22. Mai 2019

In seinen Sounds kann man sich schnell verlieren und selbstvergessen lostanzen. Künstler und DJ Hans Berg über die emotionale Kraft der Musik, Kontrollverlust und seine besondere Verbindung zu Nathalie Djurberg.

Von Teresa Koester

Hans Berg ist nicht „nur“ der sound-artistische Part von Djurberg Berg. Der Schwede ist auch weit über die Grenzen der (Bildenden) Kunstwelt bekannt. Als DJ, Musiker und Produzent spielt er seine Live Sets in einigen der weltweit beliebtesten Underground Clubs in u.a. Berlin, Melbourne, New York, Stockholm und Tokio. In seinen von Techno und House gefärbten Sounds kann man sich schnell verlieren. Dabei setzt Hans Berg auch als DJ seit langem auf Zusammenarbeit: Mit Johanna Knutsson macht er nicht nur gemeinsam Musik, sie haben auch das Plattenlabel UFO Station Recordings gegründet. Gerade ist zudem sein neues Album „Sounds of the Forest Forgotten“ erschienen. Das SCHIRN MAG hat mit Hans Berg über seine Musik, dessen emotionale Kraft sowie über die Bedeutung von Kollaborationen für seine Werke gesprochen.

Wann und wie kam die Musik in dein Leben?

So lange ich mich erinnern kann, hat mich Musik fasziniert. Als Kind hörte ich die ganze Zeit Radio. Ich bekam meinen ersten Synthesizer, als ich etwa 10 Jahre alt war, und ich versuchte, die elektronische Musik nachzuahmen, die ich im Radio hörte. Es klang schrecklich. Ich verstand einfach nicht, warum mein billiger Synthesizer mit den vorgefertigten Drumloops nicht wie die Hits im Radio klang.

Bevor wir über dein eigenes musikalisches Werk sprechen – welche Art von Musik hörst du derzeit gerne?

Ich höre mir alles an, was mit Seele gemacht wird. Ich höre immer viel Techno und andere elektronische Musik. Alles andere kommt in Wellen. Im Moment bin ich sehr von südamerikanischer Musik begeistert, aber nächste Woche könnte es auch schon wieder klassische Musik sein.

Ich höre mir alles an, was mit Seele gemacht wird.

Hans Berg
Nathalie Djurberg & Hans Berg. Berlin, Germany, Photo: David Neman

Die Musik scheint dein künstlerisches Ausdrucksmittel zu sein, für das du auch mit anderen Musikern und vor allem mit der Künstlerin Nathalie Djurberg zusammenarbeitest. Was möchtest du mit deiner Musik ausdrücken?

Musik zu machen, ist für mich ein Ventil, das Emotionen vermittelt, das sich mit den Emotionen der Hörer verbindet. Für mich ist Musik sehr körperlich und emotional. Es ist die Sprache, in der ich diese Dinge am besten ausdrücken kann, ohne Worte. Es ist das ultimative instinktive Erlebnis.

Du arbeitest seit 15 Jahren mit Nathalie Djurberg zusammen, indem du die Musik für ihre Filme und Installationen machst. Welche Rolle spielt die Musik in deiner Zusammenarbeit mit Nathalie? Hast du deine Zuhörer im Hinterkopf, wenn du komponierst, und wenn ja, was willst du in ihnen auslösen?

Die Musik in unserer kollaborativen Arbeit hat eine ganz andere Rolle als der visuelle Teil. Da sie so direkt ist und sofort Emotionen auslöst, sind die Betrachter von der Musik bereits beeinflusst, wenn sie die Kunstwerke sehen. Musik geht ohne Filter direkt in deinen Kopf. Es gibt keine Zeit für das Gehirn, deine Reaktionen wirklich zu filtern, du reagierst einfach. Ganz im Gegenteil zum visuellen Teil, bei dem Zeit bleibt, darüber nachzudenken und zu analysieren, was du gerade siehst. Aber diese Interpretation wird von der Musik beeinflusst. Ich habe die Zuhörer nicht so sehr im Kopf, denn ich konzentriere mich auf meine eigene Idee und wie man sie interpretiert oder wie ich die Arbeit empfinde. Ich denke, dass das, was ich in mir selbst hervorrufe, wahrscheinlich auch etwas im Hörer auslösen wird.

Hans Berg im Studio, Foto: Stefan Wrenfelt

Wenn du komponierst, welche Rolle spielst du als Künstler und welche Rolle spielen deine Produktionswerkzeuge, vom Instrument bis hin zum komplexen Softwareprogramm?

Es ist alles miteinander verflochten, aber es handelt sich trotzdem um eigenständige Prozesse. Wenn ich komponiere, muss ich sehr offen sein, sehen, wohin mich die Musik führt; es ist wie eine Strömung in einem Fluss, die einfach fließen muss, und je weniger ich versuche, die Dinge zu kontrollieren, desto besser ist sie. Und dann gibt es noch den anderen Teil, wo ich mehr Kontrolle übernehmen muss: den produzierenden Teil der Musik, das Gestalten der Sounds, das Feintuning, das Mischen, das Wissen, wie ich genau das kreiere, was ich herausbekommen will. Aber ich kann intuitiv zwischen den verschiedenen Prozessen ein- und aussteigen.    

Du arbeitest nicht nur mit Nathalie Djurberg zusammen, sondern auch als Produzent und Live-Künstler scheinst du dich auf Kooperationen zu konzentrieren, zum Beispiel mit Johanna Knutsson und UFO Station Recordings. Gibt es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in deinen Kompositionen als Künstler in der Zusammenarbeit mit Nathalie einerseits und als Produzent und Live-Künstler andererseits?

Es ist alles von mir, also wird es unvermeidlich Ähnlichkeiten in meinen verschiedenen Musikrichtungen geben, obwohl sie sehr unterschiedliche Funktionen haben. Die Clubmusik ist zum Tanzen, zum Sich-darin-Verlieren, für das Spielen in voller Lautstärke und über lange Zeiträume. Die Musik für Installationen befindet sich in enger Verbindung zu den Filmen und ist auch dafür da, um den Ton zu setzen und Emotionen zu vermitteln. Manchmal kombiniere ich sie aber auch, um zu sehen, welches abweichende Ergebnis dabei herauskommt.

Club­mu­sik ist zum Tanzen, zum Sich-darin-Verlie­ren, für das Spie­len in voller Laut­stärke und über lange Zeit­räume.

Hans Berg

Du hast einmal gesagt, dass Nathalie Djurberg und Johanna Knutsson für dich besonders wichtig sind, da eure Verbindung tiefer und intensiver ist als eine bloße Zusammenarbeit. Was genau bedeutet die Zusammenarbeit für dich und welche Auswirkungen haben diese Kooperationen auf dich und deine Musik?

Musik zu komponieren, ist für mich sehr persönlich und ich möchte mich dabei immer wieder über meine eigenen Grenzen hinausbewegen. Deshalb ist es wichtig, dies in einer offenen Umgebung zu tun, in der ich mit der anderen Person gut kommunizieren und Ideen ausprobieren kann, in der ich mit ihr eine Verbindung habe. Im besten Fall gewinne ich etwas zurück für alles, was ich gebe – das ist das Beste an einer Zusammenarbeit, finde ich: die Sichtweise und der Input einer anderen Person, eine andere Perspektive, die ich alleine nicht erlangen kann.

Vor einem Monat hast du deine neue LP mit dem Titel „Sounds Of The Forest Forgotten“ veröffentlicht und mit Nathalie eine VR-Arbeit realisiert. Was kommt als nächstes?

Ich arbeite an vielen verschiedenen Projekten. Im Sommer werde ich mit drei anderen Musikern in einer alten verlassenen Mine in Schweden eine gemeinsame Performance veranstalten; eine neue VR-Arbeit mit Nathalie sowie mehr Techno für mein Soloprojekt. Aber das Hauptaugenmerk liegt darauf, die Grenzen dessen, was ich vorher gemacht habe, beständig zu erweitern – das ist es, was Musik für mich interessant macht.