17. Februar 2017

Richard Gerstl ist in Wien aufgewachsen, hat dort studiert und um Anerkennung gekämpft. Mit seinem frühen Tod endete eine Karriere, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Eine Spurensuche in der Heimatstadt des Künstlers.

Von Alexander Jürgs

Er war enorm selbstbewusst, heißt es, er hielt sich für einen genialen Künstler. Und er war wohl auch sehr aufbrausend, ein „angry young man“. Der Brief, den er am 22. Juli 1908 an das Ministerium für Kunst und Unterricht verfasste, belegt das eindringlich. Darin beklagt sich der Student Richard Gerstl darüber, dass seine Werke bei einer Ausstellung der Wiener Akademie der bildenden Künste außen vor geblieben sind – obwohl er doch, so hatte es ihm einer seiner Professoren bestätigt, einer sei, der „ganz neue Wege“ geht. Die Passage in dem wütenden Brief hat Gerstl gleich doppelt unterstrichen. Sie zeigt, dass sich hier jemand missverstanden sieht. Deswegen suchte er wohl auch keinen Dialog mit der Schule, mit seinen Lehrern, sondern wendete sich mit seinem Frust direkt an das Ministerium. Es war ein Affront, der ihm den Rausschmiss aus der Kunsthochschule einbrachte.

Die Wiener Akademie kann jeder besuchen. Sie liegt am Schillerplatz, in der Nähe des Naschmarkts und der Secession. Es ist ein Gebäude mit wunderbarer Patina. In den Malerateliers klebt die Farbe in dichten Schichten auf dem Fußboden, neben einer Tür hängt ein Plakat: „Es ist ein schönes Haus. Man sollte es besetzen“, steht darauf. Im ersten Stock ist die berühmte Gemäldesammlung der Akademie untergebracht – eine Schatzkammer mit Werken von Rembrandt, Tizian, Rubens oder Hieronymus Bosch.

Natürlich gibt es hier ein charmantes Café

Im ersten Ausstellungsraum sieht man die Bilder, die ganz direkt etwas mit dem Haus zu tun haben. Eine düstere Malerei von Martin Ferdinand Quadal, datiert auf das Jahr 1787, zeigt den Aktsaal der Akademie und die damals tätigen Professoren – allesamt Männer. Erst in den 1920er-Jahren sollte die Kunsthochschule ihre Tore zaghaft für Frauen öffnen. In einem wuchtigen Rahmen hängt das Porträt von Anton Graf Lamberg-Sprinzenstein, der der Akademie etwa 800 Kunstwerke vermachte – und damit den Grundstock für die Sammlung lieferte. Natürlich, wir sind schließlich in Wien, gibt es hier auch ein charmantes Café. „Die Muse“ heißt es, es befindet sich links vom Haupteingang. Doch wer die Kunsthochschule besuchen möchte, muss sich sputen. Ab Sommer oder Herbst steht eine umfangreiche Sanierung an. Dann müssen Sammlung und Studenten für einige Jahre in Ausweichquartiere.

Nicht weit entfernt, in der Gumpendorferstraße 11, hatte Richard Gerstl 1906 ein Atelier gemietet – im Dachgeschoss des Hauses, in dem sich mit dem Café Sperl eines von Wiens schönsten Kaffeehäusern befindet. Hier ist höchstwahrscheinlich sein Porträt von Ernst Diez, einem jungen Kunsthistoriker, entstanden, heute befindet es sich in der Sammlung von Schloss Belvedere. Diez posiert da in edlem blauen Zwirn, sein Gesicht scheint sich aufzulösen, eine stilistische Nähe zu Edvard Munch ist kaum zu übersehen. Es war der avantgardistische Komponist Arnold Schönberg, der Diez und Gerstl zusammengebracht hatte. Gerstl hatte sich mit dem Musiker angefreundet. Der bohemistische Kreis um Schönberg, zu dem auch Alban Berg und Anton Webern gehörten, war ihm zur Ersatzfamilie geworden. Hier fand er die Anerkennung als Künstler, die er so dringlich herbeigesehnt hatte. 

Späte Entdeckung

Zu Lebzeiten hatte Richard Gerstl keine einzige Ausstellung. Es sollte bis in die 1930er-Jahre dauern, bis sein Werk – posthum – in Wien der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Im September 1931 zeigte der Kunsthändler Otto Nirenstein, der seinen Namen später in Kallir änderte, in seiner Neuen Galerie Arbeiten des Künstlers, der heute als „erster Expressionist Österreichs“ gilt. Alois Gerstl, der ältere Bruder von Richard, hatte die Werke jahrelang bei einer Speditionsfirma eingelagert. Als er sie Nirenstein zeigte, war der Galerist schwer begeistert. 34 Gemälde erwarb er aus dem Nachlass. Außerdem sicherte er sich die Option, auch die übrigen Werke noch zu kaufen. Dort, wo er die erste Ausstellung mit Richard Gerstls Gemälden auf die Beine stellte, kann man noch immer Kunst entdecken. In der Grünangergasse 1 ist heute die Galerie nächst St. Stephan  beheimatet. Otto Kallir ist 1938 aus Österreich geflüchtet. Nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland hatte der jüdische Galerist das Land zunächst in Richtung Frankreich verlassen, 1939 emigrierte er nach New York.

Die Bekanntheit seiner Zeitgenossen Kokoschka, Schiele oder Klimt hat Richard Gerstl nie erreicht, ein Geheimtipp ist er trotzdem schon lange nicht mehr. Im Leopold Museum, dem meistbesuchten Haus im Wiener Museumsquartier, kann man einige Gerstl-Werke in der Dauerausstellung bestaunen. Das Selbstbildnis als Halbakt von 1902 oder 1904, bei dem der Künstler den Betrachter so eindringlich anblickt. Ein Porträt des Bruders Alois. Landschaftsbilder, entstanden in den Sommermonaten, am Traunsee, in Gmunden bei Salzburg. Und das wohl radikalste Bild des jungen Malers: ein gestenreiches Selbstporträt, das ihn nackt, verletzlich, nachdenklich zeigt. Dass ein Künstler sich selbst unbekleidet porträtiert, war damals eigentlich undenkbar – Gerstls Malerei stellte einen Tabubruch dar. Der Großteil seiner Gemälde aus dem Leopold Museum wird nun nach Frankfurt gebracht, wo sie im Rahmen der Gerstl-Retrospektive zu sehen sind. Später wird die Ausstellung nach New York wandern.

Gespenstische Geschwister

Auch im prächtigen Wiener Schloss Belvedere mit seiner spektakulären Sammlung (das wohl bekannteste Bild im Haus ist Gustavs Klimt „Kuss (Liebespaar)“ – neben dem Original wird sogar eine Kopie ausgestellt, vor der man Selfies schießen darf) gibt es einige Gerstl-Werke. Das bemerkenswerteste davon ist das Porträt der Schwestern Karoline und Pauline Fey. Wie Gespenster erscheinen diese Frauen auf dem Bild, alt, müde, erschöpft. Ihre Kleider verschwimmen zu abstrakten Flächen, ein starker Hell-Dunkel-Kontrast bestimmt das großformatige, expressive Bild. Auch diese Malerei ist nun in der Frankfurter Schau zu sehen. 

Will man erfahren, wo Richard Gerstl lebte, dann steigt man am besten in die Straßenbahn. Von der Innenstadt geht es nordwärts, in Richtung Nußdorf. Nach etwa zehn Minuten erreicht man Alsergrund, den neunten Wiener Gemeindebezirk. In der Nußdorfer Straße 35 war die Familie zuhause. Richard Gerstl lebte bis zu seinem frühen Tod im Haus der Eltern. Und er hat auch einige seiner wichtigsten Bilder dort gemalt. Das „Bildnis des Reserveleutnants Alois Gerstl“, das Porträt des älteren Bruders, gewährt einen Blick in die Wohnstube der Familie. Auch ein Interieurbild, auf dem ein Thonet-Stuhl zu erkennen ist, ist hier wohl entstanden, genauso wie eine Straßenszene, die Gerstl vermutlich vom Fenster der Wohnung aus malte. An den Künstler selbst erinnert an diesem Ort nichts, ein Hinweisschild sucht man vergebens.

Die Liaison fliegt auf

Die Wohnung, in der Arnold Schönberg lebte, ist nur wenige Gehminuten entfernt, sie liegt in der Liechtensteinstraße 68-70. Schönberg, seine Frau Mathilde, Gerstl und weitere Künstlerfreunde machten sich in den Sommermonaten meist gemeinsam an den Traunsee auf. Dort entwickelte sich auch eine Verhältnis zwischen Gerstl und der Frau des Komponisten. Als der Musiker die beiden in flagranti erwischte, kam es zum Eklat. Mathilde Schönberg und Gerstl verließen übereilt den Urlaubsort, machten sich gemeinsam auf den Weg nach Wien. Dort aber trennte sie sich schließlich doch von ihrem Liebhaber und ging zurück zu ihrem Ehemann.

Gerstl mietete ein neues Atelier, in der Liechtensteinstraße 20, im Obergeschoss eines Geschäftshauses. Auch dieses Haus, ein imposanter Gründerzeitbau, kann man nur von der Straße aus betrachten. Mathilde hat den Maler hier wohl auch nach der offiziellen Trennung noch mehrmals besucht. Und wahrscheinlich ist auch sein Akt, der sie auf einem Stuhl sitzend darstellt (vermutlich eines der letzten Bilder, das der Künstler überhaupt anfertigte), in diesem Atelier entstanden. 

Der Bruch zwischen Gerstl und Arnold Schönberg war endgültig. Der Ausschluss aus dem Kreis um den Komponisten setzte dem jungen Künstler heftig zu. Am 4. November 1908 fand ein Konzert von Schönbergs Schülern im Wiener Musikverein statt, zu dem nur kommen durfte, wer eine Einladung erhalten hatte. Gerstl gehörte nicht mehr dazu. Der Künstler ging in sein Atelier, um sich selbst zu töten. Er wurde nur 25 Jahre alt.

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