16. November 2019

Doch Karla Black hat eine Nische gefunden: Mit Bodybutter, Puder und Vaseline erforscht die schottische Künstlerin die ganz eigenen Zustände von Alltagsmaterialien.

Von Katharina Cichosch

Zustände sichtbar zu machen, das hört man immer wieder, sei eine Qualität, die der Kunst innewohne. Davon handle sie, in ihren besten Momenten. Reden wir also von Zuständen – nicht den gesellschaftlichen, individuellen, etc. pp, sondern ganz wörtlich, denen der Materie. Und wie sie jeweils vorkommt: Aggregatszustände.

Hier gibt es tatsächlich einige ganz spezifische Aggregate, die in der Bildenden Kunst eher selten vorkommen, also quasi unsichtbar sind, obwohl sie uns im Alltag regelmäßig begegnen – flüssig nämlich, oder fachmännisch ausgedrückt: fluide. Und hier noch genauer: zähflüssig, in Form einer Emulsion zum Beispiel.

Was ist es, das bei Karla Black so anders ist?

Wenn man Karla Blacks Installationen betrachtet, dann fällt relativ schnell auf, dass irgendetwas anders ist. Das allein wäre schon einmal bemerkenswert – denn im multi-, polymöglichen Kunstbetrieb gibt es ja (zumindest auf den ersten Blick) wenig, was es nicht gibt. Manche Jahre mögen diese oder jene Materialien und Zusammenstellungen dominierend scheinen, doch generell gilt auch hier: Anything goes. Was ist es also, das bei Black über dieses „anything“ noch hinausweist? Die Tatsache, dass sie Alltagsmaterialien, und zwar im wörtlichen Sinne – Zellophanfolie, Kosmetika – verwendet? Sicherlich, aber auch das wäre noch kein Alleinstellungsmerkmal. Man müsste also spezifischer werden, noch genauer hinschauen, was jenes Haushaltsinventar im Einzelnen auszeichnet. 

KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel

Schon kommen Konnotationen in den Sinn, Merkmale, die den von ihr verwendeten Materialien gerne zugeschrieben werden. Es sind, könnte man sagen, ja ganz offenkundig feminin konnotierte Dinge wie Cremes, Nagellack et al. Und dann die Farben! Pastelle, Rosa, Zartgelb, Blau – auch diese werden zur Beweisführung herangezogen, es müsse sich hier also in irgendeiner Form um eine spezifisch weibliche Kunstproduktion handeln (oder ein Spiel damit). Doch: „Nennt meine Kunst nicht feminin!“, zitierte der britische Guardian eine Bitte von Karla Black. Muss man sich daranhalten?

Natürlich keinesfalls. Aber es ist eben doch manchmal lohnenswert, nicht aufs erste Symbolzugpferd aufzuspringen, das einem den Weg kreuzt. Wenn die Dinge allein noch Repräsentanten für dies und jenes sein sollen, dann werden sie ja gerade das irgendwann überhaupt nicht mehr, nämlich spezifisch verortbar, sondern nur mehr austauschbar und beliebig. 

Nennt meine Kunst nicht feminin!

Karla Black
KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel

Nebenbei ändern sich die Zuschreibungen schneller, als manchem lieb sein kann: Der Nagellack, auch schon Bestandteil einer Installation von Karla Black, war ja erst fehlgeleiteter Materialversuch in der Autolackproduktion, bevor er seinen Siegeszug auf den Nägeln seiner primär weiblichen Kundschaft antrat. Bleibt man also eine Weile eng beim Material, und nimmt man dann noch den Titel dieser Installation „CONDITIONS“ hinzu, dann kann einem plötzlich das Aggregat in den Sinn kommen – Vaseline zum Beispiel oder Bodybutter: so etwas sieht man doch in dieser ganz konkreten Form eher selten im Einsatz.

Nagel­lack war ursprünglich ein fehl­ge­lei­te­ter Ver­such in der Auto­lack­pro­duk­tion

Denn: Flüssige Materialien kommen in der Kunstproduktion natürlich ausgesprochen häufig vor, allerdings ist dieser Zustand eher vorübergehender Natur. Farben, Lacke, auch Ton: „All dies sind Beispiele für Suspensionen, bei denen sich die festen Bestandteile heterogen mit den flüssigen mischen,“ erklärt Robert Schallinger. In Verbindung mit Luft trocknen irgendwann, vereinfacht ausgedrückt, die flüssigen Bestandteile und lassen dann nur noch die festen zurück. Lösungsmittel spielen dabei oft auch eine Rolle.

KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel

Schallinger ist Fluidmechaniker und als solcher mein Ansprechpartner, der erklären soll, was die Stoffe in diesem Zustand auszeichnet. Denn: „Fluide sind keine Stoffgruppe. Fluid bezeichnet vielmehr einen Zustand, in dem sich ein Stoff zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ihn beschreibe, gerade befindet.“ Und dazu gehören, wissenschaftlich betrachtet, sowohl gasförmige als auch (in unserem allgemein verstandenen Sinne) flüssige Stoffe. „Fluide lassen sich zum Festkörper abgrenzen,“ ergänzt Schallinger.

Alles in der Welt ist eine Frage der Zeit und der Temperatur

Und es gibt selbstverständlich Kunstwerke, in denen zum Beispiel Duftstoffe (gasförmig!) oder Wasser eine wichtige Rolle spielen. Vaseline oder Bodybutter aber, – Materialien, wie sie Karla Black unter anderem auch in ihrer aktuellen Skulptur in der Schirn-Rotunde verwendet – sind Fluide ganz spezifischer Natur: Emulsionen, bei denen sich die einzelnen Bestandteile, Fett und Wasser, niemals ganz vermischen. Sich stattdessen mit ihren langen Molekülketten ineinander verhaken. Und deshalb auch, unter aktuell herrschenden Temperaturen und sonstigen physikalischen Verhältnissen, in diesem merkwürdig zähflüssigen Zustand verharren. Auch das, erklärt Schallinger, sei „wie alles in der Welt eine Frage der Zeit und der Temperatur.“

KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel
KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel

Dabei, erklärt der Fluidexperte, handele es sich bei Vaseline und Materialien ähnlicher Textur außerdem um sogenannte Bingham-Fluide: Die verhalten sich bis zu einer bestimmten Temperatur wie ein elastisches Festmedium, können also in gewissen Grenzen verformt und verschoben werden. Gleichzeitig ist das Ergebnis, die auf dem Boden verschmierte Vaseline beispielsweise, nicht wirklich fest, sondern, unter den gegebenen Parametern, weiterhin veränderbar.

Da wäre man also wieder bei den Zuständen, den, wie es bei Karla Black schon im Werktitel heißt, „CONDITIONS“. Wie fragil und zeitlich gebunden ein Werk, letztlich natürlich alle Materie ist, die uns umgibt, davon handelt Kunst immer wieder. Aber so geradezu selbst-definitorisch illustriert wird dieser Umstand selten: Die teils durch Farbpulver eingefärbten Vaseline- und Cremeflecken, die können ihren temporären Schwebezustand gar nicht erst verbergen.

KARLA BLACK, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Simon Vogel