13. Dezember 2015

Anfang des 20. Jahrhunderts kam der Typ der modernen Frau auf, doch nicht jeder konnte mit der großen Belastung umgehen, der man in dieser Rolle ausgesetzt war.

Von Marthe Lisson

Eigentlich hat sich nicht viel verändert. Frauen, die Karriere machen, leiden oft unter der berühmt-berüchtigten Doppelbelastung. Denn sie tauschen ja nicht die Familien- und Haushaltsaufgaben gegen die Karriere ein, sondern haben dann einfach beides (ja, es gibt Ausnahmen). Den Künstlerinnen der Ausstellung STURM-FRAUEN erging es vor rund 100 Jahren erst Recht nicht anders. Sie gehörten einer Generation an, für die dieses Problem ein Novum war. Frauen drangen mehr und mehr ins öffentliche Leben, in die Ausbildungsstätten, in die Berufe. Aber wie sie ihr Leben mit Familie und Beruf, mit den Erwartungen der Gesellschaft und den eigenen Wünschen vereinen sollten, hatte ihnen bis dato kaum eine Frau vorgelebt. Nicht alle Künstlerinnen hielten diesem Druck stand. Leider auch die belgische Künstlerin Marthe Donas. Dabei fing alles so gut an. 

Die Zeichnungen sehen aus wie metallene Skulpturen 

Gegen den Willen ihres Vaters nahm sie 1902 am Unterricht der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten van Antwerpen und zwischen 1912 und 1914 am Unterricht des Hoger Instituut voor Beeldende Kunsten in Antwerpen teil. Ausgerechnet der Erste Weltkrieg brachte ihre Karriere in Gang. Mit dem deutschen Einmarsch in Belgien floh die Familie in die Niederlande, von dort aus zog Donas weiter nach Dublin und dann schließlich nach Paris. Dort fand sie rasch Anschluss in der Kunstszene, besuchte die Académie de la Grande Chaumière und die Académie Ranson, bewegte sich im Umfeld des Montparnasse und entdeckte im Atelier von André Lhote den Kubismus. Ein Aufenthalt an der französischen Riviera führte zur Zusammenarbeit mit einem der führenden Bildhauer der Zeit, Alexander Archipenko.

Sein Einfluss auf ihre Malerei wird in einigen Zeichnungen der Jahre 1917/18 deutlich. In Kubistischer Kopf, Kind mit Blumen oder Frau mit Hut entwickelte Donas ihre Version von Archipenkos „Skulpto-Malerei“. Die Zeichnungen sehen aus wie metallene Skulpturen, sogar die Schraffierungen des Metalls sind zu erkennen. Während Archipenko mit Materialien wie Glas, Holz oder Nickel arbeitete, benutzte Donas in ihrem Stillleben mit Flasche und Tasse Tüll, grobe Leinwand oder Spitze, um dem Werk mehr Struktur zu geben. 

Die künstlerische Ausdrucksform galt als männliche Domäne 

Nach dem Waffenstillstand 1918 kehrten beide Künstler nach Paris zurück und kümmerten sich um die Neuformierung der "Section d'Or". Dieser Künstlerzirkel hatte sich 1912 mit einer aufsehenerregenden Ausstellung einen Namen gemacht. Fernand Leger, Albert Gleizes, Léopold Survage gehörten dazu, Georges Braque und Jacques Villon, russisch-ukrainische Künstler oder der rumänische Künstler Constantin Brancusi. Donas wurde in diesem Kreis sehr von Archipenko gefördert. Es war auch dieser Kreis, in dem sie das erste Mal das Pseudonym Tour d'Onasky benutzte, was bald zu Tour Donas wurde. Der Vorname Tour hatte kein sozial vorgefertigtes Geschlecht und bot ihr die Möglichkeit, die Klischees und Vorurteile, denen Künstlerinnen ausgesetzt waren, zu umgehen. So galt die abstrakte Kunst als zu intellektuell und zu rationell für die einerseits gefühlsbetontere und andererseits eher praktisch und realistisch denkende Frau. Die künstlerische Ausdrucksform galt als männliche Domäne.

Archipenko empfahl sie dann 1919 als „meinen besten Schüler“ an Herwarth Walden. Ein Jahr später teilte sich Donas eine Schau in der STURM-Galerie mit Nell Walden. 37 Arbeiten aus den Jahren 1917 bis 1919 wurden gezeigt, 1921 dann erneut 24 Arbeiten. Regelmäßig verkaufte Walden Bilder von Donas aus den Gruppenausstellungen heraus, er reichte Bilder für die Internationale Kunstausstellung in Düsseldorf im Jahr 1922 ein und nahm Bilder in die dritte Auflage seines Buches Einblick in die Kunst auf. Darin wurde Frau mit Vase sogar in Farbe abgebildet, was sonst nur Béla Kádár und Franz Marc zugestanden wurde. 

Der verlorene Kampf der Marthe Donas 

Das Skulpturale in ihren Arbeiten verblasste über die Jahre, ähnlich wie das Verhältnis zu Archipenko. Donas blieb zwar dem Kubismus treu, unter dem Einfluss von Gleizes und van Doesburg wurden ihre Bilder aber flacher und geordneter, zweidimensional.

1921 musste sie ihr Atelier aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und ging zurück nach Antwerpen. Durch den Bruch mit Archipenko und die Auflösung der Section d'Or verlor sie ihr sorgfältig aufgebautes Netzwerk und den Kontakt zur Kunstszene in Paris. 1922 heiratete sie den Philosophen Harry Franke, ab 1926 suchte sie noch einmal den Kontakt zur Avantgarde in Brüssel und kehrte mit der Gruppe L'Assaut noch einmal zurück nach Paris für eine Ausstellung. 1927 brach sie mit der Malerei ab. Eines ihrer letzten Werke verbildlicht sehr deutlich den verlorenen Kampf. Unter der Lampe zeigt die Künstlerin selbst, tief über eine Näharbeit gebeugt. 

P.S.: Ganz hatte sie den Kampf doch nicht aufgegeben. In den 1940er-Jahren nahm Donas die Malerei wieder auf, mit religiösen Motiven und Familienszenen. Sie erhielt dafür jedoch kaum noch Anerkennung.