05. Oktober 2019

Eine Vaseline-Landschaft, schwerelose Folie und farbige Glasscherben: Aus Alltagsmaterialien schafft Karla Black raumgreifende Skulpturen von einer fragilen Schönheit.

Von Schirn Magazin

Zarte Pastelltöne und Folien, Licht und Reflexionen verleihen ihnen trotz ihrer oft großen Formate etwas Schwereloses. Ihre Werke bewegen sich zwischen Installation, Malerei und Performance und haben letztlich den Anspruch, eigenständige Skulpturen zu sein. Die Schirn präsentiert neue Arbeiten der schottischen Künstlerin, die sie eigens für die Rotunde entwickelt.

Karla Black (*1972 in Alexandria, Schottland) lebt und arbeitet in Glasgow. 2011 vertrat sie Schottland auf der 54. Biennale von Venedig und wurde im selben Jahr für den Turner-Preis nominiert. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. in The Power Plant, Toronto (2018), der Scottish National Gallery of Modern Art, der Whitechapel Gallery, London, der 57. Biennale von Venedig (2017), im Centre Pompidou, Paris und in der Tate Britain, London (2012).

Karla Black installiert eine Vaseline-Landschaft in der Rotunde

Das Zentrum des Rundbaus nimmt die raumfüllende, transparente Skulptur „Conditions“ ein und belegt somit den direkten Durchgang durch den öffentlich zugänglichen Raum. Black installiert dort eine Vaseline-Landschaft. Farbige Glasscherben versehren die weiche Oberfläche der Masse, in der Farbpartikel und Spuren ihrer Fertigung sichtbar sind. Gehalten wird das Material von Zellophanfolie, die mit durchsichtigem Klebeband in sanfter Rundung wie eine Art Beutel angehoben wird und auf Höhe des Rotundenumgangs im ersten Obergeschoss befestigt ist.

Karla Black, Detail Looking Glass Number 5, 2019 © Karla Black, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne, Photo: Simon Vogel

Die filigrane und leichte Wirkung der Skulptur ist von den spezifischen Gegebenheiten des Ortes sowie der Einwirkung des Lichtes geprägt und steht geradezu im diametralen Widerspruch zur materiellen Präsenz der Vaseline. Mit dem Titel der Arbeit spielt Black auf klimatische wie auch konservatorische Bedingungen an, die den Zustand und das Material eines Kunstwerks unmittelbar beeinflussen.

Die Textur, „das Anfühlen“, ist für ihre Auswahl ausschlaggebend

Die Materialität von Skulptur ist ein zentrales Thema der Künstlerin. Black arbeitet mit klassischen skulpturalen Materialien ebenso wie mit Substanzen des täglichen Gebrauchs und der Kosmetik – mit Farbe, Gipspulver und transparentem Klebeband, mit Vaseline, Lippenstift und Nagellack. Die Textur, „das Anfühlen“, ist für ihre Auswahl ausschlaggebend. Ihre Skulpturen konzipiert die Künstlerin im Studio, installiert sie selbst und reagiert dabei auf die ortsspezifischen Gegebenheiten. Sie arbeitet mit den Händen, verreibt, schmiert, mischt.

Karla Black, The Rest Imposed, 2018 © Karla Black, Courtesy Capitain Petzel, Berlin / Galerie Gisela Capitain, Cologne, Photo: Jens Ziehe

Bei genauerer Betrachtung sind Spuren des kreativen Prozesses auf ihren Werken zu erkennen. Besonders deutlich werden diese künstlerischen Markierungen in der Schirn im ersten Rotundenumgang, auf dessen Glasscheiben Black mit Lippenstift, Lidschatten und anderen Farbmitteln Fingerabdrücke, Schlieren, Verwischungen anbringt. Diese Arbeiten kombiniert die Künstlerin mit weiteren Werken, in denen sie bemalten, farbigen Gazestoff, Glas und Spiegelflächen sowie Gold verwendet. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material versteht Black als Möglichkeit der Kommunikation und als Mittel für das Verständnis der sie umgebenden Welt.

Karla Black, Installation view at Galerie Gisela Capitain, Cologne, 2019 © Karla Black, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne, Photo: Simon Vogel
Karla Black, Doesn't Care In Words, Installation View at the Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead, 2011/12, Courtesy BALTIC & the artist © Karla Black, Photo: Collin Davison