03. Januar 2020

Noch bevor die letzte große Retrospektive von Lee Krasner im New Yorker MoMA eröffnete, verstarb die Künstlerin. Ihr Nachlass wird heute im Herzen von Chelsea verwaltet.

Von Natalie Wichmann

Ich bin auf dem Weg nach Chelsea, genauer gesagt zur Kasmin Gallery, der letzten Station meiner Erkundung von Lee Krasners New York. 2016 wurde die Galerie mit der Verwaltung ihres künstlerischen Nachlasses betraut. Krasners Karriere kam in den 1960er-Jahren endlich in Fahrt. Die Künstlerin reiste nach Europa, um Pollocks Werke auf dem dortigen Markt zu etablieren, aber auch, um eigene Arbeiten zu zeigen. 1965 wurde ihr erstmals – in der Whitechapel Gallery in London – eine Retrospektive gewidmet. Die Presse feierte Krasner, doch ein Großteil ihres Erfolgs war noch immer mit ihrer Beziehung zu Pollock verknüpft. Das änderte sich radikal in den 1970er-Jahren. Mit Beginn der zweiten Welle der feministischen Bewegung rückte Krasners Werk direkt ins Rampenlicht. Obwohl sie sich nie damit anfreunden konnte, als feministische oder gar weibliche Künstlerin bezeichnet zu werden, hat sie ihren endgültigen Durchbruch auch der Frauenbewegung zugeschrieben.

In den 1970er-Jahren begann Krasner eine neue Werkserie von Collagen, für die sie eigene Arbeiten zerriss und neu zusammensetzte. Schon Anfang der 1950er-Jahre hatte sie frühere Zeichnungen aus ihrer Studienzeit bei Hans Hofmann zerschnitten und daraus Neues geschaffen. 1973 zeigte sie ihre erste große Ausstellung im New Yorker Whitney Museum. Etwa zur gleichen Zeit, als sie berühmt wurde, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Das Einzige, was sie sich noch wünschte, war eine Retrospektive in New York, der Stadt, wo sie geboren und aufgewachsen war – am liebsten im Museum of Modern Art.

Ich treffe Eric Gleason, den Direktor der Kasmin Gallery, am Empfang. Kasmin belegt insgesamt drei Gebäude an der Ecke der 10th Avenue und 27th Street, direkt im Herzen des Kunstviertels Chelsea. Die Galerie war eine der ersten größeren, die aus Soho hierhergezogen sind. Wir nehmen Platz in einem der Hinterzimmer, mit zierlichem Beistelltisch und ohne Fenster. „Wir repräsentieren Krasners Vermächtnis – in künstlerischer und historischer Hinsicht und auf dem Kunstmarkt“, erklärt Gleason. Er war dabei, als Kasmin die Verwaltung von Krasners Nachlass übernahm, und ist selbst auch ein großer Fan der Künstlerin.

Anfang 1980 führte dann alles zusammen: Die Presse schwärmte von Krasners Einzelausstellungen, sie erhielt die ersten Auszeichnungen, die Preise stiegen, und es wurden Pläne für eine Retrospektive in den USA geschmiedet. Federführend war zunächst ein Washingtoner Kurator, dann das Museum of Fine Arts in Houston, wo Barbara Rose, eine Kunstkritikerin und Freundin von Krasner, die Initiative übernahm. Am 27. Oktober 1983, Krasners 75. Geburtstag, eröffnete die erste Überblickschau ihrer Werke in den USA. Gezeigt wurden 152 Gemälde und Zeichnungen, die anschließend in das San Francisco Museum of Modern Art und in das MoMA in New York weiterreisten. Leider starb Krasner am 19. Juni 1984, noch bevor die Ausstellung im Dezember desselben Jahres nach New York kam. Sie ist eine von nur fünf Künstlerinnen, die das MoMA bisher mit einem Rückblick geehrt hat. Ihr Vermögen von über zehn Millionen Dollar überführte sie in die Pollock-Krasner Foundation, die kurz nach Krasners Tod zur Unterstützung Not leidender Künstlerinnen und Künstler gegründet wurde.

Lee Krasner, Combat, 1965 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018

Die Kasmin Gallery war schwer beschäftigt, seitdem die Pollock-Krasner Foundation ihr als Nachfolgerin der Robert Miller Gallery die Verwaltung von Krasners Nachlass übertrug. Sie haben zwei Einzelausstellungen auf die Beine gestellt – eine mit Gemälden aus Krasners Umbra Serie und die andere mit einer Reihe von Entwurfszeichnungen, die für ein Wandbild im Auftrag der WPA entstanden waren. Außerdem hat die Galerie Werke für die aktuelle Retrospektive in der SCHIRN zusammengestellt. Aber da ist noch eine Arbeit, die bei Kasmin verblieben ist: „Wenn Sie wollen, kann ich sie Ihnen jetzt zeigen?“, bietet Gleason mir an. Natürlich will ich. Er steht auf und führt mich durch ein Labyrinth verwinkelter Gänge, welche die drei Galerieräume verbinden, hinunter in einen Kellerraum, voller Gemälde und Skulpturen verschiedener Künstlerinnen und Künstler, die Kasmin vertritt. Und da ist es: ein großformatiges Gemälde, voll praller Energie. Ich werde nachdenklich. Wieder spüre ich die eigenartige Verbundenheit mit Lee Krasner, mit ihren Kämpfen und Triumphen, die auf der weiten Fläche der Leinwand, die sich vor mir ausbreitet, fast greifbar erscheinen.