie gepaart mit Irrwitz skizzieren. In seiner Kunst vermischt sich das Essenzielle grundsätzlich mit Banalem, sodass man sein eigenes Ethikverständnis auf die Probe stellen muss. 

Wurzel aus Eierschale 

Bis 1997 studiert Bock Kunst in Hamburg. Mit seinen "Lecture Performances" tourt er damals bereits durch Deutschland. Die Wörter, die aus ihm heraussprudeln, haben eine eigene und nicht immer nachvollziehbare Logik. Bis heute erscheinen in seinen Texten und Titeln Fragmente aus dem Mathematik-Jargon, den sich Bock während seiner sechs Semester Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Uni aneignet.

John Bock, ApproximationRezipientenbedürfniscomaUrUltraUseMaterialMiniMaxi, Biennale, Venice, 1999, image via johnbock.de

Mit Mathematik haben seine Arbeiten jedoch weniger zu tun, als vielmehr mit purem Chaos: So ist zum Beispiel sein Vortrag "Abay hoch Bock hoch zwei ist gleich Wurzel aus Eierschale tangiert Kaugummikurve", den er 2015 gemeinsam mit dem Musiker Aydo Abay im Kölnischen Kunstverein aufführt, ein dystopisches Rockkonzert, bei dem John Bock die Band mit Geräuschen von Eierschneidern und Rührbesen, Textfragmenten und suizidalen Frischhaltefolien-Bondage-Darbietungen komplementiert.

Reliquien einer Performance

Die Überreste des Abends verwandelt Bock in die Arbeit "Verlottertes Requiem", die in der ICH-Ausstellung der Frankfurter SCHIRN gezeigt wird. Bestehend aus Requisiten, Monitor-Mitschnitten und den Kostümen hat der Künstler, wie so oft, die Reliquien seiner Performances zu einer Installation erstarren lassen.

Umgeben von seinen schaurigen Installationen die einst als Kulissen dienten, zum Beispiel bei seiner Einzelausstellung "Im Modder der Summenmutation" im Jahr 2013 in der Bundeskunsthalle in Bonn, kann sich das Gefühl breit machen, in eine Art kathartischen Falle geraten zu sein, aus der man nach Bocks schock-therapeutische Reinigung der rationalen Sinne zwingend mit zurückgesetztem Urteilsvermögen wieder heraustreten wird.

Freundliches Beisammensein

Diese Verwirrung stammt nicht immer nur von den Inhalten und den Reliquien seiner Bühnenbilder – die von Rasierschaum über glitzernde Federn, monsterartige Kostümen, Creme, Farben bis hin zur Alufolie reichen – sondern auch von der unbequemen Ausstellungsarchitektur: als Besucher seiner Show "Kumulierte Summenmutationen" in der Düsseldorfer Julia Stoschek Collection im Jahr 2012, musste man sich überwinden zu klettern, durch enge Schächte zu gleiten, an blutigen Massakern vorbeizuschreiten oder den Kopf in eine Kiste zu schieben, um einen Blick in Bocks gigantisches Filmarchiv zu erhaschen.

John Bock, Im Modder der Summenmutation, Bundeskunsthalle Bonn, 2013, Image via  johnbock.de

Wäre es nicht so brutal, könnte man sich getrost auf einer Kirmes wähnen, im zitternden Labyrinth irgendeines lustigen Spaßhauses. Denn auch wenn es im Anblick der Blutschlachten manchmal etwas schwer fällt, darf man bei all dem Gemetzel Bocks Humor nicht unterschätzen: Ob er bei Kunstmessen Ananas Sandwiches verschenkt oder bei nächtlichen Ausstellungseröffnungen in Berlin Plastikbecher-Knet-Frösche für seine Zuhörer bastelt, Bocks Performances suchen am Ende eigentlich immer den freundlichen, und im Übrigen ganz ungefährlichen Zugang zum Beisammensein.

John Bock, Große Erscheinung der ins Licht getretenen TRIEBKREATUR, ABC Art Fair, Berlin, 2014, image via johnbock.de