29. August 2019

Autorin Mary Gabriel im exklusiven Interview über ihr gefeiertes Buch „Ninth Street Women“, Feminismus in der Kunst und warum sie nicht nur über Frauen schreiben wollte.

Von Philipp Hindahl

Mary Gabriel, Ihr Buch „Ninth Street Women“ erzählt von fünf Malerinnen im Abstrakten Expressionismus, über drei Jahrzehnte. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Sieben Jahre. Mit diesem Buch wollte ich aber nicht allein die Frauen vorstellen und ihre Geschichte erzählen. Auch die Randfiguren sollten einen Platz bekommen. Denn die Kunstgeschichte handelt beinahe ausschließlich von Männern, und dann auch nur von einigen wenigen Männern. Der Rest dieser Gemeinschaft, dieser Revolution in der Kunst, ist für uns verloren.

Woher kam die Idee, dieses Buch zu schreiben?

Ich habe am Maryland Institute College of Art studiert, wo Grace Hartigan – eine der fünf Malerinnen aus dem Buch – vier Jahrzehnte lang die Malereiklasse geleitet hat. Aber irgendwie ist sie mir nie aufgefallen, obwohl ich Malerin werden wollte.

Lee Krasner, The Seasons, 1957, Photography by Sheldan C. Collins. Copyright by Pollock-Krasner Foundation/ARS, NY

Wie hat sie dennoch Ihre Aufmerksamkeit bekommen?

1990 habe ich sie als Journalistin getroffen. Ich habe eine alte Diva erwartet, schlecht gelaunt, weil sie als Frau in der Kunst ignoriert wurde. Aber bei unserem Treffen war sie einfach wunderbar. Grace Hartigan hat mir wilde und wundervolle Geschichten aus dem New York um die Jahrhundertmitte erzählt. Nachdem wir vier Stunden gesprochen haben, verließ ich ihr Studio und dachte: Das wäre ein gutes Buch. 2011 fing ich damit an.

Es ist ein umfassendes Buch geworden, vielleicht ein künftiges Standardwerk.

Mir wurde beim Schreiben klar, dass man eine Geschichte nur erzählen kann, wenn man von der Zeit erzählt, in der die Ereignisse stattgefunden haben.

Es tritt ein großes Figurenensemble auf, Sie entwerfen die Kulissen im Detail. Sie gehen nah an die Protagonistinnen heran und beschreiben, wie sie in der Metropole zu Künstlerinnen werden. Der Umfang und die Themen erinnern mich an die großen französischen Romane des 19. Jahrhunderts.

Das stimmt! Der Abstrakte Expressionismus war ja auch eine romantische Bewegung. Deshalb erinnert das an die Zeit um die Revolution von 1848, als in Frankreich vieles neu entdeckt wurde. Wenn Sie daran denken, wie es in den USA der Nachkriegszeit aussah – das war auch eine soziale Revolution.

Interessant, dass Sie von Romantik sprechen. Denn die Jahrhundertmitte wird gern als die Zeit der letzten Bohemiens bezeichnet. Verspüren Sie Nostalgie?

Ja. Mir hat es nichts ausgemacht, so lange an dem Buch zu arbeiten, weil diese Zeit so wundervoll war. Können Sie sich das vorstellen?

Wenn Sie daran denken, wie es in den USA der Nachkriegszeit aussah – das war auch eine soziale Revolution.

Mary Gabriel
Mary Gabriel, Porträt, Photo: Mike Habermann

Naja, ich bin ganz froh, in der Gegenwart zu leben.

Es war auch schwer. Die Künstler haben um ihre Grundbedürfnisse gekämpft: eine geheizte Wohnung, Essen, Farben und Leinwände. Zugleich hatten sie einen Reichtum an sozialen Beziehungen und in ihrem Geist. Die Kreativität in jener Zeit muss fantastisch gewesen sein. Und jeden Tag entwickelten die Künstler sich, alle lernten voneinander.

Sie konzentrieren sich in dem Buch auf fünf Protagonistinnen, die wahrscheinlich die Zuschreibung „weibliche Künstlerin“ abgelehnt hätten. Und jetzt sind sie wegen ihres Geschlechts in einem Buch. Sehen Sie die Gefahr, dass Frauen hier wie so oft als Ausnahmefall im Kunstbetrieb auftreten?

Ja, das ist ein Problem. Ich hoffe, eines Tages sind Künstler nicht mehr bemerkenswert, nur weil sie einer Minderheit angehören. Aber bis die ganze Geschichte erzählt wird, müssen wir über die Frauen sprechen. Ich wollte kein Buch nur über Frauen machen. Damit würde ich den gleichen Fehler begehen wie die Leute, die nur über Männer schreiben. Die Gemeinschaft war aber in jener Zeit nicht nach Geschlecht unterteilt.

Ich finde ja die Beziehung von Lee Krasner und Jackson Pollock exemplarisch, beide Maler. Sie lebten elf Jahre bis Pollocks Tod 1956 zusammen. Er galt als Nervenbündel, Alkoholiker, absolut unmöglich, und trotzdem wurde er ein Superstar. Krasner blieb lange Zeit im Hintergrund.

Ja, ihr Fall ist interessant. Aber Krasner tat das nicht, weil sie dachte, als Frau müsste sie zurücktreten und den Mann seine Kunst machen lassen. Es lag eher daran, dass sich ihr Leben um die Kunst drehte, und sie sah in Pollock einen Künstler, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Sie wusste, dass seine Malerei nicht nur ein Durchbruch, sondern geradezu revolutionär war. Ihre Aufgabe war es, diesen kreativen Geist zu schützen.

Ich wollte kein Buch nur über Frauen machen.

Mary Gabriel

Diese Sicht scheint heute aber fremd.

Als ich begann, das Buch zu schreiben, habe ich Pollock gehasst. Und als ich fertig war, habe ich ihn geliebt, so wie Lee Krasner. Ich hätte auch nicht gerne mit ihm zu tun gehabt, aber ich schätze die Risiken, die er als Künstler eingegangen ist.

Aber Krasner ist auch Risiken eingegangen.

Genau! Ihre Entwicklung ist wie eine Reise. Am stärksten finde ich Krasners euphorische Phase, mit riesigen Bildern, in denen es nur um Frauen ging. Nicht Frauen als Objekte, sondern weibliche Bilder: Verschlingungen, Blumen, Leiber, Brüste, vor Energie überbordend, wild, riesig. Dann folgte der Zusammenbruch, als ihre Mutter in den späten 50ern starb. Ihre Bilder wurden dunkel, denn sie arbeitete nur bei Nacht. Sie konnte nicht schlafen, und lehnte künstliches Licht bei der Arbeit ab. Also produzierte sie monochrome Gemälde, und an ihnen lässt sich der ganze Kummer ihres Lebens mit Pollock ablesen, die ganzen elf Jahre. Sein Tod und der Tod ihrer Mutter sind auf diesen Leinwänden.

„The Eye is the First Circle“ von 1960 ist eines dieser Bilder, oder?

Ein fantastisches Gemälde! Lee Krasner hat zu jener Zeit in Braun gemalt, eine Farbe mit wenig Tiefe, beinahe eine Nichtfarbe. Das trauen sich nicht viele Künstler. Deshalb hat der Kritiker Clement Greenberg beschlossen, seine Ausstellung mit Krasner abzusagen. Diese Reise durch die Nacht hat ihn eingeschüchtert: Krasner hat sich verabschiedet von den Farben, denen eine intrinsisch weibliche Qualität zugeschrieben wird. Stattdessen hat sie pure Emotionen gemalt. Das Bild ist wie ein Schlag in den Magen.

Finden Sie es nicht irgendwie seltsam, dass einer bestimmten Malweise ein Geschlecht zugeschrieben wird?

Historisch wurde das als eine Macho-Schule der Malerei beschrieben. Aber schauen Sie sich doch einmal Willem de Kooning an. Ich sehe da nichts Männliches, eher etwas Süßes.

Statt­des­sen hat sie pure Emotio­nen gemalt. Das Bild ist wie ein Schlag in den Magen.

Mary Gabriel

Lee Krasner, The Eye is the First Circle, 1960, Image via www.sothebys.com

Stimmt also nicht?

Das ist mehr ein Mythos als ein richtiger Stil. Gut, Robert Motherwell oder Franz Kline, deren Bilder sind kühn, groß, schwarz und weiß. Vertikal und stark. Aber auch sehr poetisch. Das Männliche gehört zum Mythos um die Künstlerbar Cedar Tavern im New Yorker Greenwich Village, ebenso wie die Sauferei. Und alle sprechen über die Männer, die dabei waren.

Aber dieser Mythos wird ja von jemandem erzählt, zum Beispiel vom seinerzeit sehr einflussreichen Kritiker Clement Greenberg. Mich erstaunt, dass so viele Frauen als Künstlerinnen gearbeitet haben, aber irgendwann alle Entscheider Männer waren.

Das stimmt nicht ganz. Denken Sie an die Galeristinnen Betty Parsons und Eleanor Ward. Oder an die Museumsgründerin Peggy Guggenheim und dann die ganzen Kuratorinnen. Nur die Käufer der Kunst sind Männer, und Galerien wollen schließlich verkaufen.

Der Markt verändert sich aber gerade, oder?

Im vergangenen Herbst wurden bei Christies zwei fantastische Arbeiten versteigert, ein Bild von Helen Frankenthaler, das noch nie auf dem Markt war, und eines von Joan Mitchell aus den 70ern. Im Frühjahr 2018, haben Bilder von Frauen viele Rekorde gebrochen. Das schien wie der Anfang eines Trends. Aber: Lee Krasners „The Eye is the First Circle“ hätte für 40 Millionen verkauft werden können. Es ist aber 2018 nur für 11,7 Millionen an ein Sammlerpaar gegangen.

Dabei hat dieses Bild von Lee Krasner ihren letzten Auktionsrekord verdoppelt, und das innerhalb von nur zwei Jahren.

Das ist gut, die Leute wachen auf. Es kann nur besser werden. Hoffentlich geht es so weiter, aber im Moment ist es noch ein wenig deprimierend.

Der Kanon wird ja allerorten geöffnet. Ich habe aber das Gefühl, dass die Marktlogik dabei mitspielt. Kaum ein Museum kann sich noch einen Pollock leisten. Aber die Auktionshäuser sagen dann: Wenn Ihnen Pollock gefällt, versuchen Sie es doch einmal mit Lee Krasner, deren Bilder nur ein Achtel kosten.

Das denke ich auch.

Ein bisschen zynisch, oder?

Ja. Viele Sammler und Museen können auf dem Markt nicht mehr mitmachen. Wir werden sehen, was passiert.

Kennen Sie den Witz, dass der Abstrakte Expressionismus eine CIA-Propagandaaktion gewesen sein soll? Und er wurde ja auch weltweit exportiert, um die künstlerische Freiheit im kapitalistischen Westen zu präsentieren. Bekommen Sie auch manchmal das Gefühl, dass abstrakte Malerei zur unpolitischen Marktkunst geworden ist?

Die CIA wollte damals dem kulturellen Einfluss der Sowjets etwas entgegensetzen. Aber zu glauben, dass die Maler da mitgemacht hätten – totaler Wahnsinn. Ich weiß nicht, ob das je unpolitisch war. Der Abstrakte Expressionismus starb erst 1959, als Pop aufkam. Zu dem Zeitpunkt dachten das Publikum, es hätte alles verstanden. Der Kritiker Harold Rosenberg sagte, Abstrakter Expressionismus sei politisch. Er sagte auch sehr hellsichtig, es werde eine Zeit kommen, in der es nur noch um Farbauftrag, die Größe der Leinwand, die Fläche geht. Dann gehe der historische Kontext verloren, die Geschichten der Menschen.

Was meinte er damit?

Die Arbeiten kamen aus der Depression und dem Zweiten Weltkrieg. Eine Zeit der Deformation des menschlichen Geistes. Aber in den 50ern und 60ern wurden sie zu Tapeten. Bedeutungslos. Und niemand konnte die ganzen Theorien darüber lesen. Es ging nur noch um technische und philosophische Aspekte, die Maler spielten keine Rolle mehr. Lächerlich! Nicht die Werke wurden unpolitisch, sondern die Leute, die darüber schrieben.

Krasner ist so eine interessante Figur. Heute wollen die meisten Künstler irgendwie auch Aktivisten sein, aber auf sie traf es wirklich zu.

Künstler wollen politisch sein, und dafür haben sie auch gute Gründe. Aber bedeutet das, dass sie auch in ihrer Kunst politisch sein müssen? Das war Lees Frage. Aber nicht allein ihre, mit dieser Frage haben viele Künstler in den 30ern gekämpft. Währen der Depression gab es die Artists Union in New York. Ich liebe ihr Emblem: eine Faust, die drei Pinsel umklammert. Weil einige Künstler aber in der kommunistischen Partei waren, verlangte die Partei irgendwann Propaganda. Das nannten sie Sozialistischen Realismus: Bilder unterdrückter Fabrikarbeiter, solche Sachen. Dafür hat sich Lee nicht interessiert. Verständlich, denn Propaganda verschwindet, sie hat nur begrenzten Wert. Abstrakte Kunst hingegen, wenn sie aus dem Geist der Maler kommt, lebt fort.