Wer TikTok nicht kennt oder mit der App nur tanzende Gen-Z und virale Memes verbindet, täuscht sich: Hier ein paar High­lights für einen ausge­wo­ge­nen Kultur-Algo­rith­mus.

Während viele Museen und Kultureinrichtungen aufgrund der Corona-Beschränkungen weiterhin oder immer wieder geschlossen bleiben oder nur unter strengen (Hygiene-)Auflagen begrenzt Besucher*innen empfangen können, verlagern sich die Inhalte weiter in den Bereich des Digitalen – und hier bringt sich Videoplattform TikTok mit weltweit 800 Millionen User*innen und einer besonders jungen Zielgruppe zunehmend selbst ins Spiel. So können sich Institutionen, Kreative und Künstler*innen vergleichsweise schneller und niedrigschwelliger mit ihren Besucher*innen oder auch Themen wie Inklusion und Diversität auseinandersetzen und der TikTok-Community kulturelle Teilhabe ermöglichen. 

Wer TikTok nicht kennt oder gar der Ansicht ist, die App habe lediglich tanzende E-Girls and -Boys und virale Memes zu bieten, täuscht sich – oder hat den Algorithmus nicht im Griff, für den TikTok bekannt ist und der zum Erfolgsgeheimnis der App zählt. Denn die App hat auch unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Content aus Kunst und Kultur zu bieten, der sich dichter und zugleich inklusiver präsentiert, als viele wiederkehrende Debatten im Feuilleton. Hier ein paar Highlights für einen ausgewogenen Kultur-Algorithmus. 

Viele internationale und auch einige nationale Museen und Ausstellungshäuser sind auf TikTok vertreten und vermitteln ihre Ausstellungen und Inhalte mittels kurzer Videoclips. Das Rijksmuseum in Amsterdam bietet seinen Follower*innen einminütige Clips, in denen Werke der Sammlung von Expert*innen aus dem Team vorgestellt werden. Ähnlich funktioniert auch der Content des Museo del Prado und der Uffizien. Letztere lassen sich häufig von viralen Sounds inspirieren und platzieren anlässlich der Mailänder Fashion Week die Frühlingsgöttin Flora aus dem Gemälde “Primavera” von Botticelli auf einem Magazincover. Das Sacramento History Museum hat mit über 8 Millionen Likes den TikTok -Algorithmus geknackt. Ihr best performing content: Der 82-jährige Howard, der ehrenamtlich im Druck-Shop des Museums arbeitet und im Dezember 2020 mit einem Clip an der Druckerpresse viral ging.

@sachistorymuseum

We’re a little late posting, but the newspaper is yesterday’s news, after all! #sachistorymuseum #printingpress #idioms #learnontiktok #fyp #thankyou

♬ original sound - Sacramento History Museum

Wer einen akademischeren Ansatz der Kunstbetrachtung bevorzugt, der sollte sich auch die Videos von @_theiconoclass zu Gemüte führen. Die Kunsthistorikerin Mary McGillivray aus Melbourne erklärt in ihren einminütigen Clips die Entstehungsgeschichte bekannter Kunstwerke oder fasst Methodik und Stilrichtungen zusammen. Einen technischen und zugleich sehr intimen Blick auf Kunstwerke ermöglicht Milan Mako, der an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste als Restaurator tätig ist und sich bei der Arbeit mit Pinsel und Skalpell filmt. Die Fotografin Cait McCarthy stellt berühmte Kunstwerke nach, wie etwa „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer, und dokumentiert die Vorbereitung sowie Bildbearbeitung in kurzen TikTok-Videos.

Ebenso sind Theater und Oper auf TikTok vertreten. Das American Ballet Theatre zeigt behind the scenes, bloopers und beeindruckt mit perfekt geschnittenen Transitions. Auf dem Kanal des Royal Opera House singen die Solist*innen vor aktuell leeren Publikumsrängen. 

Zugleich schreckt die Kunst- und Kultur-Community auf TikTok nicht vor politischen Themen wie kultureller Aneignung zurück und nimmt besonders solche Positionen in den Blick, denen bisher im etablierten Kunstkanon wenig Aufmerksamkeit zukam.

Die App dient verschiedenen Communities als Plattform, auf der sie über ihre Kultur und Geschichte sowie ihre eigenen Erfahrungen berichten, sich untereinander vernetzen und auf diese Weise bereits jetzt Vielfalt und Inklusion in unserer Gesellschaft zum Thema machen und performen. Der Hashtag #nativetiktok  wurde auf TikTok beispielsweise 1,5 Milliarden Mal geklickt.

@notoriouscree

This remix is my favourite right now, had to try another transition to it. #indigenous #nativetiktok #nativepride #dance #transition

♬ original sound - Tia Wood

An erster Stelle findet sich dort ein Video von James Jones mit über 23 Millionen Views, auf dem er in der traditionellen Festkleidung der Cree zu sehen ist, einer der größten Indigenen Volksgruppen der First Nations in Nordamerika. Auf seinem TikTok-Account zeigt Jones den Reifentanz der Cree und klärt über kulturelle Sitten und Bräuche auf. Auch Tia Wood gehört der Gruppe der Cree an. Ihr Account ging viral, als sie im Herbst 2020 zu einem beliebten TikTok-Song eine eigene Melodie sang, die von den traditionellen Gesängen der Cree inspiriert ist. Klickt man auf den Sound des Videos, finden sich über 15k Clips zum Gesang von Wood, in denen Menschen Indigener Herkunft (innerhalb und außerhalb Kanadas) in eleganter und farbenfroher Kleidung tanzen, singen, und die Vielfalt ihrer Kultur zum Ausdruck bringen.

SCHIRN GOES TIKTOK

Leider ist die SCHIRN vorerst bis zum 18. April 2021 geschlossen. Dafür haben wir 24/7 auf TikTok geöffnet!

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