25. Oktober 2019

Welche Orte präg­ten die Künst­le­rin Lee Kras­ner? Welche Spuren hat sie hinter­las­sen? Der Auftakt zur fünf­tei­ligen Serie über das Leben der heraus­ra­gen­den Künst­le­rin in New York City.

Von Natalie Wichmann

Meine Erkundung auf den Spuren von Lee Krasners in New York führt mich in die Marble Collegiate Church, an der Ecke von 29th Street und 5th Avenue. Es ist ein klarer Tag mit strahlend blauem Himmel, und die weiße Marmorkirche glitzert in der frühen Morgensonne. An Wochentagen kann man sie nur durch den Seiteneingang betreten, und dort treffe ich die Direktorin für Membership & Connecting, die mich herumführen wird.

Als die Kirche 1854 errichtet wurde, war die 5th Avenue noch unbefestigt. Der Architekt Samuel A. Warner entwarf den Bau im Stil der Neoromanik mit gotischen Elementen und verkleidete ihn ganz mit weißem Marmor, der im nahe gelegenen Hastings-on-Hudson abgebaut wurde. Der Innenraum ist weitläufig und offen, mit Rippengewölben, den ersten freitragenden Emporen in einem Kirchenraum, Mahagonibänken und messingbeschlagenen Türen. 1891 wurden im Zuge einer umfassenden Renovierung die Klarglas- durch rautenförmige Bleiglasfenster ersetzt und die Innenwände in Burgunderrot und Gold gestrichen. Danach änderte sich nicht mehr viel im Innenraum, er sieht heute noch so aus wie damals, als Lee Krasner und Jackson Pollock dort im Herbst 1945 heirateten.

Foto: Natalie Wichmann

Als Krasner 1941 eingeladen wurde, ihre Arbeiten in einer Gruppenausstellung zusammen mit europäischen Künstlern, wie Pablo Picasso und Georges Braque, sowie „unbekannten Amerikanern“ zu zeigen, gab es unter den amerikanischen Künstlern nur einen, den sie nicht kannte – Jackson Pollock. Sie erkundigte sich nach ihm, stellte fest, dass sein Atelier ganz in der Nähe von ihrem lag, und besuchte ihn kurzerhand. Seine Werke überwältigen sie regelrecht, und sie war sich sicher, dass er in die Annalen der Kunstgeschichte eingehen würde. Ihr gefiel zuerst seine Kunst, dann auch der verschlossene, eher raubeinige Mann. Doch Pollock war ein schwieriger Mensch. Alkoholiker und psychisch labil, hatte er kurz zuvor sechs Monate in einer Klinik verbracht. Erst wusste sie davon nicht, dann aber fand sie ihre Aufgabe darin, sich um ihn zu kümmern. Sie war es, die ihn auch den richtigen Leuten vorstellte, und als er eine Einladung erhielt, Werke für den ersten Salon von Peggy Guggenheims neu eröffneter Galerie Art of This Century einzureichen, da wurde auch die Kunstszene auf Pollock aufmerksam.

Tritt man durch die schlichten weißen Holztüren des Nebeneingangs in einen kleinen Durchgang, so öffnet sich der Raum auf einmal in das weite Kirchenschiff mit burgunderroten Wänden, verziert mit goldenen Lilienmotiven. Der Gegensatz zwischen den strahlend weißen Außenmauern und dem ganz in Rot-Gold gehaltenen Innenraum ist überwältigend. Licht fällt durch die zehn bunten Fenster mit Glasmalereien, die eine relativ junge Ergänzung sind. Zwei wurden von den berühmten Tiffany Studios entworfen und 1900/01 eingebaut, die restlichen nach und nach von 1998 bis 2008 ergänzt. Es fällt schwer, sich die entschieden moderne Lee Krasner im opulenten Rahmen einer so traditionellen Kirche vorzustellen.

Nach einem Urlaub in den Hamptons auf Long Island beschloss das Paar 1944, aufs Land zu ziehen. Krasner hoffte, Pollock so auch von seiner Sucht zu befreien. Zuerst aber wollte sie heiraten, und Pollock willigte ein. Da Rituale ihn schon seit seiner Kindheit faszinierten, bestand er auf einer kirchlichen Trauung. Das war nicht einfach, da er Katholik war und sie Jüdin. Krasner fand schließlich einen liberalen Pastor in der Marble Collegiate Church, wahrscheinlich Dr. Norman Peale. Von 1932 bis 1984 war er dort Pastor und bekannt für seinen modernen Umgang mit Glaubensfragen. Peale schrieb insgesamt 46 Bücher und wirkte auch in Radio- und Fernsehsendungen mit. Ich gehe die 29th Street hinunter und stelle fest, dass sich hinter der Kirche ein brachliegendes Grundstück öffnet. Als ich einen Blick über den dunkelgrünen Bauzaun werfe, sehe ich das Empire State Building aufragen und muss lächeln.