19. Juli 2019

Lange war er nur Herrschenden als Thron vorbehalten. Nun begleitet der Stuhl uns täglich, ist Designobjekt und Kunstwerk zugleich. Das zeigt auch Künstler John M Armleder aktuell in der Schirn.

Von Jelena Pecic

Der Vorfahre des Stuhls, wie wir ihn heute kennen, – vier Beine und eine Lehne – ist der Thron. Lange war er nur Herrschenden vorbehalten: Pharaonen, Kaisern oder Königen. Doch mit dem Erstarken des Bürgertums im Spätmittelalter verbreitete sich das Sitzmöbel in Form von Bänken und Hockern rasant, gleichwohl Einzelstühle mit Lehne bis ins frühe 19. Jahrhundert Wohlstand und Macht ausdrückten. 

Der Einzug des Stuhls in immer mehr Haushalte brachte eine neue ästhetische Betrachtung eines Gegenstandes mit sich, der bis dahin nur zur häuslichen Grundausstattung gehörte. Um 1830 entwickelte Tischlermeister Michael Thonet eine Holzbiegetechnik, die ihm nicht nur zum Durchbruch in der industriellen Möbelfertigung verhalf, sondern ihn auch zu einem Pionier des Möbeldesigns machte. Seine Entwürfe waren schlicht, zerlegbar und vor allem erschwinglich. Das erfolgreichste Modell, der Wiener Kaffeehausstuhl, hat noch heute Ikonenstatus.

Der Stuhl wird zum Grundstein der Konzeptkunst

Mit der Gründung der Bauhausschule durch Walter Gropius 1919, wurde eine neue Ära modernen Möbeldesigns eingeleitet. Unter dem Leitspruch „form follows function“ wurden Kunst und Handwerk zu einer neuen Formensprache zusammengeführt. Ein bekanntes Beispiel ist der von der Firma Thonet vertriebene „Freischwinger“ aus gebogenem Stahlrohr, dessen Urheberschaft bis heute als ungeklärt gilt – in Frage kommen Mart Stam und Marcel Breuer, beide namhafte Architekten am Bauhaus. Egal ob zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rietvelds rotblauer Stuhl, der wie ein Wirklichkeit gewordenes Gemälde von Kandinsky aussieht, oder der 2004 von Konstantin Grcic vorgestellte „Chair One“, dessen stählerne Sitzschale in Waben-Optik auf einem Betonkegel an eine kubistische Skulptur erinnert – Stuhldesign bewegt sich oft auf einem schmalen Grat zwischen Kunst- und Nutzobjekt. 

Thonet, Design Marcel Breuer, Freischwinger, 1931, Image via www.thonet.de

Gerrit Rietveld, Cassina Red-Blue Chair, 1918, Image via WikiCommons

Mit dem Aufblühen der Konzeptkunst in den 1960er Jahren wurden Alltagsgegenstände mit neuer Bedeutung aufgeladen, indem sie aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und ihrer eigentlichen Funktion enthoben wurden – so auch der Stuhl. 1965 setzte sich Joseph Kosuth, der das Sitzmöbel zum Gegenstand eines der zentralsten Werke der Konzeptkunst machte, mit seiner Gegenständlichkeit auseinander.

Bei seinem Werk „One and Three Chairs“ sehen die Betrachter einen tatsächlichen Stuhl, eine lebensgroße Fotografie dieses Stuhls an der Wand und den abgedruckten Lexikoneintrag zum Begriff „Stuhl“. Kosuth hinterfragt so das Verhältnis von Original und Abbild sowie die Beziehung zwischen Kunst und Sprache. Auch Yoko Ono verlieh Alltagsgegenständen eine neue Bedeutung, als sie sagte: „Artists must not create more objects, the world is full of everything it needs.” In ihrem „Chair Painting“ (1966-71) verschmilzt die Kunst in Form des goldenen Rahmens mit dem Alltag, der durch einen Stuhl symbolisiert wird. 

Artists must not create more objects, the world is full of ever­y­thing it needs.

Yoko Ono

Joseph Kosuth, One and Three Chairs, 1965, Image via www.moma.org

So zeigt sie, dass sich ein Kunstwerk nicht nur über die ihm vorangegangene Arbeit, dessen Medien oder Materialien definiert, sondern vor allem über die ihm zugrundeliegenden Fragen und Ideen, die es beim Betrachter aufwirft. Als John M Armleder 1979 erstmals eine Gouache auf einen Stuhl malte, legte er damit den Grundstein für seine „Furniture Sculptures“.

Immer mehr seiner abstrakten Werke, vor allem geometrische Malerei, entstanden in den darauffolgenden Jahren nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf gefundenen oder benutzten Möbeln. Sie spiegeln sein Konzept der Kombinatorik: von klassischen künstlerischen Medien mit Alltags- und Nutzgegenständen, überlagernden Zeichen und der Vermischung verschiedener Kontexte, in die zusätzlich der Betrachter eingebunden wird. 

Yoko Ono, Chair Painting, 1966-1996, Courtesy the artist und Galerie Lelong & Co., Image via cloudinary.com

JOHN M ARMLEDER. CA.CA., Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz

Armleder verbindet Kunst und Alltag, macht die Gegenstände weder trivialer noch wichtiger als sie sind, sondern möchte vor allem eines: Denkmuster und Sehgewohnheiten hinterfragen. Dabei sind es immer wieder Stühle, die entweder als Leinwand zu einem räumlich begrenzten Kunstwerk oder, als Zitat des Readymade, unbearbeitet und auch mal zuhauf in einem Regal präsentiert werden.

Armleder hinterfragt unsere Denkmuster indem er Kunst und Alltag verbindet

In seiner aktuellen Ausstellung in der Schirn sehen wir den „Egg Chair“ von Arne Jacobsen, der in Kombination mit Malerei zur „Furniture Sculpture“ wird. Für Armleder ist die Dreierbeziehung zwischen Werk, Ort und Betrachter eines der zentralsten Elemente seiner Kunst. Erst in dieser Kombination entfaltet sich die Bedeutung eines Werkes. Er ist an der Erstellung von Neuem ebenso interessiert wie an der Beziehung zu Existierendem in Form alltäglicher Objekte. Steht man vor dem einladenden „Egg Chair“ in der Schirn, kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie oft sich schon jemand in das Werk reingesetzt hat. Armleder hätte wahrscheinlich nichts dagegen.

John M Armleder, Furniture Sculpture, Image via www.swissinstitute.net