25. Februar 2019

Über die Freiräume der Kunst und wie aus Ideen Kunstwerke werden. Künstlerduo Nathalie Djurberg und Hans Berg über die Entstehung ihrer hypnotischen, animierten Welten.

Von Kathi Kæppel

Wie würden Sie Ihre räumlichen Arbeiten beschreiben? Lassen sie sich als Animationen, Video-Kunst oder Video-Installationen kategorisieren?

Nathalie Djurberg: Wir würden sie als Videoinstallationen beschreiben.   

Künstlerische Claymation (dt. Knetanimation) hat mit Filmemachern wie dem Tschechen Jan Švankmajer eine lange Tradition, jedoch beschränkt auf die cineastische Projektion. In welchem Kontext wählten sie das Medium Animation erstmals, um ihre Gedanken zu visualisieren?

Nathalie Djurberg: Ich habe das Medium in keinen bestimmten Kontext gewählt. Als ich angefangen habe, habe ich es noch nicht einmal in den Kunstkontext eingeordnet. Man muss auch nicht alles in irgendeinen Kontext setzen – es wird schon ganz von alleine deutlich, wo sich eine Arbeit am besten einfügt. Und sollte sie nirgendwo reinpassen, dann ist sie vielleicht im Kunstkontext gut aufgehoben. Und da die Kunst nun mal der Bereich ist, in dem ich arbeite, ist es nur naheliegend diese als Kontext zu wählen, und wenn auch nur, weil Kunst gesellschaftlich gesehen die größten Freiräume bietet.

Nathalie Djurberg & Hans Berg. Berlin, Germany, Photo: David Neman

Wie gehen Sie bei der Konzeption von Musik und Sound vor?

Hans Berg: Sobald Nathalie beginnt über eine Idee zu sprechen und die Figuren, Sets oder Skulpturen zu entwickeln, denke ich sofort über die musikalische Einbettung oder das richtige Setting für diese Idee nach und darüber, welche Art von Tönen und Musik sie begleiten sollte, um die Arbeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Meistens fange ich jedoch dann mit der Komposition an, wenn die Filme animiert und die Skulpturen fertig sind. In meinem Studio lade ich das Video in meine Musiksoftware und komponiere die Musik, während ich den Film betrachte. Das ist eine sehr intuitive Vorgehensweise. Manchmal folge ich dem Inhalt eines Videos oder akzentuiere ihn, und ein anderes Mal setze ich, je nachdem welchen Effekt ich mit der Musik erzeugen möchte, dem Film etwas entgegen. Ich arbeite im Studio mit Synthesizern, Samplern, Drum Machines und ich nehme auch Live-Sound auf, wenn ich diesen benötige.

Manch­mal folge ich dem Inhalt eines Videos oder akzen­tu­iere ihn, und ein ande­res Mal setze ich [...] dem Film etwas entge­gen.

Hans Berg

Seit der Biennale im Jahr 2009 zeigen sie neben ihren Videos oftmals Skulpturen. Wie verhalten sich die Skulpturen zu den Filmen? Wie arbeiten Sie mit den verschiedenen Zeitachsen?

Nathalie Djurberg: Es entstehen in der Tat mehrere Zeitachsen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen oder an unterschiedlichen Punkten verbinden. Die verschiedenen Medien Bewegtbild, Musik und Skulptur bilden zusammen eine neue Einheit.  

Und welche Rolle spielt der Ausstellungsort für Sie bei der Konzeption einer Installation? Ist er Mittel zum Zweck oder Teil der Inszenierung? 

Nathalie Djurberg: Wir konzipieren niemals eine Arbeit für einen bestimmten Ort. Am Anfang steht immer die Idee für eine Arbeit, und die Idee kommt dann zum Vorschein, wenn sie uns schon über einen längeren Zeitraum beschäftigt hat. Aber es ist interessant, eine Arbeit an unterschiedlichen Orten auszustellen, da der Raum die Arbeit verändert und uns in gewisser Weise zwingt, umzudenken und andere Aspekte an ihr wahrzunehmen. Manchmal entwickeln sich die Dinge ganz von selbst und ein anderes Mal wird die Ausstellung der Arbeit zu einer Herausforderung. 

Für mich ist die prak­ti­sche Arbeit, der Entste­hungs­pro­zess, die Kunst selbst: die Ausfüh­rung und Entwick­lung einer Idee zu einem Kunst­werk.

Nathalie Djurberg
Nathalie Djurberg und Hans Berg im Studio in Berlin, Photo: Stefan Wrenfelt

»It Will End in Stars« ist ihre erste VR–Arbeit, die in Zusammenarbeit mit »acute art« entstand. Bislang erarbeiteten sie ihre Arbeiten selbst, ohne ein Storyboard, ein Skript oder ein Team. Der zeitintensive Prozess der Entstehung eines Animationsfilms war Teil Iher künstlerischen Arbeit. Wie gingen sie bei der Realisierung der VR-Arbeit vor?

Nathalie Djurberg: Die Vorgehensweise war nicht wirklich anders als bei anderen Arbeiten. Sie gleicht einem Trial-and-Error Prozess. Ich dachte erst, dass diese Arbeit für mich weniger aufwendig werden würde, aber ich musste dann doch Hand anlegen, einerseits damit die Arbeit am Ende so aussah, wie ich mir das vorgestellt hatte, andererseits um meine Idee zu vermitteln. Für mich ist die praktische Arbeit, der Entstehungsprozess, die Kunst selbst: die Ausführung und Entwicklung einer Idee zu einem Kunstwerk. Daher habe ich alle Charaktere, Sets und Requisiten selbst gefertigt und sie wurden anschließend für die VR-Welt 3D-gescannt. Ein großer Unterschied war jedoch, dass ich nicht selbst programmieren konnte, sondern die Kontrolle abgeben und erklären musste, was ich will. Aber es ist immer wieder wie ein Weg, bei dem auf einen Schritt der nächste folgt, und dann der nächste, und der nächste. Und unterwegs entdeckt und realisiert man dann allerhand.

Hans Berg: Beim Komponieren der Musik bin ich im Prinzip wie sonst auch vorgegangen. Ich habe sie begleitend zur VR-Arbeit in meinem Studio geschrieben, allerdings in kleineren Abschnitten; da die VR-Arbeit nicht linear verläuft, können die Rezipienten bestimmen, wohin sie sich in dieser Welt begeben möchten und ich habe weniger Kontrolle darüber, wie sie die Musik erleben. Sie ist eher mit bestimmten Punkten und Ereignissen verknüpft, anstatt einer Narration mit einem Anfang und einem Ende zu folgen.