20. März 2019

Babys vom Fließband? Gibt's nur bei Bruno Gironcoli. Aber wir kennen noch ganz andere Kunst-Maschinenmenschen.

Von Katharina Knacker

„Prototypen“ nannte Gironcoli seine monumentalen Skulpturen, die er seit 1977 in seinem Spätwerk schuf. Er nutzte hier einen Begriff, den er aus dem Bereich der Technik entlehnt hatte. Ein Prototyp ist im Normalfall das erste Modell eines neuen Produktes, an welchem man Funktionsfähigkeit und Design prüft. In Gironcolis „Prototypen“ sind neben technischen jedoch auch menschliche und amorphe Formen vertreten.

Werfen wir einen Blick zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts, mitten in das Industriezeitalter, welches durch die vorangegangene Erfindung der Dampfmaschine die Arbeits- und Lebenswelt grundlegend veränderte. Zu dieser Zeit nannte sich eine Gruppe junger italienischer Künstler Futuristen. In ihrer Kunst und in ihren Schriften glorifizierten sie den Motor und die dadurch entstehende schnelle Fortbewegung.

Der Mensch selbst wird zum Produkt der Bewe­gung

In dem Werk „Formeneinheit von Bewegung im Raum“ (1913) des Futuristen Umberto Boccioni, ist unweigerlich eine schreitende Figur zu erkennen. Trotzdem sind die einzelnen Formen aufgebrochen und haben kantige Elemente erhalten, die keine individuellen, menschlichen Züge tragen, sondern viel eher technisch wirken. Berauscht von der Geschwindigkeit der neuen Maschinen wird hier der laufende Mensch selbst zu einem Produkt der Bewegung. Boccionis Figur ist aus Bronze gefertigt und ähnelt dadurch von der Oberflächenbeschaffenheit Gironcolis „Prototypen“. 

Umberto Boccioni, Formen­ein­heit von Bewe­gung im Raum, 1913, via WikiCommons

Der Schaffensprozess bei Gironcoli ist jedoch ein völlig anderer, seine Großskulpturen sind in der Regel aus vielen unterschiedlichen Materialien zusammengebaut und bekommen dann eine Art Überzug aus sogenannter Ofenblitzfarbe, der sie wie eine gegossene Form erscheinen lässt.

Aus unterschiedlichen addierten Materialien besteht auch der „Geist unserer Zeit (Mechanische Kopf)“ (1919) des Künstlers Raoul Hausmann. Hausmann, der zur Gruppe der Dadaisten gehörte, schuf dieses Werk ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Dada-Künstler sahen ihre Kunst als eine Anti-Kunst, mit der sie die bürgerlichen Werte von Kunst untergruben. Der Grundbestandteil von Hausmanns Skulptur ist ein handwerklich gedrechselter Kopf eines Perückenmachers mit angeschraubten technischen Apparaten, wie einem ausziehbaren Reisebecher auf dem Kopf oder einem Teil eines Fotoapparates. Die Stirn wird von einem Zentimetermaß vermessen und mit einem Stück Pappe mit der Zahl 22 bekrönt. 

Raoul Hausmann, Der Geist der neuen Zeit (Mechanischer Kopf), 1919, Image via www.historygraphicdesign.com

BRUNO GIRONCOLI. PROTOTYPEN EINER NEUEN SPEZIES

Ausstellungstrailer von Sucuk und Bratwurst und Robert Dietz

Mit dem Titel „Geist unserer Zeit“ weißt Hausmann darauf hin, dass der Kopf als Symbol für die Verschmelzung von Mensch und den damaligen technischen Errungenschaften stehen kann. In jedem Zeitalter muss sich die Menschheit mit neuen technischen Erfindungen und ihren Folgen auseinandersetzen. Seit jeher hat der Mensch seine Fähigkeiten durch Werkzeuge zu optimieren gesucht. Jede Epoche war geprägt von der Erfindung neuer Maschinen. Vor dem Industriezeitalter waren es zum Beispiel das Uhrwerk oder hydraulische Techniken. Und lange Zeit gab es die Theorie, dass lediglich die Denk- und Empfindungsfähigkeit des Körpers den Mensch von der Maschine unterscheide.

Brüste und Taille erinnern an das unnatürliche Ideal einer Barbie­puppe

Seit der Erfindung des Computers müssen wir jedoch auch diese Unterscheidung in Frage stellen. Gegenwärtig leben wir durch die zunehmende Digitalisierung im Informationszeitalter. Aus dieser Zeit stammen auch die Skulpturen der Künstlerin Lee Bul. Mit dem Titel ihrer Serie „Cyborgs“ (1997–2011) stellt Bul klar, dass es sich hierbei nicht um die Darstellung von Robotern handelt, sondern um Abbilder von Menschen, die dauerhaft mit Maschinen ausgestattet wurden. 

Lee Bul, Cyborg W1, 1998, Image via blogspot.com

Lee Bul, Cyborg Red and Cyborg Blue, 1997-98, Image via blogspot.com

Bei ihren Skulpturen ist durch in den Körper führende Schläuche erkennbar, dass es sich um Mischwesen zwischen Maschine und Mensch, eben Cyborgs, handeln soll. Sie wecken eindeutige Assoziationen mit weiblichen Figuren, die großen Brüste und schmale Taille erinnern an das unnatürliche Schönheitsideal einer Barbiepuppe. Gleichzeitig bleibt der Körper fragmentiert, Gliedmaßen und sogar der Kopf fehlen. Diese drei Schlaglichter führen zurück zu Gironcoli, dessen Skulpturen in der Zeit des Überganges vom Industrie- zum Informationszeitalter geschaffen wurden.

Bei seinen „Prototypen“ wird der Mensch weder zum Fortbewegungsmotor (Boccioni), noch verschmilzt er mit dem technischen Apparat (Hausmann) oder mit dem Computer (Bul), vielmehr scheinen hier die Maschinen kleine Menschen zu produzieren. Die Schöpfung wird bei Gironcoli gewissermaßen umgedreht: Nicht der Mensch ist Erfinder der Technik, sondern die Maschine bringt einen neuen Menschen hervor.

 

BRUNO GIRONCOLI. PROTOTYPEN EINER NEUEN SPEZIES, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz
BRUNO GIRONCOLI. PROTOTYPEN EINER NEUEN SPEZIES, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz
BRUNO GIRONCOLI. PROTOTYPEN EINER NEUEN SPEZIES, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz