14. November 2019

Die Geschichte lehrt: Die großen Maler des abstrakten Expressionismus waren Männer. Das stimmt natürlich nicht. Wie Krasner gegen die Diskriminierung von Frauen ankämpfte und der Feminismus neuen Aufschwung bekam.

Von Charlotte Voillequin

Die (kunst)historische Erzählung speist sich aus der Arbeit, den Errungenschaften und den bahnbrechenden Entdeckungen einzelner Individuen, die unsere Sicht auf die Welt und die Kunst verändern. So verhält es sich auch mit den großen „Strömungen“ der Kunstgeschichte. Ausgewählte Vertreter einzelner Epochen gelten als Helden der Geschichtsschreibung, doch nur wenige unter ihnen sind Frauen.

Viel eher lesen wir von ihnen als Mütter, Ehefrauen oder Geliebte, die ihre Helden beschützen, begleiten oder inspirieren. Spätestens seit den 1960er Jahren jedoch rücken emanzipatorische Erzählungen – dank feministischer Forderungen – immer weiter in den Vordergrund. Auch Lee Krasners Werdegang ist geprägt von der Ausformulierung feministischer Standpunkte, die die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft neu definieren sollten.

Das Modell der Kern­fa­mi­lie bildete das Funda­ment der Nach­kriegs­ge­sell­schaft

Die US-amerikanische Schriftstellerin Betty Friedan kritisiert 1963 in ihrem Buch „The Feminine Mystique“ die vorherrschende Annahme, Frauen seien aufgrund ihres Geschlechts dazu bestimmt, Erfüllung in ihrer Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu finden. Das medial glorifizierte Modell der Kernfamilie bildet zu der Zeit das Fundament der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Frauen wird suggeriert, eine ganzheitliche Identifikation mit ihren Aufgaben als Ehefrauen und Mütter sei elementar, um den gesellschaftlichen Fortschritt und das wirtschaftliche Wachstum zu gewährleisten.

Lee Krasner in her studio in the barn, Springs, 1962, Photograph by Hans Namuth, Lee Krasner Papers, Archives of American Art, Smithsonian Institution, Washington, D.C © 1991 Hans Namuth Estate, Courtesy Center for Creative Photography

Da die biologischen Prädispositionen einer Frau demnach das Einzige seien, was ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft definiert, werden Frauen systematisch daran gehindert, ihr eigenes Selbstbewusstsein und somit ihre Identität innerhalb der Gesellschaft auszubilden. Friedan beobachtet im Laufe der 1950er Jahre ein weit verbreitetes Problem, das sie als „problem that has no name“ beschreibt: „The problem lay buried, unspoken, for many years in the minds of American women. It was a strange stirring, a sense of dissatisfaction, a yearning that women suffered in the middle of the 20th century in the United States. Each suburban wife struggled with it alone. As she made the beds, shopped for groceries … she was afraid to ask even of herself the silent question — ‚Is this all?‘“

Das „Problem, das keinen Namen hat“ versinnbildlicht damals das Symptom einer gesamten Generation von Frauen, deren Stimmen zu verschwinden drohen. Zusehends verschwinden in den 1950er Jahren auch die Erzählungen der ersten internationalen Frauenbewegungen, die noch zu Beginn des Jahrhunderts für die Gleichstellung vor dem Gesetz gekämpft hatten.

As she made the beds, shop­ped for groce­ries … she was afraid to ask even of hers­elf the silent ques­tion — ‚Is this all?‘

Betty Frie­dan
Suffragettendemonstration in New York City, 1912, Image via WikiCommons

Friedans Beobachtungen können als Markierung für den Beginn der so genannten „second wave“ der US-amerikanischen Frauenbewegung gelesen werden, die auch für die Künstlerin Lee Krasner von großer Bedeutung ist. Wo die Suffragetten in erster Linie für das 1920 in den Vereinigten Staaten eingeführte Recht zu wählen kämpften, fordern die Feministinnen der 60er Jahre nun die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz, Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sowie das Recht, über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen.

Lee Krasner bestätigt sowohl die Ausnahme als auch die Regel

Die Karriere der 1908 in Brooklyn geborenen Lee Krasner bestätigt vor dem Hintergrund feministischer Forderungen ihrer Zeit sowohl die Ausnahme als auch die Regel: Die Ausnahme, weil Lee Krasner eine eigene Karriere verfolgte und sich, schließlich erfolgreich, dafür einsetzte, in den Kanon der abstrakten Expressionisten aufgenommen zu werden. Von Hans Hofmann ausgebildet, ist Krasner in den 1930er Jahren eine der 3700 Künstlerinnen und Künstler, die im Rahmen des „Federal Arts Project“ Arbeitsaufträge erhalten, um Kunst für den öffentlichen Raum zu schaffen.

Womens Liberation Movement, Second Wave Feminism, Image via WikiCommons
Lee Krasner, Portrait in Green, 1969 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation, courtesy Kasmin Gallery, New York, Photo: Diego Flores

Zehn Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts, liegt der Frauenanteil bei diesem Projekt ganz bewusst bei über vierzig Prozent. Krasner schafft sich, auch durch ihre Arbeit für das „Federal Arts Project“, ein Netzwerk in der New Yorker Kunst- und Kulturszene, die zu diesem Zeitpunkt von einer ganz neuen Bewegung verschiedener Künstler aufgewühlt wird: dem abstrakten Expressionismus.

Der unverwechselbare Stil von Willem de Kooning, Ad Reinhardt, Mark Rothko, Barnett Newman oder auch Jackson Pollock bestimmen den neuen Modernismus der Kunstwelt. Krasner lebt und arbeitet zu der Zeit in New York, der Metropole der Kunstwelt, und pflegt intensive Beziehungen mit Künstlern, Schriftstellern und Kritikern, lange bevor sie ihren künftigen Ehemann Jackson Pollock kennenlernt. 

Lee Krasner at the WPA Pier, New York City, ca. 1940, Photograph by Fred Prater, Lee Krasner Papers, Archives of American Art, Smithsonian Institution

Sie verfolgt mit großem Ehrgeiz ihre künstlerische Selbstfindung und findet in der Abstraktion schließlich einen Weg ihre Ideen zu formen. Krasner lässt sich mit ihrer Kunst aber im Gegensatz zu ihren männlichen Weggefährten zu keinem Zeitpunkt auf eine bestimmte Formsprache ein. Ihr Œuvre ist von einer Diversität an Einflüssen und Stilen geprägt, das sich dem Wiedererkennungswert als künstlerische Qualität verweigert.

Auch Kras­ner bekommt die syste­ma­ti­sche Diskri­mi­nie­rung von Frauen zu spüren

Als Vorstandsmitglied der „Artists Union“ und der „American Abstract Artists“ setzt sie sich für die Belange der abstrakten Künstler ein und festigt damit ihre Rolle und ihren Einfluss auf die New Yorker Kunstszene. Anders als viele Frauen ihrer Generation, schafft es Krasner sich schon in jungen Jahren aus den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien und selbstständig einen Namen als Künstlerin zu machen. Trotz ihrer wichtigen Rolle innerhalb der New Yorker Künstlerszene, bekommt auch Krasner die systematische Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt zu spüren. Als das Life Magazine die einflussreichsten abstrakten Künstler 1950 ablichtet, ist Hedda Sterne die einzige Künstlerin, die neben de Kooning, Reinhard, Pollock, Rothko und vielen anderen Männern posiert. 

Lee Krasner, Mosaic Table, 1947 © The Pollock-Krasner Foundation, Courtesy Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York
Lee Krasner, Icarus, 1964 © The Pollock-Krasner Foundation, Courtesy Kasmin Gallery, New York, Photograph by Diego Flores

Krasner identifiziert sich zwar mit den Anliegen und Forderungen der Feministinnen ihrer Zeit, distanziert sich aber gleichzeitig von einer Darstellung dezidiert weiblicher Kunst. So lehnt Krasner die Teilnahme an einer Ausstellung, die Frauen vorbehalten ist, ab, doch protestiert sie mit der Vereinigung „Women in the Arts“ gegen die mangelnde Beachtung von Frauen in der Kunstwelt.

Als 1971 Linda Nochlins Essay „Why have there been no women artists“ erscheint, wird deutlich, dass die institutionelle Benachteiligung von Frauen zu einer lückenhaften Repräsentation der Kunstgeschichte beigetragen hat, gegen die Lee Krasner sich ihr Leben lang künstlerisch eingesetzt hat. Und trotz ihres Ausnahmefalls bestätigt Krasners Rolle dann doch die Regel, denn noch lange nach ihrem Tod findet sie viel häufiger Erwähnung als Beschützerin, Begleiterin, Muse oder Nachlassverwalterin ihres Ehemannes Jackson Pollock, denn als eigenständige Künstlerin.

Lee Krasner, Burning Candles, 1955 © The Pollock-Krasner Foundation, © Jim Frank