09. Mai 2019

Harmloses Kinderspielzeug, Mörderpuppe oder Fetischobjekt? Das Künstlerduo DJURBERG & BERG schafft mit ihren Figuren schockierende Realitäten und greift damit auf eine lange Tradition zurück.

Von Gislind Köhler

Ob blond, brünett, schwarz, rot, hell, dunkel, groß, klein, beweglich, steif, selbstgemacht, industriell produziert, aus Holz, Stoff oder Plastik, neu wie alt erwachen sie täglich zu neuem Leben: Puppen. In unzähligen Varianten verzaubern sie im Rollenspiel der Kinder, als ästhetisches Objekt der Kunst, im Theater oder am Screen durch ihr Potenzial, im Spiel in eine neue Realität abzutauchen – wie auch in den Animationen von Nathalie Djurberg und Hans Berg zu beobachten ist.

Die Puppe als Kulturgut existiert seit Menschheitsgedenken. Erste Funde wurden in Gräbern aus der Zeit um 3000 bis 2000 v. Chr. entdeckt, doch hat sich ihre Funktion und Bedeutung im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt. Durch ihren hohen Symbolwert als Stellvertreter oder Ebenbilder des Menschen wurden Puppen zunächst vor allem als magische Objekte für kultische und religiöse Zwecke, bei Ritualen oder zur Heilung eingesetzt. Abbilder von Dienstboten wurden so z.B. in die Gräber ihrer Herren gelegt um sie auch nach deren Tod zu umsorgen. Obwohl schon in der Antike Puppen aus Alabaster für Kinder Wohlhabender bekannt sind, wurden sie nicht als Spielzeug im heutigen Sinn eingesetzt, sondern galten überwiegend als Idole oder Prestigeobjekte, hergestellt aus teuren Materialien und bekleidet mit wertvollen Stoffen.

Anfangs sollten Puppen den Mädchen als Vorbild dienen

Im 15. Jahrhundert setzte in Europa die gewerbliche Produktion von Puppen als Spielzeug ein. Oft mit zarten Porzellangesichtern bestückt ähnelten sie anfangs noch Erwachsenen und sollten besonders den Mädchen als Vorbild einer guten Ehefrau und Mutter dienen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts entstanden – verbunden mit einem neuen Blick auf den Begriff der Kindheit – die sogenannten Charakterpuppen, die ein weites Spektrum kindlicher Mimiken präsentierten. 

Antike Puppen aus Griechenland, Image via WikiCommons
Nathalie Djurberg und Hans Berg, The Parade of Rituals and Stereotypes, 2012 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Bespielbare Puppen aus robustem Material entstanden. Bald begannen sich Puppen durch den Einsatz von Hydraulik zu bewegen. Neue Materialien wie Gummi und Plastik wurden verwendet, 1959 eroberte die Barbie den Markt und Puppen wurden endgültig zum Massenprodukt. Trotz zahlreicher Konkurrenz ist die Puppe heutzutage immer noch eines der bedeutendsten Spielzeuge weltweit und in beinahe jedem Kinderzimmer zu finden. Allerdings hat ihre Bedeutung als Kult- oder Fetischobjekt nichts an Relevanz verloren. Durch ihre anthropomorphe Gestalt übt sie eine immense Anziehung aus, was auch in der Kunst zu beobachten ist, wo unterschiedliche Zugriffe auf das Motiv der Puppe zu erkennen sind. 

Barbiepuppe, Image via WikiCommons

Als Surrogat und Projektionsfläche verkörpern Puppen Ideale, Erwartungen, Ängste, geheime Wünsche, Leidenschaften oder Konflikte. Sie sind ein vermeintliches Gegenüber, ein Anderes. Multiple Identitäten und Erwartungen werden auf die zumeist typisierten Objekte projiziert, wodurch sie immer auch das eigene Ich spiegeln. „Nach den logi­schen Geset­zen einer Traum­welt ist sie ein viel­fäl­ti­ges Gegen­über, ist sie Spie­ge­lung, Wunsch­bild, Ersatz oder Projek­tion einer ande­ren Wirk­lich­keit“, beschreibt es Barbara Krafft in ihrem Buch „Traumwelt der Puppen“.

Unterschiedliche Menschenbilder, Identitäten, Fragen nach Repräsentation, Simulation oder der Glaubwürdigkeit des Menschen und ihrer Verortung werden durch die Übertragung auf die Puppe oder das Spiel mit ihr ausgelebt, kennengelernt und versinnbildlicht. Dies ist besonders augenscheinlich bei einer Vielzahl künstlerischer Positionen der Moderne. Man denke an Hans Bellmers fragmentierte Puppenkörper oder Max Ernsts Maschinenfrau. „Die Puppe folgt meiner Laune, meiner Eingebung, meiner Begeisterung, all ihre Bewegungen entspringen den Gedanken, die mir einfallen, und den Worten, die ich ihr in den Mund lege...sie ist Ich, mit einem Wort, sie ist ein Wesen, keine Puppe“, so die Schriftstellerin George Sand.

Die Puppe folgt meiner Laune, meiner Einge­bung, meiner Begeis­te­rung, all ihre Bewe­gun­gen entsprin­gen den Gedan­ken, die mir einfal­len [...].

George Sand
Hans Bellmer, Demi Poupée, 1971, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011, Foto: Norbert Miguletz

Durch die Projektionsmöglichkeit ist die Puppe immer auch mit der Spannung und dem irritierenden Potenzial einer vermeintlichen Emanzipation und Eigenständigkeit verbunden. Einer magischen Kraft, die aus der Vorstellung ihrer Verlebendigung resultiert und exemplarisch bei E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ vorgeführt wird. Hier verliebt sich Nathanael durch seine Projektion in Olimpia, in der er statt einer automatisierten Holzpuppe eine idealisierte Schönheit erkennt. Oder bei Chucky der Mörderpuppe, wo die „Good-Guy Puppe“ durch den Geist des Massenmörders Charles Lee Ray aufgefüllt wird und ein unheimliches Spiel beginnt.

Nathalie Djurbergs expressive Puppen aus Plastilin, Textil und Kunsthaar erinnern an scheinbar unschuldige Figuren. Doch werden die zunächst harmlos wirkenden Protagonisten durch die Inhalte der Videos und die sie dort umgebenen Welten kontrastiert. Die Puppenfiguren erleben abgründige Szenen und wirken dadurch seltsam, abstoßend, instabil und faszinierend zugleich. Die Künstlerin streift die Masken von Anstand und Höflichkeit ab, um ihren wilden Fantasien und Alpträumen freien Lauf zu lassen und Neues auszutesten. Zwangsvorstellungen und Sehnsüchte spiegeln sich in ihrem gemeinsamen Werk mit Hans Berg wider, sowie unüberwindbare Obsessionen, Tabus und sexuelle Fantasien.

Chucky – Die Mörderpuppe, Image via comic.highlightzone.de

Nathalie Djurberg und Hans Berg, The Parade of Rituals and Stereotypes, 2012 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Figuren führen menschliche Ängste vor dem Abgründigen und Unbekannten auf unmittelbare, verstörende und beunruhigende Weise vor und konfrontieren die Zuschauer mit einem breiten und komplexen Emotionsspektrum innerhalb oft begrenzter Handlungsräume, die gleichzeitig mit einem gewissen Grad an Humor gefüllt sind. Als Betrachterin kann man sich ihnen nur schwer entziehen. Die Puppen zeigen Wege ins menschliche Unterbewusstsein auf und wandern, laut der Kuratorin Tina Teufel, „auf dem schmalen Grat der Ambiguität zwischen Gut und Böse“.

Handlungsebenen verschmelzen, aus Opfern werden Täter. Die Figuren sind einer ständigen Transformation unterzogen, was durch die minimalen Brüche der etwas holprigen Stop-Motion Ästhetik unterstützt wird und sich zudem auf der inhaltlichen Ebene ausbreitet. Sie scheinen ein Eigenleben zu führen in ihrer neuen, eigens geschaffenen, auch fantastischen Welt an der Grenze zwischen Realität und Fantasie, Natur und Artefakt. 

auf dem schma­len Grat der Ambi­gui­tät zwischen Gut und Böse.

Tina Teufel
Nathalie Djurberg & Hans Berg, Untitled (Acid), 2010 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Obwohl damit eine gewisse Art von Freiheit erkennbar wird, sind sie doch gefangen in einem ewigen Loop. Die Frage nach Schöpfer und Objekt wirkt verdreht. Wer ist hier wem ausgeliefert? Djurberg und Berg urteilen nicht über die Tabuverletzungen ihrer Figuren. Die Antwort auf die Frage nach Richtig und Falsch, Schuld und Unschuld, Moral und Unmoral müssen sich die Betrachterinnen und Betrachter selbst beantworten, auch ob diese Kategorien überhaupt in unserer komplexen Welt Sinn ergeben. Ihre Puppen werden zu Metaphern der gegenwärtigen Zeit.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, We Are Not Two, We Are One, 2008 © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018