10. Oktober 2018

Verführerisch in Gold, Bronze und Kupfer. Im Frühjahr 2019 kommen die monumentalen Skulpturen des exzentrischen Künstlers Bruno Gironcoli in die SCHIRN. Kuratorin Martina Weinhart hat sie vorab in der Steiermark besucht.

Von Martina Weinhart

Wer jemals den ebenso fantastischen wie monumentalen Skulpturen des österreichischen Exzentrikers Bruno Gironcoli begegnet ist, den lassen sie so leicht nicht mehr los. Zumindest mir ist es so ergangen. Imposant und irritierend sind sie. Verführerisch kommen sie daher, in Gold, Bronze oder Kupfer, bieten glatte, glänzende Oberflächen an. „Broschen“ hat Gironcoli sie auch genannt, der seine künstlerische Laufbahn mit einer Ausbildung zum Goldschmied angefangen hat. Eine etwas rätselhafte Bezeichnung, die man kaum mit ihrer monumentalen Größe zusammenbringt.

Einem Theater des Absurden oder einer surrealen Traumwelt entsprungen, erscheinen diese gigantischen Objekte wie Prototypen einer neuen Spezies. „Riesenspielzeuge“ wurden sie auch einmal genannt, das scheint eher zu passen. Fremdartig und doch irgendwie vertraut erscheinen sie mit ihren organischen Formen und den Versatzstücken einer Alltagskultur, die sich häufig am Lokalen orientiert: Bald glaubt man ein Weinfass zu erkennen, eine Ähre, eine Weinrebe. Dann wieder inszeniert Gironcoli einen seltsamen Aufmarsch von Säuglingen oder eine imposante Ameisenartige Skulptur. Gironcoli hat auch gesagt: „Das Zeichenhafte ist der Sex der Plastik.“ Rätselhaft bleiben die Objekte in jedem Fall und geben mir als Betrachterin genügend Raum, immer wieder neue Formen und Bedeutungen zu entdecken.

In der zeitgenössischen Kunst gibt es wenig Vergleichbares. Geht man allerdings durch Wien, wie ich dieser Tage, dann fällt immer wieder aus dem Werk Vertrautes ins Auge. Das Gold allemal, ohne das ist das imperiale Wien kaum vorstellbar. 

Bruno Gironcoli, Installationsansicht, 2018, Foto: Hans Christian Krass

Das Zeichenhafte ist der Sex der Plastik.

Bruno Gironcoli
Bruno Gironcoli, Figur mit großen Scheibenformen und Spitzköpfen sowie zwei (nicht ausgeführten) Spiralformen, 1986-1990 / 1995, Detailansicht, Foto: Hans Christian Krass

Überall blitzt es in den Prunkräumen, den barocken Kirchen, der Stadtbahn von Otto Wagner, der goldenen Jugendstilkuppel der Secession. Auch den in der Moderne sonst so verpönten Schnörkel hat sich Gironcoli hier ausgeliehen. Überhaupt – Kitsch – er hat keine Berührungsangst mit dieser Sprache. Blasphemisch geht der Individualist Gironcoli mit der Moderne um.

Eine Ästhetik der Opulenz, die immer neue Wucherungen und Schnörkel ausbildet

In Österreich ist er eine Institution, ein Künstler, den fast jeder kennt. Gironcolis Ästhetik der Maßlosigkeit und der Opulenz, die immer neue Wucherungen und Schnörkel ausbildet, hat unzählige jüngere Künstler inspiriert. Seit 1977 bis 2004 hatte er als Nachfolger von Fritz Wotruba die Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste in Wien geleitet. Er war der Lehrer von Franz West, Hans Schabus oder Ugo Rondinone. Er wurde mit dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, hat auf den Biennalen von São Paulo und Venedig ausgestellt und wurde immer wieder in großen Ausstellungen in Wien präsentiert. Trotz alledem ist er im Ausland und somit auch in Deutschland wenig bekannt.

Bruno Gironcoli, Installationsansicht, 2018, Foto: Martina Weinhart

Ein gewichtiger Grund liegt dabei sicher in der schieren Größe dieser seit 1977 entstandenen Werke. Mit seiner Ernennung zum Professor konnte Gironcoli gleichzeitig über mehr als nur großzügige Räumlichkeiten in den Bildhauerateliers im Wiener Prater verfügen. Diese Konstellation machte ihn unabhängig vom Kunstmarkt und so konnten seine Werke versteckt in Wiens größtem Park buchstäblich ins Unermessliche wuchern. Nur schwer trennte er sich von ihnen, wenn Ausstellungen anstanden. Immer wieder wurden sie umgebaut, Versatzstücke verwendet. Glaubt man den Berichten, zwangen sie den Besucher zu Kletterübungen, wobei die Enge nur den Blick auf Details erlaubte.

Eine einzigartige Werkreihe aus Prototypen und Riesenspielzeugen

Auch wenn es Skulpturen sind, also zu dem in der Kunst wohl materialreichsten Disziplinen gehören, ist dieses Werk niemals statisch. Diesen Eindruck sieht man ihnen heute immer noch an, auch wenn seit Gironcolis Tod 2010 niemand mehr an ihnen weiterarbeitet. Für die Ausstellung in der Schirn haben wir genau diese Werkgruppe ausgesucht, eben weil sie so einzigartig ist.

Bruno Gironcoli, Installationsansicht, 2018, Foto: Hans Christian Krass
Bruno Gironcoli, Ohne Titel, 1996, Foto: Hans Christian Krass
Bruno Gironcoli, Figur mit großen Scheibenformen und Spitzköpfen sowie zwei (nicht ausgeführten) Spiralformen, 1986-1990 / 1995, Foto: Hans Christian Krass

Als Kuratorin kriegt man kurz das Fürchten, wenn man von den Legenden um die Logistik einer solchen Unternehmung hört. Von Tiefladern ist da die Rede, von Mauern, die eingerissen werden mussten, um die Arbeiten in ein Museum zu bringen. Tatsächlich ist das in Budapest geschehen. Zum Trost fährt man nach Herberstein bei Graz. Dort wurde ein ganzes Museum gebaut, um diese gigantischen Arbeiten unterzubringen. Zwischen Tierpark und verträumten Schloss, führt es eine etwas verschlafene Existenz. Hier leben Gironcolis Prototypen, organische Maschinen, Riesenspielzeuge, wie immer man sie nennen will, bevor sie im Frühjahr nach Frankfurt wandern.

Bruno Gironcoli, Installationsansicht (Detail), 2018 Foto: Martina Weinhart