25. September 2019

Mit ihren monumentalen Wandteppichen schuf sie ein eindrucksvolles, politisch motiviertes Werk. Doch wie lebte Hannah Ryggen eigentlich und was macht ihre Arbeiten heute so relevant und aktuell?

Von Rudolf Schmitz (Text), Anna Kubin und Isaak Dent­ler (Sprecher)

Das Audio-Feature führt in fünf Kapi­teln in den künst­le­ri­schen Kosmos Hannah Ryggens und die histo­ri­schen Zusam­men­hänge ein. Das Feature wird von Anna Kubin und Isaak Dent­ler, Ensem­ble-Mitglie­der am Schau­spiel Frank­furt, gespro­chen. Eine kurze Kapitelvorschau:

Wie alles begann

Die 1894 im schwedischen Malmö geborene Künstlerin Hannah Ryggen stammt aus einer klassischen Arbeiterfamilie, ihre Mutter ist Hausangestellte, ihr Vater Seemann und Werksarbeiter. Hannah Jönsson, wie sie damals noch heißt, wird Grundschullehrerin, doch sie hadert mit ihrem Beruf. Ab 1916 nimmt sie Abendunterricht bei dem deutsch-dänischen Maler Fredrik Krebs. Ihre Herkunft aber vergisst sie nicht. 

Politisches Zeitgeschehen

Die Weltnachrichten erreichen auch das abgelegene Ørlandet, wo die Künstlerin Hannah Ryggen lebt. Als Benito Mussolini am 2. Oktober 1935 in Abessinien, das heutige Äthiopien, einrückt, nach vergeblichem Appell des Kaisers Haile Selassie an den Völkerbund, ist Ryggen zutiefst empört. Sie reagiert mit einem Teppich, der als entschiedene Solidaritätsbekundung verstanden werden kann: In der rechten oberen Ecke lässt sie einen Äthiopier seinen Speer durch Mussolinis Kopf stoßen.

Eine andere Moderne

„Es wird gepredigt, dass Kunst nicht figurativ sein soll. Was ist denn ein Theater mit leerer Bühne?“ So kommentiert Hannah Ryggen in den späten 1960er Jahren die Neuauflage einer Diskussion, die schon die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts bestimmt hat: Ist Abstraktion die fortschrittliche Sprache der Avantgarde oder hat auch die Gegenständlichkeit ihre Berechtigung und ihren Wert? 

Frauenbilder

Das Nachdenken über ihre Rolle als Frau, als Mutter, als Künstlerin in einer Männerdomäne hat sie stets begleitet. Vor allem das Thema der Mutterschaft fasziniert Hannah Ryggen, gerade weil die Beziehung zu ihrer Tochter Mona nicht einfach war. In der Pubertät erlitt sie ihren ersten epileptischen Anfall, der als solcher nicht erkannt und deshalb von den Ärzten falsch behandelt wurde. Monas Gesundheitszustand bot ständigen Anlass zur Sorge.

Wir leben auf einem Stern

Wie stellt sich Hannah Ryggen das gesellschaftliche Zusammenleben vor, die Hierarchien, von denen die Gesellschaft beherrscht wird, die Versuche, aus dieser Ordnung auszubrechen und etwas Neues zu schaffen? Aufschlussreich ist da ihr Stilmittel der Fragmentierung. Wer in der Gesellschaft kaum zur Erscheinung kommt, unsichtbar ist, zur arbeitenden Bevölkerung gehört, der kommt als „Grauer“ vor, als grauer Kopf.