02. Juni 2017

Falsches Grinsen, sauberer Anzug, gescheiteltes Haar. Peter Sauls Porträts der US-amerikanischen Präsidenten, von Reagan bis Trump, sind bissig und bitterböse.

Von Marie Beckmann

Ein angestrengtes, selbstgefälliges Grinsen umspielt die geschürzten Lippen und die gekräuselten Augenbrauen. Das Haar liegt auf dem Kopf wie ein riesiger Klecks gelber Senf. Donald Trump hämmert sich einen Nagel in den Kopf, auf der anderen Seite entsteht eine Gedankenblase wie im Comic, in ihr das Wort „THINK“.

„Trump Thinks“ (2017) ist eine von Peter Sauls Skizzen für ein Portrait des amtierenden Präsidenten der USA. „When I think of him [Trump], the vibe I get is, sex, blatant sex with violence, and anger, and insecurity. That’s what he says to me.“. Trump strahlt Sex, Gewalt, Zorn und Unsicherheit aus und genau dies macht ihn interessant für den Künstler, der sich seit den 1950er Jahren mit Vorliebe dem Bizarren widmet, der Übertreibung, Schock und Überschreitung als Strategie wählt, um – stets mit Humor – die Aufmerksamkeit auf das Hässliche und Vulgäre zu lenken, das ansonsten nur allzu leicht verdrängt wird. Denn: „Shocking means talking“ (Saul).

Kunst als Waffe

Als Peter Saul begann, sozialkritische Bilder über den Vietnam Krieg, Polizeigewalt oder korrupte Politiker zu malen, dann tat er dies nicht mit der Intention, mit den Bildern seinen eigenen politischen Standpunkt zu kommunizieren. Wenngleich er, vor allem in seiner Serie der Vietnambilder, das Gewaltvolle und Obszöne des Krieges herauskehrt und Kunst „als Waffe, die auf die amerikanischen Streitkräfte gerichtet ist“, versteht, so wäre es lächerlich, die Bilder selbst als Protest zu begreifen, wie der Künstler in einem Interview betont. Vielmehr bedient sich Saul an aktuellen gesellschaftlichen Geschehnissen und Phänomenen, seine Werke wurden stets von dem herrschenden sozialen und politischen Klima beeinflusst. „I’m just using what the culture gives me.“

Peter Saul, Trump Thinks, 2017, Courtesy the artist

1969 entsteht „The Government of California“. Ronald Reagan ist zu diesem Zeitpunkt Gouverneur von Kalifornien, nach den Ermordungen von Malcolm X und Martin Luther King herrschen in den USA massive Rassenunruhen. In Sauls Ölgemälde winden sich Martin Luther King und Reagan wie Engel und Teufel um die Golden Gate Bridge, die ihrerseits mit bunten Rollen Toilettenpapier geschmückt ist. Polizeigewalt, Rassismus, Drogenhandel, Bildung, Justiz und soziale Segregation werden von Saul nicht nur symbolisch, sondern wortwörtlich ins Bild gebracht. „The Government of California“ ist exemplarisch für Peter Sauls technische Präzision und seinen narrativen Comic-Stil und zeigt auch seine Fähigkeit, das visuell Unwiderstehliche mit dem inhaltlich Unerträglichen zusammenzubringen.

Mit einem Batzen Dollarnoten

Nachdem er 1981 zum Präsidenten der USA gewählt wurde, bekam Reagan noch öfter sein Fett weg. Peter Saul portraitierte ihn in „Ronald Reagan in Grenada“ (1984) als übergroßen Anti-Superman, der, mit einem dicken Batzen Dollarnoten in der Hand, in den kleinen Inselstaat einfällt. Aus dem Ärmel seines Anzugs ragen fünf bewaffnete Hände, die kaugummiartige Geschosse auf die Bewohner abfeuern. Es spritzt Blut, Cola-Dosen fliegen umher. Auf die Frage, warum er sich so ausgiebig mit Reagan beschäftigte, antwortete Saul: „He was there. He was the president. Before that, he was a governor of California. He simply seemed to be an authoritative figure that if used, especially sexually, could be a problem for people.“ Der Ex-Hollywoodschauspieler und umstrittene Politiker war ein weiteres von der US-Kultur fabriziertes „Produkt“, das Saul in seinen Werken einsetzen konnte.

Peter Saul, Government of California , 1969, Öl auf Leinwand, 172,7 × 243,8 cm, Sammlung KAWS
Peter Saul, Reagan in Grenada, 1984, Acryl auf Leinwand, 210 × 180 cm, Hall Collection

In den Jahren 2004 und 2006 wurde die Folteraffäre während der Irak-Besetzung durch die USA aufgedeckt. Fotos und Videomaterial aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis dokumentierten die gewaltvolle Misshandlung und teilweise tödliche Folter der Irakischen Insassen. In „Bush at Abu Ghraib“ (2006) portraitiert der Künstler George W. Bush mit einem Irakischen Gefangenen. Der Präsident, in Anzug und Krawatte, posiert vor einer Ziegelwand. Seine Augen sind auf den Gefangenen gerichtet, den er im Arm hält. Dieser wurde bereits erhängt, sein Gesicht ist von gaffenden Einschusslöchern übersät, deformiert und fratzenhaft. Einer der fleischigen Finger des Präsidenten steckt im Mundwinkel des Toten, ganz wie Caravaggios „Der ungläubige Thomas“, der seinen Zeigefinger in Jesus’ offenes Fleisch steckt, ohne dass Blut gerinnt.

So what?

Politik ist lediglich ein weiterer interessanter Gegenstand, so wie Landschaft, Abstraktion oder irgendetwas anderes, so Peter Saul. Der Künstler ist der Ansicht, dass Politik zu lange aus der offiziellen Geschichtsschreibung der modernen Malerei ausgeklammert wurde und zwar aus Angst, eine politische Idee würde nur eine temporäre Wirkung haben und sich mit der Zeit nicht bewähren. „If so, so what? Or as Dalí might have said, “Blah, blah.”“ (Saul). Heute werden politische Themen ganz selbstverständlich von Künstlern aufgegriffen, es besteht oft gar die Forderung, Kunst müsse politisch sein. Und dass jemand wie Donald Trump inakzeptabel ist, ist ohnehin Konsens. Unter diesen Umständen erschien es Peter Saul zunächst reizlos, ein Portrait des aktuellen Präsidenten zu kreieren. Doch nun arbeitet er doch an ersten Skizzen, die durchaus vielversprechend klingen: „He probably has three heads. He gets punched by money, scalped by Native Americans. He gets sawed by a tree that has come alive. I want a lot of things to happen to him, so he’s gotta have three heads.“

Peter Saul, Bush at Abu Ghraib, 2006, Acryl auf Leinwand, 198 × 228,5 cm, Hall Collection