18. September 2018

Wie kein anderer Maler seiner Zeit hat Wilhelm Kuhnert die Vorstellung von Afrika in Europa und den USA geprägt. Die SCHIRN präsentiert die erste große Retrospektive zum Leben und Werk des Künstlers.

Von SCHIRN Magazin

Als einer der ersten europäischen Künstler bereiste Wilhelm Kuhnert Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals die zu dieser Zeit noch weitgehend unerforschte damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die auf diesen Reisen entstandenen Zeichnungen und Ölskizzen der dortigen Tier- und Pflanzenwelt dienten ihm als Vorlagen für monumentale Gemälde, die er nach der Rückkehr in seinem Atelier in Berlin anfertigte. Kuhnert stellte international mit großem Erfolg aus und wurde so zum führenden Interpreten der afrikanischen Tierwelt.

Wilhelm Kuhnert, Löwe, ohne Datum

Die Ausstellung „König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“, die vom 25. Oktober 2018 bis 27. Januar 2019 in der SCHIRN zu sehen ist, beleuchtet Kuhnerts Werk sowohl vor dem Hintergrund der Kunst- und Naturwissenschaftsgeschichte als auch der deutschen Kolonialgeschichte. Der ausgebildete Tier- und Landschaftsmaler interessierte sich bereits früh für afrikanische Wildtiere, deren Aussehen und Verhalten er zunächst nur im Berliner Zoo aus nächster Nähe studieren konnte. Zoologische Gärten waren bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie spiegelten Erkenntnisgewinn und wissenschaftlichen Fortschritt, Weltneugier und imperialistische Bestrebungen des bürgerlichen Zeitalters. 

Die Kunstwerke trafen den Nerv der Zeit

Besonders Darstellungen von Löwen, Tigern oder Elefanten galten als Sinnbilder für Stärke, Herrschaft und Überlegenheit und vermittelten das Lebensgefühl einer Gesellschaft, die nach ihrem machtpolitischen „Platz an der Sonne“ strebte. Die Vorstellung vom Tier wurde zum Vexierbild des Menschen: Einerseits war das Tier Vorbild natürlicher – und damit ebenso göttlicher wie gesellschaftlicher und politischer – Ordnung, andererseits Wunschbild unbewusster, wilder Freiheit, ein Gegenbild zur bürgerlichen Existenz. Die afrikanischen Wildtiere boten einen freien Assoziationsrahmen für Naturromantik und Exotik.

Wilhelm Kuhnert, Liegendes Nashorn, ohne Datum © Privatsammlung
Wilhelm Kuhnert, Krieger auf dem Pfad vor dem Kibo, 1917 © Privatsammlung
Wilhelm Kuhnert, Der Jäger mit der Strecke, 1915 © Privatsammlung

In Kuhnerts Werk klingen Aspekte der Moderne an: das Malen in der freien Natur, die experimentelle Bleistiftzeichnung, der Exotismus, der Wille zur Erkundung ferner Länder und die Reise als Erweiterung des Blick- und Erfahrungsraums. Beim Malen folgte Kuhnert einem fast wissenschaftlichen Vorgehen. Obwohl er kein Biologe oder Zoologe war, zeugen seine detaillierten künstlerischen und schriftlichen Studien von einem Interesse an der afrikanischen Tierwelt, das weit über malerische Fragen hinausging. Seine Tierdarstellungen wurden in zoologischen Büchern wie Brehms Tierleben und in Publikationen des Frankfurter Zoodirektors Wilhelm Haacke ebenso verbreitet wie auf Schulwandbildern. Obwohl Wilhelm Kuhnert bis heute zu den meistgesammelten Malern gehört, ist sein Œuvre einer großen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

In Kuhnerts Werk klingen Aspekte der Moderne an

Die Ausstellung in der Schirn ordnet den Künstler und sein Werk in die deutsche Kunst- wie Kolonialgeschichte ein. Weder die Logistik seiner Expeditionen noch der Markterfolg seiner Kunst sind ohne den Kolonialismus denkbar, dessen Profiteur und Akteur Kuhnert war. Dabei blieb sein Verhältnis zum Kolonialismus ambivalent. So verdeutlicht  „König der Tiere“, wie Kuhnerts Werk die allgemeine Vorstellung von der Tierwelt und Landschaft Afrikas im 19. Jahrhundert nachhaltig und zum Teil bis heute geprägt hat.

Wilhelm Kuhnert, Afrikanische Löwen, um 1911 © The Robert S. and Grayce B. Kerr Foundation, National Museum of Wildlife Art
Unbekannter Fotograf, Wilhelm Kuhnert beim Malen, 9. September 1911 © Nachlass Wilhelm Kuhnert