11. Mai 2019

Schonmal mit einem Wolf getanzt? Künstlerduo Djurberg & Berg machen es mit ihrer ersten Virtual Reality Arbeit möglich. Sie sind Teil einer jungen Künstlergeneration, die auf vielfältige Weise mit VR experimentiert.

Von Kathi Kæppel

Der Wunsch, einen von unserer Phantasie geschaffenen Raum, einen virtuellen Kosmos, zu betreten, ist sehr alt. Er wurde wahrscheinlich mit unseren Träumen von einer besseren Welt geboren. Heute scheint die virtuelle Realität überall zu sein. Wir sehen Filme mit einer 3D-Brille. Wir erkunden 3D-Karten aller großen Städte mit unseren Smartphones. Und wir spielen Spiele mit Head-Mounted Displays (HMD).

Die technische Entwicklung von sogenannten „VR-Arbeiten“ (engl. „Virtual-Reality”) seit der Erfindung des HMDs und dessen Durchdringung des Consumer-Marktes in den letzten Jahren hat das bewegte Bild grundlegend verändert. Auch Künstlerinnen und Künstler experimentieren mit den Möglichkeiten und Grenzen von Virtual Reality. Insbesondere die jüngere Generation, wie Petra Cortright, Adham Faramawy, Lawrence Lek oder Jordan Wolfson, um nur einige zu nennen, nutzt VR ganz selbstverständlich neben traditionellen Medien als „Tool“.

Die Entwick­lun­gen sind aufre­gend und rasant

2017 präsentierten die Online-Kunstinstitution Rhizome und das New Museum in NYC eine VR-Ausstellung in Form einer freien App „First Look: Artists’ VR“. Vertreten waren Peter Burr und Porpentine Charity Heartscape, Jeremy Couillard, Jayson Musson, Jon Rafman, Rachel Rossin und Jacolby Satterwhite, deren Arbeiten eigens für die Ausstellung geschaffen wurden. 2018 eröffnete in London die Zabludowicz Collection mit „360“ die erste permanente Virtual Reality-Galerie. Und der „curatorial and research hub“ Acute Art, wie dieser sich selbst nennt, realisiert Werke namhafter Künstler in VR, AR (Augmented Reality) und MR (Mixed Reality). 

 

Adham Faramawy, Sparkling Life, Pure Water, Healthy World, production still, 2014, Courtesy the artist, Image via www.adhamfaramawy.com

Nathalie Djurberg & Hans Berg, video excerpt from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist

So auch Nathalie Djurbergs und Hans Bergs Arbeit „It will End In Stars“, die noch bis 26. Mai 2019 in der Schirn zu sehen ist. Die Entwicklungen sind aufregend und rasant. Im Gegensatz zu Computerspielen, wo wir immer schon aus der physischen in eine künstliche Welt wechseln mussten, um Erfahrungen zu sammeln, ist dies in der Kunst relativ neu. Kunst war lange Zeit – ob Malerei, Plastik oder später Installation – eng mit dem physischen Raum verbunden.

Bei VR-Arbeiten ist dies anders. Die physische Welt verblasst. Die Einwirkungen der Aussenwelt werden ausgeschlossen. Raum und Zeit werden zu einer manipulierbaren Variablen. Als Rezipient betreten, betrachten und erfahren wir das virtuelle Werk ganz individuell. An Points of interest (POI) werden wir zu Interaktionen provoziert, die wir mit Motion Controllern ausführen können. Ähnlich einer Installation im physischen Raum können wir entscheiden, wann und wie lange wir etwas betrachten möchten. Aber was genau kennzeichnet eine Erfahrung in der virtuellen Realität? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Nüchtern betrachtet bedeutet das Wort „virtuell“, „fähig zu wirken, möglich“. Eine virtuelle Realität ist damit weder eine neue Erfindung, noch an digitale Technologien gebunden. 

Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist
NATHALIE DJURBERG & HANS BERG. A JOURNEY THROUGH MUD AND CONFUSION WITH SMALL GLIMPSES OF AIR, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2019, Foto: Norbert Miguletz

Sie meint viel eher die Vorstellungskraft, die auf der Wahrnehmung basiert. Sie ist keine Utopie, sondern eine Idee, die Möglichkeiten eröffnet und im Dialog mit der Wirklichkeit entsteht. In der VR-Arbeit It will End in Stars werden Nathalie Djurbergs charakteristische Skulpturen, ihre Texte und der Soundtrack von Hans Berg in das neue Medium transferiert. Die Arbeit startet in einem tiefen Wald. Die Darstellung ist schwarz-weiß und erinnert an Djurbergs frühe Kohleanimationen, wie „My Name is Mud“. Man betritt eine Lichtung, dann eine kleine Holzhütte. Der Wolf, das personifizierte Böse aus dem Märchen, sitzt im Inneren der Hütte vor einem glühenden Feuer. Er führt Selbstgespräche. Um ihn sind verschiedene Gegenstände symbolträchtig wie in einem Stillleben platziert. Ein Totenschädel. Ein Pegasus. Ein Grammophon. 

Gibt man ihm eine Schachtel Zigaretten, bittet er flehend um Feuer. Ist man nicht schnell genug, schleudert er die Zigaretten wütend zurück auf ihren Platz. Findet man einen der Points of Interest, wird die düstere Animation mit pastellfarbenen, kaleidoskopartigen Loops unterbrochen. Handgeschriebener Text hängt fragmentarisch in der Luft. Er vermittelt die Gedanken des Wolfes, der auf die Blicke und Bewegungen des Interagierenden reagiert.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, My Name is Mud, 2003 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist
Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist

Forciert durch den ungewohnten Betrachtungsapparat verspürt man ein Unbehangen, ist überfordert mit der Situation, fühlt sich wie ein Voyeur, ist peinlich berührt. Und das ist in Ordnung. Denn genau darin liegt das Ziel aller Arbeiten von Djurberg und Berg. Sie erreichen die Rezipienten ihrer Arbeiten ganz tief im Inneren. Provozieren, bohren sich respektlos in ihre Gedanken, führen Grausamkeiten vor und lassen einen dann allein.

Man mag bei VR-Erfahrungen aktuell vielleicht noch die mangelnde Integration der Sinne und der körperlichen Bewegung kritisieren. Aber gerade in dieser Beschneidung der Sinne und im dadurch gestörten Gleichgewichtssinn liegt die Stärke dieser Arbeit. Orientierungslosigkeit. Erschütterung. Unsicherheit - körperlich und mental. Bis zur Übelkeit. Bis zum Sog durch die Beine der Zyklopin. Das Weltall als freundliche Geste. Die Wirklichkeit und die virtuelle Realität werden sich weiterhin stetig annähern, ineinander greifen, verschmelzen und irgendwann hinterfragen wir nicht mehr, ob wir uns hier oder dort befinden, sondern wie selbstverständlich wir manches hier und manches dort tun. 

Nathalie Djurberg & Hans Berg, video excerpt from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist
Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist

Im Fall von Djurbergs und Bergs Werk wäre die totale Immersion erreicht, wenn wir Djurbergs Plastiken auch haptisch erleben, riechen, uns an den Oberflächen reiben, die Wesen begrapschen, mit ihnen diskutieren oder sich uns schützend vor sie stellen könnten. Das besondere an ihrem Werk ist jedoch, dass wir eine Immersion nicht allein in der VR-Arbeit „It will End In Stars“ erfahren, sondern ebenso inmitten ihrer emphatischen Installationen aus Projektion, Skulptur, Ton, Licht und in der Gesamtarchitektur der Ausstellungsräume.

NATHALIE DJURBERG & HANS BERG. A JOURNEY THROUGH MUD AND CONFUSION WITH SMALL GLIMPSES OF AIR, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2019, Foto: Norbert Miguletz