Was hinter dem Titel der Ausstellung von Ramin Haeri­z­a­deh, Rokni Haeri­z­a­deh und Hesam Rahma­nian steckt und wieso Humor manchmal die beste Kritik ist.

„Either he’s dead, or my watch has stopped“ Groucho Marx (while getting the patient’s pulse). Diesen etwas kryptischen Titel haben die Künstler Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian für ihre Ausstellung in der Schirn bewusst gewählt. Es handelt sich um ein Zitat aus dem siebten Spielfilm der Marx Brothers „A Day at the Races“ (Das große Rennen) von 1937.

Groucho Marx alias Hugo Z. Hackenbush, der Handlung nach eigentlich Tierarzt, gibt sich hier als Arzt aus und heuert in einem Sanatorium an, das vornehmlich von der gutbetuchten Gesellschaft frequentiert wird. Jeder geforderten Zurschaustellung seiner Expertise als Arzt versucht er durch absurde Manöver zu entgehen und versetzt schließlich alle in Aufruhr. Kommt er doch einmal in die Situation einem Patienten den Puls zu messen, läuft selbst das schief. Er erkennt kein Lebenszeichen und entzieht sich mit dem Kommentar „Entweder er ist tot, oder meine Uhr ist stehengeblieben“ (Either he’s dead, or my watch has stopped).

Kenner*innen der Marx Brothers erkennen hierin schon den Schalk, der jedem ihrer Auftritte innewohnt. Groucho, Chico, Harpo und Zeppo Marx begannen ihre Karriere Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA mit Vaudeville- Shows. Diese Form des Unterhaltungstheaters bestand zumeist aus einer Zusammenstellung verschiedener Nummern – ähnlich dem Varieté – in der Musik, Tanz, Theater und Showeinlagen ohne stringente Handlung gemischt wurden. Um 1900 erfreute sich das amerikanische Vaudeville großer Popularität, bevor es in den 1920er Jahren mit dem Aufkommen des Tonfilms einen langsamen Niedergang erlebte.

Harper und Chico, Pressebild für den "A Day at the Races", 1937, Image via WikiCommons

Zu dieser Zeit wechselten auch die Marx Brothers von der Bühne zum Film und bauten hier ihre bereits erprobten Charaktere weiter zu Markenzeichen aus. Groucho mit Brille, aufgemaltem Schnurrbart und Zigarre war der schnell redende Zyniker. Harpo mit roter bzw. in Filmen mit blond gelockter Perücke, war ein Meister des Harfenspiels und galt als Tollpatsch, der sich mit Pfiffen und Hupen verständigte. Chico mit dem spitzen Hut legte sich einen italienischen Akzent zu und stellte stets den Frauen nach. Zeppo wiederum blieb ohne charakteristisches Merkmal und zog sich bald hinter die Bühne zurück, wie schon zuvor der fünfte Bruder, Gummo Marx.

Noch heute zählen sie zu den einfluss­reichs­ten Komi­kern des 20. Jahr­hun­derts

Die Marx Brothers unterschrieben einen Vertrag mit Paramount Pictures und veröffentlichten dort ihren ersten Film „The Cocoanuts“ (1929). Bis 1937, als „A Day at the Races“ erschien (nun mittlerweile unter Vertrag bei der US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer), hatten sie mit ihrem Konzept der „social satire“ bereits beträchtliche Erfolge erzielt und zählen auch heute noch zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Komikern des 20. Jahrhunderts. 1977 wurden sie in die Motion Picture Hall of Fame aufgenommen.

Marx Brothers, 1931, Image via WikiCommons

Fragt man die Künstler Ramin, Rokni und Hesam nach einer Erklärung, warum sie gerade dieses Zitat als Titel für ihre Ausstellung ausgewählt haben, referieren sie auf die verschiedenen Interpretationsebenen, die der Satz zulässt: „Der Zugriff auf die Realität (Tod) wird spielerisch gestört durch eine flüchtige Verfremdung (angehaltene Uhr)“, heißt es in dem Statement der Künstler. „Das Zitat zeigt eine humorvolle Art, mit Zeit umzugehen und sie zu erleben; (sich) Zeit nehmen als eine intensive Variation der Gegenwart.“

Sie kommentieren das gegenwärtige Zeitgeschehen

Die Gegenwart zu hinterfragen und neu zu deuten gehört mit zur Arbeitsweise des iranischen Künstlerkollektivs. Sie verfolgen zahlreiche Aspekte der sie umgebenden Welt – Politik und Popkultur, Geschichte und gegenwärtiges Zeitgeschehen – und verknüpfen alles in ihren raumgreifenden Arbeiten mit überraschend neuen, komplexen Ergebnissen. Sie erschaffen „alternative Landschaften“, wie sie es nennen. Dabei mischen sie auch immer die unterschiedlichsten Medien und Kunstformen. So gesehen fügt es sich wunderbar in ihre Strategie, ein Filmzitat zum Ausstellungstitel zu erklären: „Es passt zu unserem Prozess, das Durchsickern einer Kunstform in eine andere zuzulassen. Der Titel ist eine Migration von der unreinen Form des Kinos zur Bildenden Kunst“, wie sie selbst es beschreiben.

RAMIN HAERIZADEH, ROKNI HAERIZADEH UND HESAM RAHMANIAN, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Marc Krause

Die Filme der Marx Brothers als unreine („impure“) Kunstform zu betrachten, mag viele Cineasten vor den Kopf stoßen, die Marx Brothers hätten dem aber vielleicht sogar selbst zugestimmt. Ihre Filme zeigen deutliche Verwandtschaft zur Theaterform der Commedia dell’arte, in der eine lose Handlung sich meist aus der Interaktion fester Figurentypen ergab und die es zum Ziel hatte, Kritik an der bestehenden Ordnung zu üben. Die Marx Brothers nahmen mit ihrem körperbetonten, anarchischen Spiel in ihren festgelegten Rollen sämtliche Aspekte des amerikanischen Lebens jener Zeit aufs Korn, darunter Politik, Krieg und Kapitalismus. Das Metier der Komödianten ist dabei die Kunstfertigkeit, nicht die Kunst, wie der Filmwissenschaftler Simon Born feststellt, und die Brüder brachten es zu unumstrittener Größe mit ihren kunstfertigen Darstellungen.

Verwechslungsgefahr mit den Marx Brothers

Von Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian aufgenommen, rückt das Spiel der Marx Brothers nun doch noch in den Bereich der Bildenden Kunst. Bezüge zwischen Arbeiten der beiden Kollektive lassen sich leicht finden. Auch wurden Ramin, Rokni und Hesam als Persönlichkeiten mitunter schon verglichen mit den Marx Brothers, wie sie mit einem Augenzwinkern erzählen. Zu ernst sollte man die Verbindung aber nicht nehmen. Auflösend sagen die iranischen Künstler dazu: „Der Titel ist mehr Teil der Ausstellung als dass er richtungsweisend wäre für ihre Definition. Er koexistiert mit dem Wesen der Ausstellung, indem er zu der alternativen Landschaft beiträgt, die wir in der Schau geteilt haben.“ 

Eine der ältesten Darstellungen der Commedia dell´arte: Aufführung vor adeligem Publikum in Frankreich, Schule des Frans Floris, ca. 1570/71, Image via WikiCommons

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